Donnerstag, 4. Oktober 2007 um 20.40 Uhr
Intolerance
Stummfilm von David Wark Griffith
Das Unrecht, das Arbeiter in den amerikanischen Slums des 20. Jahrhunderts erleiden, der Untergang Babels, die Kreuzigung Jesu und das Massaker der Bartholomäusnacht - vier Säulen der Geschichte, denen eines gemein ist: Die Inhumanität des Menschen gegenüber sich selbst.
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Babel, 539 vor Christus: Der junge Prinz Belshazzar kann den Untergang Babels nicht aufhalten, da starrköpfige Großväter an ihren überholten religiösen Ideen festhalten und durch ein Komplott dem Fortschritt Einhalt gebieten. Der Verrat an Jesus und seine Verurteilung durch hypokritische Pharisäer gipfelt in der Kreuzigung. Ein weiteres Massaker menschlicher Geschichte ist das Verbrechen an den Hugenotten in der Bartholomäusnacht im Paris des Jahres 1572: 50.000 Protestanten werden ermordet, während sich zu gleicher Zeit ein Liebespaar unwissend auf eine Hochzeit vorbereitet, die nie stattfinden wird... Schließlich zerstören Sozialreformer im modernen Amerika des 20. Jahrhunderts das Leben einer jungen Frau und ihres Geliebten. All diese Daten der Weltgeschichte verbindet eines: das Elend, welches selbstherrliche Herrscher während vieler Jahrhunderte verursachten.
Hintergrund"Ich habe immer gesagt, dass ich Babel wieder aufbauen würde", kommentiert Regisseur und Drehbuchautor Griffith sein Werk "Intolerance". Das erste Monumentalwerk der Filmgeschichte mit einer sagenhaften Länge von dreieinhalb Stunden wird oft als spektakulärster Film aller Zeiten zitiert. Der Stummfilm von 1916 prangert Vorurteile und Grausamkeiten der Menschheit an und verurteilt über 2000 Jahre menschlicher Missstände. Couragiert ist dabei Griffiths Ziel, Intoleranz und Schwäche zu überwinden und ein neues, positiv besetztes Babel der Gegenwart zu errichten.
D.W. Griffith gilt aus vielerlei Gründen als Pionier des Kinos. So ist er der erste Regisseur, der einen Spielfilm dreht, welcher erstmals länger als die bisherigen Filme von maximal eine Stunde ist. Zudem macht er die Technik des Cross-Cuttings populär, indem er zwischen verschiedenen Szenen alterniert. Revolutionär ist auch das verschachtelte Handlungsmuster von "Intolerance": Die vier Parallelgeschichten werden nicht nacheinander erzählt, sondern immer wieder in Ausschnitten fortgesetzt. Es herrscht ein reger Wechsel zwischen Raum und Zeit, der immer von einem Vers Walt Whitmans flankiert wird: "Out of the cradle, Endlessly rocking" - Aus der Wiege, Unendlich schaukelnd.
Der "Vater der Filmgrammatik", wie ihn seine Anhänger nennen, wird sehr kontrovers diskutiert. Dies ist vor allem seinem Kassenschlager "Geburt einer Nation" von 1915 zuzuschreiben. Im ersten Propagandafilm der Kinogeschichte führt Griffith rassistische Pro-Sklaverei- und Ku-Klux-Klan- Parolen vor und verteidigt die Position der amerikanischen Südstaaten vor dem Sezessionskrieg. Etliche Kampagnen laufen gegen den Film an, unter anderem von der "National Association of the Advancement of Colored People", allerdings erfolglos, denn der Film wird nie verboten.
Mit "Intolerance" wendet sich Griffith inhaltlich in eine ganz andere, weniger umstrittene Richtung und geht ein weiteres Mal in die Filmgeschichte ein, nicht zuletzt aufgrund der immensen Kosten seines fulminanten Werks. Dessen Fertigstellung kostet mehr als 2 Millionen Dollar, eine zu damaliger Zeit astronomische Summe, die die ausführende Produktionsfirma "Triangle Film Corporation" in den Bankrott stürzt.
Im Jahr 2007 wird "Intolerance" vom "American Film Institute" zur Nummer 49 der weltbesten Filme aller Zeiten gekürt, im gleichen Jahr wir die aufwändig restaurierte Version mit der vom Orchestre national d'Île-de-France interpretierten Musik von Antoine Duhamel und Pierre Jansen zur Eröffnung des Filmfestivals von Venedig gezeigt.
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Intolerance
(Love's Struggle througout the Ages)
Stummfilm, USA, 1916, 177mn
ARTE F
Regie: David Wark Griffith
Kamera: G.W. Bitzer
Musik: Antoine Duhamel und Pierre Jansen ("La suite symphonique", version 2007)
Schnitt: G.W. Griffith, James Smith, Rose Smith
Mit: Alfred Paget (Prinz Belshazzar, Babylon), Elmer Clifton (Der Rhapsode, Babylon), Eugene, Spottiswoode Aitken (Vater von Braune Augen, Frankreich), F.A. Turner (Vater des Mädchens, USA), Howard Gaye (Jesus, Judäa), Lillian Langdon (Die Mutter Maria, Judäa), Mae Marsh (Die Liebe, USA), Margery Wilson (Braune Augen, Frankreich), Olga Grey (Maria Magdalena, Judäa), Robert Harron (Der Junge, USA), Seena Owen (Geliebte Prinzessin, Babylon)
Autor: David Wark Griffith
Vertreiber: Zz Productions
Produktion: Triangle Film Corporation, Wark Producing Corp.
Produzent: D.W. Griffith
Erstellt: 01-10-07
Letzte Änderung: 04-10-07