Sich mit Indien zu beschäftigen, heißt, Komplexität zu erfahren. Das flächenmäßig siebtgrößte Land der Welt, mit einer Milliarde Menschen, Zehntausenden von Göttern, Tausenden Jahren von Kultur und Geschichte, Hunderten von Dialekten und 18 offiziellen Sprachen, - es ist unmöglich, alles über Indien zu wissen oder herauszufinden. Je tiefer man forscht, um so mehr tut sich auf, man findet immer wieder Neues. Und gerade das macht das Land so interessant, so anregend, so überraschend; von Indien läßt sich so viel lernen, wie man will.Auch wer sich nur mit einem Teilbereich indischer Kultur befaßt, kann zu keinem Ende kommen. Zum Beispiel der indische Film: seine Forscher beschäftigt er auf Lebenszeit, seine Fans sind ihm in tiefer Verehrung verfallen, niemanden läßt er unberührt, alle sind gleichermaßen süchtig. Indien produziert im Jahr über 500 Kinofilme, dazu kommen an die 400 synchronisierte Fassungen und eine kaum bezifferbare Anzahl an Fernsehproduktionen. Es ist ein Universum in sich selbst, mit seinen Tausenden von Berühmtheiten (Stars, Regisseure, music directors, stunt directors, lyricists usw.), mit Klatsch und Gerüchten, mit Publicity, Preisen und Jubiläen. Aber auch mit einer Fülle von Filmen jenseits des Kommerz, bis hin zu Arthouse-, Video- und Kurzfilmproduktionen.
Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs war unsere Film- und Kinokultur neben unseren eigenen europäischen Filmen vor allem von denen der U.S.A. beeinflußt. Es hat lange gedauert, bis wir den Blick nach Asien richteten, obwohl Japan, China und Indien schon lange eine blühende Filmtradition hatten. Auch fand der indische Film – mit Ausnahme mancher Festivals – bis zu den wirtschaftlichen Reformen von 1991 nur schwer den Weg in den Westen. Zwar wird er seit eh und je in die Nachbarländer verkauft, nach Pakistan, Zentralasien, Ostasien, in den Nahen Osten, nach Afrika, und begeistert auch dort ein Massenpublikum. Uns aber hat er lange nicht erreicht, und erst jetzt, seit ein paar Jahren, folgen wir einzelnen Spuren des indischen Kinos. Dabei fühlen wir uns wie Kolumbus: doch in Wahrheit entdecken wir etwas, das immer da war. Wir glauben, zu sehen: dabei ist nur unsere Blindheit geringer geworden und die Möglichkeiten des Zugriffs auf Filme und Informationen haben sich verbessert.
Vielleicht ist das indische Kino für uns die letzte große unentdeckte Filmkultur, überhaupt eine der letzten eigenständigen Kulturen, die es noch zu erforschen gibt, bevor alles global wird. Aber ganz ursprünglich ist das Kino Indiens nie gewesen - seine Filmemacher haben uns durchaus beobachtet und studiert, angefangen vom Neorealismo bis hin zu Hollywood und Hongkong. Sie haben von uns gelernt, zitiert, abgeguckt, kopiert, aber ihre eigene Ästhetik damit nur bereichert und nicht etwa ersetzt.
Vieles ist sehr eigentümlich geblieben: das beginnt schon beim film mahurat, dem offiziellen Drehbeginn eines Films, wo rituell eine Kokosnuß zerschlagen wird. Vom Prozedere der Entstehung eines Films weiß man erstaulich wenig. Oft wird kolportiert, daß es kein richtiges Drehbuch gibt. Die Dreharbeiten zu einem Film sind oft über ein, zwei Jahre und manchmal sogar länger verstreut. Die meisten Stars arbeiten an mehreren Filmen gleichzeitig. Viele Filme enthalten Szenen, die außerhalb Indiens gedreht werden: an exotischen Schausplätzen, wobei exotisch hier nicht Palmen am Strand, sondern Alpengletscher, Bergseen und grüne Almen bedeutet, wie man sie in Österreich oder der Schweiz findet.
