21/04/08
Die Situation heute: Katastrophe oder Chance?
Am Viktoriabarsch scheiden sich nach wie vor die Geister
Nur wenige Dokumentarfilme haben weltweit ein solches Echo gefunden wie „Darwins Alptraum“. In dramatischen Bildern zeigt der österreichische Filmemacher Hubert Sauper in dem preisgekrönten Streifen, wie das Aussetzen des Nilbarschs im Victoriasee vor rund 50 Jahren eine ökologische, wirtschaftliche und menschliche Katastrophe in der Region ausgelöst hat. Doch ist diese Darstellung in der Folge nicht ohne Widerspruch geblieben. Jüngst gestartete Entwicklungshilfeprojekte sollen dafür sorgen, dass die Europäer den schmackhaften Fisch wieder ohne Bedenken genießen können.
Alles begann 1954, als versuchsweise einige Nilbarsche im Viktoriasee ausgesetzt wurden. In den 1960-er Jahren wurde diese Maßnahme intensiviert, um die Fischereiwirtschaft anzukurbeln. Doch niemand rechnete mit der Gefräßigkeit dieses Barschs, dem in den folgenden Jahren über 400 Fischarten, die im Viktoriasee heimisch waren, zum Opfer fielen. Saupers Film zeigt, wie in den rund um den See entstandenen Fischfabriken der – nun so genannte – Viktoriabarsch für den europäischen und den asiatischen Markt verarbeitet wird, während die einheimische Bevölkerung mit den Fischabfällen vorliebnehmen muss. Dass die Flugzeuge, die den verarbeiteten Viktoriabarsch an ihre Bestimmungsorte bringen, auf dem Rückflug häufig auch Waffen an Bord haben, unterstreicht in dem Film den Eindruck, dass die Menschen in Tanzania nicht von dem Fischboom profitieren.
Im offiziellen Tanzania löste die Ausstrahlung von „Darwins Alptraum“ einen Sturm der Empörung aus. Präsident Jakaya Kikwete beklagte sich in einem Interview darüber, dass der Film das Image seines Landes beschädigt und einen Einbruch beim Export von Viktoriabarsch verursacht habe. An anderer Stelle wurde Kikwete noch deutlicher: „Der Film ist eine Beleidigung unseres Landes und der Anrainer am See, weil er nicht die wahre Natur des Geschäfts abbildet“. In der Stadt Mwanza, in der große Teile des Films gedreht worden waren, kam es nach diesen Äußerungen des Präsidenten zu Protesten und zu Übergriffen auf Personen, die Sauper bei den Dreharbeiten unterstützt oder ihm Interviews gegeben hatten.
Doch auch Wissenschaftler und Entwicklungshelfer widersprachen den Schlussfolgerungen des österreichischen Filmemachers. So wies der deutsche Grünen-Politiker und Entwicklungshilfe-Fachmann Roger Peltzer darauf hin, dass der Fischexport nach dem Tourismus und der Goldförderung die wichtigste Devisenquelle Tanzanias sei. Das Land habe in den vergangenen Jahren durchaus Schritte in die richtige Richtung unternommen: „Angesichts des zunehmenden Fangs des Viktoriabarschs konzentrieren sich die Behörden der Anrainerstaaten heute auf Maßnahmen, die eine Überfischung verhindern. Da Tanzania den Einsatz von Trawlern verboten hat, konnten viele tausend kleine Fischer eine Existenz aufbauen. Die Fischfabriken am Viktoriasee müssen mit europäischen Hygienestandards arbeiten, und die in der Filetierung arbeitenden Frauen und Männer erhalten durchweg eine Entlohnung, die deutlich über dem Durchschnittseinkommen ihres Landes liegt. Die Anrainerstaaten, aber auch die Kommunen am See, partizipieren an der Wertschöpfung gleich dreifach: So zahlen die Fischer eine kommunale Steuer pro Kilogramm Fangfisch, und die Fischfabriken müssen Export- und Gewinnsteuern abführen“, argumentiert Peltzer in einem Beitrag für die deutsche Tageszeitung „taz“. Als einen Schritt in die richtige Richtung beurteilt der Politiker auch das von Tanzania erlassene Exportverbot für die verbliebenen traditionellen Fischarten im See, die auf diese Weise weiter eine Nahrungsgrundlage für die einheimische Bevölkerung seien.
