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Kino auf ARTE - 30/09/10

Macunaíma

Ein Film von Joaquim Pedro de Andrade


Als Schwarzer im brasilianischen Dschungel geboren, durch eine Zauberquelle aber zum Weißen gemacht, geht Macunaíma in die große Stadt - immer auf der Suche nach Geld, Frauen und einem magischen Stein, der Glück bringen soll. Dabei trifft er auf Hexen, Guerilleras und menschenfressende Industriemagnaten und findet am Ende sogar seinen Weg zurück nach Hause ...



In einer Hütte mitten im brasilianischen Dschungel erblickt Macunaíma das Licht der Welt: Der nicht allzu hübsch geratene und äußerst faule Spätentwickler wird von seiner Familie bestenfalls ignoriert. Als seine Mutter stirbt, macht sich Macunaíma mit seinen Brüdern Jiguê und Maanape auf, um in der großen Stadt sein Glück zu suchen. Auf dem Weg stoßen sie auf eine magische Quelle, deren Wasser den dunkelhäutigen Macunaíma in einen weißen, gut aussehenden Mann verwandelt. Derart verzaubert lässt der Erfolg bei den Frauen in der Stadt nicht lange auf sich warten: Macunaíma trifft die verführerische Guerilla-Kämpferin Ci und richtet sich bei ihr ein. Hier kann er wieder seine ausgesprochene Faulheit ausleben, während sie den gemeinsamen Lebensunterhalt verdient. Schließlich bekommt Ci sogar ein Kind von Macunaíma. Doch dann transportiert die Untergrundkämpferin im Kinderwagen nicht nur den gemeinsamen Sohn, sondern auch eine Bombe, die leider zu früh hochgeht und beide tötet. So schließt sich der trauernde Macunaíma wieder seinen Brüdern an.
Einige Tage später erfährt er aus der Zeitung, dass der Industriemagnat Venceslau Pietro Pietra einen Stein gefunden hat, der Glück bringen soll, und der, wie Macunaíma weiß, vorher seiner Ci gehörte. Als er Pietro Pietra aufsucht, um ihm den Stein abzunehmen, entdeckt er, dass der Unternehmer und seine Familie eine Vorliebe für Menschenfleisch hegen. Er kann den Kannibalen knapp entkommen und mit dem kostbaren Stein fliehen. Gemeinsam mit seinen Brüdern beschließt Macunaíma daraufhin, wieder in den Dschungel zurückzukehren. Doch auch dort erwartet ihn schon jemand, der ihn gern als Mahlzeit hätte ...

Der Trashfilm "Macunaíma" beruht auf dem gleichnamigen Roman des brasilianischen Schriftstellers Mário de Andrade, welcher wiederum viele Legenden und Erzählungen der brasilianischen Ureinwohner aufgreift. Der Film gilt als einer der wenigen Kassenschlager des brasilianischen "Cinema Novo". Diese Strömung der 50er und 60er Jahre verstand sich als Gegenbewegung zum Hollywoodkino, welches damals den brasilianischen Markt dominierte. Kannibalismus, wie er in "Macunaíma" behandelt wird, ist ein zentrales Thema der letzten Phase des "Cinema Novo". Der Regisseur Joaquim Pedro de Andrade selbst sagte über seinen Film, er erzähle "die Geschichte eines Brasilianers, der von Brasilien gefressen wird". Mit dieser deutlich von der Absurdität ihrer Zeit geprägten Verfilmung einer Vorlage, die sich selbst auf alte Mythen stützt, gelingt Joaquim Pedro de Andrade eine Mischung, die den Facettenreichtum Brasiliens zu seiner Zeit deutlich macht: "Macunaíma" verbindet die Wurzeln brasilianischer Kultur und Anspielungen auf die politischen Verhältnisse mit den rebellischen Zügen einer außergewöhnlichen Generation von Filmemachern. Wegen der Repressionen des brasilianischen Militärregimes, die ab 1968 immer deutlicher wurden, verließen viele Regisseure das Land. Joaquim Pedro de Andrade, der sich gegen das Exil entschied, wurde nur kurze Zeit vor Beginn der Dreharbeiten zu Macunaíma verhaftet und musste einige Tage im Gefängnis verbringen.
Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1988 konnte Joaquim Pedro de Andrade nur fünf Spielfilme realisieren. Zu seinem Werk gehören zudem acht Kurzfilme und der Dokumentarfilm "Garrincha - Alegria do Povo", der 1963 für den Goldenen Bären auf der Berlinale nominiert war.
Anfang 2000 wurden auf die Initiative seiner Tochter, Alice de Andrade, sämtliche Filme des Regisseurs digital restauriert.
Grande Otelo, der im Film den schwarzen Macunaíma verkörpert, gilt als eine der berühmtesten Persönlichkeiten des brasilianischen Films. Der Schauspieler, der in über 125 Produktionen mitwirkte, erlangte vor allem als Teil eines Komikerduos Ruhm. Ihm wurde 1990 beim Gramado Film Festival der Oscarito-Preis für sein Lebenswerk verliehen.
"Macunaíma" gewann 1970 auf dem brasilianischen Mar del Plata Film Festival den Preis für den Besten Film und auf dem Festival des brasilianischen Kinos in Brasília die Candango-Trophäe für das Beste Drehbuch. Grande Otelo und Jardel Filho wurden hier als bester Haupt- und Nebendarsteller ausgezeichnet.

Macunaíma
Freitag 8. Oktober 2010 um 03.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Brasilien, 1969, 99mn)
ARTE F

Erstellt: 28-09-10
Letzte Änderung: 30-09-10