Vielleicht hundertfünfzig Filme pro Jahr werden in Hindi (mit Einschüben in der Schwestersprache Urdu) gedreht. Es ist die Muttersprache von 400 Millionen Menschen und sie wird weltweit von ca. 800 Millionen Menschen verstanden. Aber es gibt eine ganz starke regionale Produktion, vor allem in Andhra Pradesh und Tamil Nadu, dort werden über 200 Filme pro Jahr in den Sprachen Telugu und Tamil gedreht. Die Hindi-Filme werden hauptsächlich in Bombay produziert, der Filmhauptstadt "Bollywood". Viele Regionalfilme haben stilistisch einiges mit Bollywood gemein, manche dagegen sind ganz anders, oft innovativer. - Auch in verschiedenen anderen Sprachen wird gefilmt; außerdem gibt es indische Produktionen in englischer Sprache und Arthouse-Filme (früher "Parallel Cinema" genannt), die man gewiß nicht als Bollywood-Filme bezeichnen kann.
Wir haben zehn Filme der letzten zehn Jahre ausgesucht, die zum interessantesten gehören, das das indische Kino hervorgebracht hat. Beim Umfang der Produktion ist dies natürlich eine sehr gezielte und persönliche Auswahl. Die meisten dieser Filme sind relativ leicht zu bekommen (wie, das beschreibt unser Kapitel Wo kann man indische Filme sehen?), ausgenommen diejenigen, die nicht in Hindi gedreht wurden: ein bengalischer Film, ABAR ARANYE, und einer in Malayalam, PADAM ONNU: ORU VILAPAM. Sie können zur Zeit nur in Indien selbst oder möglicherweise über südindische Internet-Händler gekauft werden.
Weiters haben wir fünfzehn Persönlichkeiten des indischen Films näher beschrieben. Sicher gibt es hundertmal so viele Filmemacher und Schauspieler, die etwas zählen im indischen Film. Wichtig wären z.B. der Produzent Bharat Shah, Regisseur und Produzent Subhash Ghai, Regisseur und Kameramann Santosh Sivan, Regisseur Krisna Vamsi, oder die Schauspieler Anupam Kher, Om Puri, Raveena Tandon, Urmila Matondkar, Shabana Azmi. Und man sollte auch die bereits verstorbenen Pioniere nicht vergessen, auf deren Schultern das heutige indische Kino steht, wie Dadasaheb Phalke, Mehboob Khan, Franz Osten, Raj Kapoor, Bimal Roy, Guru Dutt, Hrishikesh Mukherjee, Manmohan Desai, Satyajit Ray.
Der Begriff Diaspora bezeichnet ethnische Gruppen, die ihre Heimat verlassen haben und über andere Teile der Welt zerstreut sind. Die Inder gehören zu den Völkern, die besonders zahlreich ins Ausland gegangen sind. Allein in den U.S.A. leben über 1,7 Millionen Inder. Viele davon haben ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Sie stellen ein Drittel der Computertechniker in Silicon Valley. Viele Inder haben es weit gebracht in den Staaten; Rajat Gutta beispielsweise ist der managing director der weltgrößten Beraterfirma McKinsey; Deepak Chopra ist ein Autor von Bestsellern über Spiritualität und alternative Medizin. Statistisch gesehen, sind die Inder die wohlhabendste Einwanderergruppe der U.S.A.
Wir haben sieben der wichtigsten Diaspora-Regisseure porträtiert. Aber es gibt noch viel mehr von ihnen: Ismail Merchant etwa, der erste indische Filmemacher, dem eine Karriere im Ausland gelang. Zusammen mit seinem Partner, dem amerikanischen Regisseur James Ivory, und der Drehbuchautorin Ruth Prawer Jhabvala, hat er über 45 Filme gedreht und dabei einen Stil entwickelt, der als "Merchant-Ivory-Film" berühmt geworden ist. Andere Diaspora-Filmer sind z.B. der in Pittsburgh lebende Harish Saluja, der 1997 THE JOURNEY drehte, oder Darshan Bhagat aus New York (KARMA LOCAL).
Als Medium mit enormer Breitenwirkung leistet das Kino für Inder und Inderinnen mehr als nur die Aufgabe, zu unterhalten: es ist eine Institution, die das Land - mit seinen so verschiedenen Interessensgruppen – seit der Unabhängigkeit 1947 definiert und zusammenhält. Dazu gehören auch die sogenannten Non-resident Indians (NRIs), die Diaspora. Auch im Ausland sind sie dem indischen Kino verfallen, kaufen und leihen DVDs, sehen indisches Satellitenfernsehen, besuchen Kinovorstellungen indischer Filme. Vor allem durch sie können auch wir Nicht-Inder daran teilhaben.
Herbert Krill ist der Regisseur des Dokumentarfilms Bollywood Remixed, der von ARTE bereits ausgestrahlt wurde.
Daniel Wisser war Mitarbeiter dieser Dokumentation und ist einer der Begründer von Spicevienna.org, einer Datenbank für indische Filme.







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