Widerspruch kam ebenso von dem Evolutionsökologen Ole Seehausen von der Universität Bern. In einem Gespräch mit der Tageszeitung „Die Welt“ stellte zwar auch er fest, dass rund 200 heimische Fischarten aus dem Viktoriasee verschwunden seien, doch läge dies nur indirekt am Viktoriabarsch, sondern vielmehr „an der Nährstoffanreicherung durch den Bevölkerungsanstieg rund um den See, an Abholzung, Ansiedlung von Industrie und Intensivierung der Landwirtschaft“. Dieser Prozess habe bereits in den 1920er Jahren begonnen. Wie andere Wissenschaftler weist Seehausen auf einen positiven Nebenaspekt der starken Befischung des Viktoriabarschs hin: „Dadurch gibt es sogar wieder einen Zuwachs an Buntbarscharten“.
Kritischer wird die ökologische Situation von der Meeresbiologin Stefanie Werner beurteilt. Für sie ist das Ergebnis der Ansiedlung der Nilbarsche im Viktoriasee „eine Katastrophe“. Der See „ist heute ein sterbendes Gewässer. Die großen Barsche haben sich unkontrolliert vermehrt, die heimischen Arten werden verdrängt oder als Köder genutzt“. Und von der „unkontrollierten kommerziellen Fischindustrie, die frische Barschfilets unkontrolliert in die Industriestaaten ausfliegen, profitierten nur wenige Menschen. „Die traditionelle Kleinfischerei ist zerstört. In der Bevölkerung haben sich materielles Elend und Prostitution ausgebreitet. Da ist nicht nur die Umwelt geschädigt. Und das alles fördern wir, wenn wir Viktoriabarsch kaufen“, resümiert die Meeresbiologin in einem Interview mit dem „Umweltjournal“.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma könnte eine Zertifizierung des Fischs sein, wie ihn die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums unterstützt. So weist die GTZ darauf hin, dass mehr als 150.000 Fischerfamilien in Tanzania, Kenia und Uganda rund um den Viktoriasee vom Verkauf des Viktoriabarschs lebten. Dabei geht es den deutschen Entwicklungshelfern nicht allein darum, das schlechte Gewissen der europäischen Konsumenten zu beruhigen: „Denn bislang leben viele Fischerfamilien in drückender Armut und leiden teilweise unter unerträglichen Arbeitsbedingungen. Von den Exporterlösen bleibt bei ihnen kaum etwas hängen“, sagt GTZ-Fischexperte Uwe Scholz.
Mit der Zertifizierung, die in Pilotmaßnahmen in allen drei Anrainerstaaten getestet werden soll, verfolgt die GTZ deshalb einen umfassenden Entwicklungsansatz: Die Lebensbedingungen der 1,4 Millionen Menschen, die von der Fischerei abhängig sind, sollen durch gezielte Wirtschaftsförderung verbessert werden. Neben moderner Fangausrüstung gehören vor allem die Förderung des Exports und die stärkere Beteiligung an diesen Erlösen dazu. „Gerade die Exportförderung macht Sinn, da der Viktoriabarsch von der lokalen Bevölkerung selbst kaum verzehrt wird“, erklärt Scholz.
Vielleicht können die Europäer dann, ausgelöst durch „Darwins Alptraum“ und die darin aufgedeckten Missstände, irgendwann einmal wieder beruhigt Viktoriabarsch essen. Allerdings macht der gefräßige Räuber aus Afrika nur einen kleinen Teil des europäischen Fischmarkts aus. Die Europäische Union importiert jährlich 40.000 bis 60.000 Tonnen Viktoriabarsch. Das ist wenig im Vergleich zu den 1,7 Millionen Tonnen Fisch, die allein Deutschland jährlich einführt. Aber es ist viel, wenn man bedenkt, dass Tanzania insgesamt 200.000 Tonnen Viktoriabarsch jährlich exportiert. Wenn sich die ökologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen am Viktoriasee verbessern sollen, haben die Europäer also durchaus einen Hebel, an dem sie ansetzen können – wenn sie denn wollen.
Uwe A. Oster
Erstellt: 18-04-08
Letzte Änderung: 21-04-08