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19/09/05

Gegenwart bewältigen

Interview mit dem Schweizer Filmemacher Dani Levy


Drei Jahre nach seinem Ehedrama „Väter“ kehrt Dani Levy mit der Komödie „Alles auf Zucker“ ins Kino zurück. Zum Abbau von Verkrampfungen und Neurosen hat der gebürtige Schweizer und in Berlin lebende Regisseur dem deutsch-jüdischen Verhältnis eine Komödie verordnet. Gespickt mit jüdischen Klischees und frei von historischem Ballast. Für Levy ein längst fälliger Paradigmenwechsel. Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland lobt dass hier "endlich mal nicht über, sondern mit uns gelacht wird".


  • "Alles auf Zucker" ist eine ARTE-Koproduktion und wird auf ARTE erstmals im Fernsehen am 8. April 2005 gezeigt.


Mit ARTE besuchte Dany Levy das fast fertig gestellte Holocaust-Mahnmal. Ein Gespräch über den Wunsch nach deutsch-jüdischer Normalität.

Als Dani Levy die Baustelle des Denkmals für die ermordeten Juden Europas betritt, telefoniert er – der Mann hat Termine. Der Filmemacher läuft an den ersten, niedrigen Betonquadern vorbei, schaut skeptisch und bleibt dann stehen. Das Telefon schweigt, er betritt das Stelenfeld. Schaut sich um. Langsam. Zögernd. Er dringt tiefer ein in den Stelenwald, bis ihn die dunklen Säulen überragen. Streckt die Hand aus, berührt den Beton.

Ihr erster Eindruck, Herr Levy?
Jetzt, wo ich hier bin …, es ist schon echt beeindruckend. Ein sehr eigenartiges Gefühl …

Was für ein Gefühl?
Bedrückend. Aber es hat auch etwas von einer Spielwiese - durch diese Höhenunterschiede und die kleinen Hügel … Meine fünfjährige Tochter fände es sicher toll, sich hier zu verstecken und herumzurennen. Man fühlt sich wie in einer Spielzeugstadt. Und gleichzeitig sehr klein. Wie ein Kind. Wie ein Kind auf einem überdimensionalen Friedhof.

Das klingt jetzt aber wirklich bedrückend …
Na ja, es ist eben ein Betonfeld. Man hätte auch etwas Beweglicheres machen können, etwas Lebenslustigeres.

Zur Erinnerung an die im Holocaust ermordeten Juden?
Warum nicht? Das Mahnmal setzt ganz auf die Schwere und Trauer, auf das Erdrückende des Holocausts. Man hätte auch zeigen können, was verloren gegangen ist mit diesen Menschen, das Schöne der jüdischen Kultur. Warum zeigt man nur die Zerstörung und gibt keinen Blick auf das, was zerstört wurde? Es hat so gar nichts Jüdisches …

Sie sind Jude, in Basel geboren und aufgewachsen. Mit 22 Jahren kamen Sie nach Berlin – die Stadt, aus der Ihre Mutter als Tochter polnischer Juden 1939 fliehen musste. Warum sind Sie nach Berlin gekommen?
Das kam durch die Theatergruppe „Rote Grütze“. Die hatte ich in Basel gesehen, und ihre Art Theater zu machen hat mich begeistert und fasziniert. Ich bin ihnen nach Berlin gefolgt. Damals hatte ich kein Bewusstsein dafür, was es familienhistorisch bedeutete, an diesen Ort zurückzukehren. Bei uns zu Hause waren die schrecklichen Ereignisse des Holocausts und die Vertreibung meiner Familie ein absolutes Tabu. Meine Mutter hat als Kind die Reichskristallnacht 1938 in Berlin miterlebt. Aber sie hat uns von klein auf das Gefühl gegeben, nicht über dieses Thema reden zu wollen.

Und Sie haben als Kind auch nie nachgefragt?
Nein. Zu einer völligen Tabuisierung gehört ja, dass man gar nicht erst auf die Idee kommt, zu fragen. Das Thema Holocaust fand bei uns einfach nicht statt.

Wann haben Sie angefangen, sich mit der Vergangenheit Ihrer Familie auseinanderzusetzen?
Ich denke heute, dass das der eigentliche, tiefere Grund dafür war, dass ich nach Berlin gezogen bin: Ich habe einen Weg zu meiner Mutter und zu unserer Geschichte gesucht. Es hat Jahre gedauert, bis mir das klar wurde. Anfangs habe ich nicht verstanden, warum sie mich nicht besuchen kommt.

Waren Ihre Filme für Sie auch ein Weg der Verständigung mit Ihrer Mutter?
Meine ersten Filme waren anarchistische Liebesfilme. Da ging es nicht um Vergangenheit. Aber „Meschugge“, aus dem Jahr 1998, war natürlich ein ganz wichtiger Film für meine Mutter. Darin geht es um zwei junge Menschen – den Juden David und Lena, die von sich glaubt, Jüdin zu sein –, die kein wirkliches Gespräch über die Vergangenheit mit ihren Eltern führen können und eines Tages unerwartet mit ihrer Familiengeschichte konfrontiert werden. Der Film war für mich eine Gelegenheit, meine eigene Nicht-Vergangenheit zu thematisieren und mit meinen Eltern ins Gespräch zu kommen.

