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Stummfilm

Die Cinémathèque Française ehrt Jean Epstein mit einer Retrospektive.

Stummfilm

Freitag 27.Oktober 2006 um 01.15 Uhr - 13/04/12

Das neue Babylon

Stummfilm von Grigorij Kosinzew & Leonid Trauberg


1871: In Zeiten des offen ausgetragenen Klassenkampfes hat die Liebe zwischen Louise und Jean keine Chance. Beide stehen auf verschiedenen Seiten: Louise lebt für die Pariser Commune, die Jean als Soldat bekämpfen muss. Wird ihre Liebe dennoch diese Grenzen überwinden können?


Die diskrete Bourgeoisie überlässt den Klassenkampf der Nacht. Bildrechte: ZDF / © ZDFVor dem Hintergrund der Niederschlagung der Pariser Commune 1871 wird die Geschichte von Louise und Jean erzählt, deren Liebe in Zeiten des offen ausgetragenen Klassenkampfes keine Chance hat. Louise, Verkäuferin im Kaufhaus "Das Neue Babylon" ist engagierte Kommunardin, Jean, ein politisch unbedarfter junger Mann vom Lande, steht als Soldat im Dienst der französischen Armee und ist gezwungen, die Commune zu bekämpfen. Wo finden die beiden Liebenden ihren Platz in dieser politischen Auseinandersetzung?

Hintergrund der Filmhandlung ist die Niederschlagung der Pariser Commune von 1871 nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen. Während ihrer nur 72 Tage währenden Existenz hatte sich die Commune bemüht, mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern.

Die Pariser Commune gehört - dank eines Essays von Karl Marx - zu den Mythen der Bolschewiki und galt als Vorläuferin der Oktober-Revolution. So ist es nicht verwunderlich, dass die avantgardistischen Filmregisseure Grigori Kosinzew (1905-1973) und Leonid Trauberg (1902-1990) einen Film darüber drehen. "Das neue Babylon" gehört zu den Klassikern der russisch-sowjetischen Filmgeschichte. Die Premiere von Film und Musik am 1929 allerdings endet in einem Fiasko: Orchester und Publikum sind überfordert vom experimentellen Charakter des Films.

In der Tat lebt "Das neue Babylon" von seinem furiosen Tempo und der karikaturistischen Überzeichnung: das Leben der sorglosen Bourgeoisie wird als ein großes Cabaret in dicht komponierten Tableaus inszeniert. Kameramann Andrej Moskwin rekonstruiert die Offenbach-Atmosphäre des Pariser Lebens und das Zola-Klima der Arbeiter-Vororte.

Die Kommunardin Therese (Yanina Zhejmo) begreift, dass die Tage der Pariser Commune gezählt sind. Bildrechte: ZDF / © ZDFBesonders auffallend ist die radikale Montage des Films, die entfremdend und verzerrend wirkt. Das Regie-Duo entwickelt so eine einzigartige Filmästhetik, die immer wieder in die Kritik gerät. Der Film wird vor seiner Aufführung von der Zensur erfasst, die das Werk grundlegend verändert: aus einem Liebesmelodram wird ein melodramatischer Historienfilm, für manche westlichen Rezensenten ein Propagandafilm - das westliche Publikum reagiert nicht wach genug auf den Subtext und die versteckten Anspielungen auf die politische Situation. In der Tat spiegelt der Film die gesellschaftliche Realität der Sowjetunion der 20er Jahre wider: Die große politische Apathie im Lande und die virulente politische Opposition der Jugend.

In den experimentellen Charakter des Films fügt sich perfekt die Musik des jungen Komponisten Dimitri Schostakowitsch. Er komponiert eine Art musikalischer Montage: Walzer, Cancans und Operetten sind ebenso verwendet wie französische Volksmusik und Revolutionslieder. Die Marseillaise wird in unterschiedlichsten Formen verarbeitet. Die hier vorgestellte rekonstruierte Musikfassung beruht auf dem im Glinka Museum, Moskau, überlieferten Manuskript von Schostakowitsch, sowie auf dem für die Uraufführung gedruckten Orchestermaterial. Heutzutage zählt diese Musik aus dem Jahre 1929 zu den großen Klassikern der Stummfilm-Musik.


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Das neue Babylon
Stummfilm, Deutschland / Russland 1929, ZDF
Original mit deutschen Untertiteln, Stereo, SW
Regie: Grigori Kosinzew, Leonid Trauberg
Drehbuch: Grigori Kosinzew, Leonid Trauberg
Kamera: Andrei Moskwin, Jewgeni Michailow
Musik: Dmitri Schostakowitsch
Produktion: Sovkino
Mit: Jelena Kusmina (Louise Poirier), David Gutman (Direktor), Andrei Kostrichkin (der Lehrling), Sofia Magarill (eine Schauspielerin), A. Arnold (Abgeordneter), Sergei Gerasimow (ein Journalist), Yevgeni Chervyakov (Soldat der Nationalgarde), Pjotr Sobolewski (Jean, ein Soldat), Yanina Zhejmo (Therese), Oleg Zhakov (Soldat der Nationalgarde), Wsewolod Pudowkin (Angestellter), Lydmila Semyonova (Can-Can Tänzerin), A. Glushkova (Wäscherin)

Erstellt: 25-10-06
Letzte Änderung: 13-04-12