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Berlinale 2006 - Berlinale Special - 16/09/08

Virus

Ein Film von Fredi M. Murer


Auf gehobenen,
humorvollen Niveau

Schweiz, 2006, 120’
Darsteller: Fabrizio Borsani (Vitus mit 6) , Teo Gheorghiu (Vitus mit 12), Julika Jenkins, Urs Jucker, Bruno Ganz

Synopsis: Als 6-jähriges Wunderkind erweckt Vitus, gesegnet mit einem außergewöhnlichen Intelligenzquotienten und dem absoluten Gehör, die Begehrlichkeiten seiner Eltern - ihr Kind soll Pianist werden. Doch Vitus, der viel lieber Zeit in der Schreinerei seines Großvaters (Bruno Ganz) verbringt, hat eigene Vorstellungen von seiner Zukunft. Als er vom Balkon stürzt und im Krankenhaus wieder aufwacht, haben sich seine Fähigkeiten scheinbar in Luft aufgelöst.

Kritik: Fredi M. Murer ist in der Schweiz mit Dokumentarfilmen als Anwalt der Eigenbrötler (u.a. „WIR BERGLER IN DEN BERGEN SIND EIGENTLICH NICHT SCHULD, DASS WIR DA SIND“, 1974) und als Spielfilmregisseur als Anwalt der Kinder („VOLLMOND“, 1998) bekannt geworden. In „Vollmond“ verschwanden bei Murer an einem Tag 12 zehnjährige Kinder, die ihre Eltern mit einem rätselhaften Brief konfrontierten, dessen Inhalt sie zu ihrer Freilassung entschlüsseln mussten. Murers dramatische und zugleich ironische filmische Metapher stellte in der auf Leistungs- und Anpassungsdruck getrimmten Schweiz das Pädagogikprinzip auf den Kopf – die Kinder als Erzieher ihrer Eltern, die weniger Logik und mehr Phantasie forderten.

„Vitus“ ist genau genommen eine weitere Variation des Murer’schen Credos für eine unbeschwerte Kindheit. Nur wechselt der 1940 geborene Regisseur das Genre – diesmal präsentiert Murer sein Lebensthema im Gewand leicht verdaulichen Family-Entertainments für die beste Fernseh-Sendezeit. Sein Protagonist ist der Traum aller Pisa-Studien-Auswerter – Vitus hat einen Intelligenz-Quotienten, der im nicht mehr messbaren Bereich liegt, brüskiert seine Lehrer, indem er ihnen ihre rhetorischen und logischen Grenzen aufzeigt und spielt als 6-Jähriger nach ein paar Monaten bereits Klavier wie ein Alter Hase. Da die Eltern – Mama Übersetzerin mit englischer Herkunft, Vater Hörgeräterfinder - beide voll im Berufsleben stehen und somit voll beschäftigt sind, leidet das Wunderkind bald sowohl an mangelnder Aufmerksamkeit als auch an mangelnder Freizeit. Die Eltern, obwohl nicht unsympathisch, wollen lieber ein dressiertes Äffchen, das 12 Stunden Klavier spielt, als auf die wahren Bedürfnisse ihres Sohns – Spielen und Zuwendung ohne Leistungsdruck - einzugehen. Das nämlich wäre viel anstrengender und zeitaufwändiger.

Aber ein Murer-Film wäre kein Murer-Film, wenn die Kinder sich nicht mit den ihnen eigenen Mitteln wie Fantasie und Aufsässigkeit gegen die Vorstellungen ihrer Eltern wehren würden. Dabei lässt Regisseur Murer seiner Fantasie freien Lauf, lässt seinen mittlerweile 12-jährigen Helden eine Köpenickiade nach der anderen erfolgreich ausführen und bestehen. Die Kehrseiten des Wunderkinddaseins – wie etwa Isolierung unter den Gleichaltrigen – dagegen interessieren ihn weniger. Murer will unterhalten, aber trotz mancher haarsträubend-augenzwinkernder Plausibilitäts- und Glaubwürdigkeitslücke und schauspielerischen Defiziten (Ausnahme: Bruno Ganz) tut er das auf gehobenen, humorvollen Niveau.

Martin Rosefeldt

Erstellt: 19-02-06
Letzte Änderung: 16-09-08