Was heißt jüdische Identität für Ihre Familie?
Nichts Besonderes. Wir sind Juden. Basta. Ich war auf einem ganz normalen Gymnasium, als einziger Jude in der Klasse, aber am Wochenende gingen meine Schwester und ich in den jüdischen Jugendbund statt zu den Pfadfindern. Zu Hause führten wir ein unorthodoxes, aber traditionelles jüdisches Leben. Wir haben nur die wichtigsten Feiertage gefeiert, wie Chanukka, Pessach oder Yom Kippur. Und dann kam ich 1980 nach Berlin und in eine klassische Diaspora, in ein völlig nichtjüdisches Umfeld, in das ich mich mit einem unbändigen Integrationswillen eingegliedert habe. Eigentlich habe ich erst viele Jahre später kapiert, dass es so einfach nicht ist.

Das heißt …?
Es gibt nun mal eine Geschichte, die Juden und Deutsche miteinander ausfechten. Bis heute. Und da kann ich mich nicht einfach ausklinken. Die Beziehung zwischen Deutschen und Juden hat Anfang des letzten Jahrhunderts eine Menge befruchtender und kreativer Verbindungen hervorgebracht. Dann kam der Nationalsozialismus und seitdem leben wir in einer Art Wiederaufbau. Ich muss zugeben, ich finde dieses Verhältnis ziemlich neurotisch. Auf beiden Seiten.

Was läuft schief zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland, 60 Jahre nach Ende des Holocausts?
Das Problem der Deutschen ist diese Lähmung durch das schlechte Gewissen. Ich kann das bestens verstehen, aber es macht eine Normalität zwischen Juden und Nichtjuden unmöglich. Das Problem vieler, vor allem älterer Juden, wiederum ist eine Art Paranoia, hinter jeder Ecke neuen Antisemitismus zu vermuten.

In Ihrem neuen Film „Alles auf Zucker!“ zeigen Sie auf sehr unterhaltsame Weise zwei ungleiche jüdische Brüder mit skurrilen Macken und Eigenarten. Dürfen Sie über Juden lachen, weil Sie Jude sind?
Ach Quatsch. Alle dürfen über Juden lachen. Ich glaube nicht, dass ich eine Art Schonsphäre habe, nur weil ich Jude bin. Ich denke, die Leute spüren, ob der Filmemacher zynisch und lieblos mit seinen Figuren umgeht und einfach Tabus verletzen will, oder ob er seine Figuren liebt. Und wenn er sie liebt, dann darf er auch über sie lachen.

Ist es das, was jüdischen Humor auszeichnet?
Jüdischer Humor ist frech und subversiv, das macht ihn so spannend. Aber er geht selten auf Kosten anderer Menschen, sondern meist auf eigene Kosten. Jüdischer Humor nimmt die Widersprüche des Menschen als Basis für seine oft bösen Witze und macht auch vor Autoritäten und Dogmen nicht Halt. Über sich selbst lachen zu können wirkt sehr befreiend und ist auf geistiger Ebene eine Art Medizin fürs Überleben.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren neuen Film?
Ich habe ihn auf vielen Festivals gezeigt, in Wien, Hamburg, Berlin, sogar in Israel. Das jüdische Publikum hat überhaupt kein Problem mit Filmen, die Juden nicht immer nur als verfolgte Minderheit zeigen. Das nichtjüdische Publikum dagegen muss sich sehr wohl daran gewöhnen, Juden heute in einem völlig anderen Kontext zu sehen – tut dies aber mit großem Spaß und großer Erleichterung. Wann sieht man schon mal das Gebet einer jüdischen Familie nach dem Essen – nicht das Gebet vor der Gaskammer, sondern ein völlig normales Gebet, ein Stück Alltag im jüdischen Leben?

Der Publizist und Autor Rafael Seligmann hat einmal gesagt, man solle nicht immer von Vergangenheitsbewältigung sprechen – Vergangenheit lasse sich nicht bewältigen. Stattdessen solle man versuchen, die Gegenwart zu bewältigen. Sind Ihre Filme Gegenwartsbewältigung?
Ja, vielleicht. Es gibt ein Leben nach dem Holocaust, es entsteht eine neue Kultur. Ich würde gerne sehen, dass der jüdische Humor wieder Einzug in Deutschland hält und sich wieder stärker mit der deutschen Kultur verbindet. Vielleicht stehe ich auf dieser Nahtstelle zwischen Judentum und Deutschland, aber da stehe ich nicht allein. Henryk M. Broder, Maxim Biller, Daniel Cohn-Bendit, Sharon Brauner, Dominique Horwitz und, und, und – es gibt so viele Juden, die sich in Deutschland behaupten, ohne ihr Jüdischsein ständig vor sich herzutragen. Auf diese Normalität müssen wir vertrauen.

Das Gespräch führte Maike van Schwamen für das ARTE Magazin, Dezember 2004

Erstellt: 19-01-05
Letzte Änderung: 19-09-05