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Berlinale 2006 - Außer Konkurrenz - 16/09/08

The Sciences Of Sleep

Ein Film von Michel Gondry


Unterhaltsam-phantastische Reise in die
Traumwelt eines schüchternen jungen Mannes

Michel Gondrys trickreiche Herangehensweise
an den Zauber der Liebe

Frankreich 2005, 105 Min.
Mit Gael García Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou

Synopsis: Der schüchterne Stéphane kommt aus Mexiko zurück nach Frankreich, weil ihm seine Mutter dort einen interessanten Job als Grafiker in Aussicht gestellt hat. Doch der Traumjob entpuppt sich schnell als stupide Handarbeit. Stéphane flüchtet ins Reich seiner Träume, diese waren schon immer spannender als seine Realität. Aber seine attraktive Nachbarin Stéphanie lässt ihn zunehmend ein verstärktes Interesse an der Realität verspüren...

Biografie: Geboren am 8.5.1963 in Versailles. Besuchte eine Kunstschule in Paris und spielte Schlagzeug in der Band Oui Oui, mit der er bis 1992 neben zwei Alben und mehreren Singles auch seine ersten Videos realisierte. Es folgten Clips für Björk, The Chemical Brothers, Massive Attack, Daft Punk, Cibo Matto und viele andere. 2001 entstand nach einem Drehbuch von Charlie Kaufman sein erster Spielfilm HUMAN NATURE. Für ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND wurde er als Co-Autor neben Kaufman 2004 mit einem Oscar ausgezeichnet.

Kritik: THE SCIENCE OF SLEEP ist ein buntes Feuerwerk aus Phantasien eines Träumers und Phantasten, die Film geworden sind. Seine Hauptfigur Stéphane vermischt Realität und Traum und natürlich tut dies auch der Film. Wie wir wissen, ist in der Traumwelt alles möglich, vor allem das, was man sich unter normalen Umständen nie erlauben würde. Da wächst dem muffeligen Chef schon mal ein langer langer Bart, bevor er aus dem Fenster stürzt, und die blonde Kollegin muss damit rechnen, auf der Kopiermaschine von hinten genommen zu werden.

Im wirklichen Leben ist Stéphane ein verträumter schüchterner Grafiker mit einem langweiligen Job, der ein Auge auf seine hübsche Nachbarin Stéphanie geworfen hat, aber nicht wagt, ihr das zu sagen.

In erster Linie macht es einfach Spaß, sich THE SCIENCE OF SLEEP anzusehen, sich der überbordenden Phantasie des französischen Regisseurs Michel Gondry hinzugeben, ohne in intellektuelles Rätselraten abzugleiten. Sicher, es wimmelt nur so von Symbolen in dieser Traumwelt, die man deuten kann – wenn man es denn will. Erfrischend ist die unprätentiöse, fast kindliche Art, mit der Gondry bei seiner Traumwelt ans Werk geht. Da haben die Menschen mal riesige Hände, Fotos werden in Pfannen gebraten und ein wild gewordener Rasierer rasiert einem Haare dran, nicht ab.

Für seine Co-Autorschaft bei VERGISS MEIN NICHT! (der den wunderschönen Originaltitel ETERNAL SUNSHINE OF A SPOTLESS MIND trägt) wurde der französische Regisseur neben Mitautor Charlie Kaufmann mit einem Oscar ausgezeichnet. Diesmal hat er zum ersten Mal auch das Drehbuch alleine fertig gestellt. Gondry bleibt seinem Grundsatz treu, der auch schon für alle seine Videos (von Björk, über Chemical Brothers zu Massive Attack und Daft Punk – um nur einige zu nennen) gegolten hat: „Mein Ziel war es schon immer, dass Menschen sich gut fühlen, wenn sie sich meine Arbeiten ansehen.“ Das klingt simpel, ist aber alles andere als einfach. Grade in diesem Grenzbereich des Films, der mit der Surrealität spielt und die Grenze zum Experimentellen schnell erreicht, ist Prätentiöses an der Tagesordnung.

Deshalb ist es auch umso schöner, gegen Ende des Films die Helden Stéphane (Gael García Bernal) und Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) wie in einem unschuldigen Kinderfilm mit einem animierten Stoffpony auf einem Holzschiff auf einem Meer aus Cellophan dahingleiten zu sehen.

Nana A.T. Rebhan


Synopsis: Was passiert, wenn ein Traumtänzer sich in seine Nachbarin verliebt und anfängt, Traum und Wirklichkeit miteinander zu vermischen?

Kritik: Der neueste Film von Michel Gondry ist wohl sein „französischster“: Die Liebesromanze im Stil von Serge Gainsburgs „Je t’aime, moi non plus“ wurde vollständig in Paris gedreht und ist zum Großteil mit aus Frankreich stammenden Schauspielern besetzt. Immerhin spielt der Mexikaner Gael Garcia Bernal als Stéphane die Hauptrolle. Auch diese Figur eines sanften, unbeholfenen Träumers entspricht den Charakteren, die Gondry für seine männlichen Helden (wie Rhys Ifans in „Die Krone der Schöpfung“ oder Jim Carrey in „Vergiss mein nicht“) bevorzugt. Es sind Reminiszenzen an seine eigene von Kreativität und zügelloser Phantasie geprägte Persönlichkeit. Der Regisseur entwirft hier mit dem in seiner Traumwelt verlorenen Stéphane ein Kindheitsbild, das stärker noch als in seinen vorangegangenen Filmen von der Ästhetik der 70er-Jahre beeinflusst ist.

In Stéphanes Kinderzimmer hängen Plattencover von The Cure an den Wänden (eine Band, dessen Leadsänger auch nicht erwachsen werden wollte), und er schläft noch immer in seinem alten, viel zu kurzen Bett. Dies ist der zentrale Ort aller Verwirrungen: Sobald Stéphane einschläft, folgt ihm Michel Gondry in seine intensiven Träume. Im Schlaf setzen sich Stéphanes Begegnungen und Sorgen vom Tage fort, insbesondere die, die mit seinem anstrengenden neuen Job als Kalenderdesigner zu tun haben. Seine neuen Kollegen beeindrucken ihn schwer, allen voran ein vulgärer und verrückter, vom exzellenten Alain Chabat gespielter Typ.

In seinem Mietshaus begegnet Stéphane auch seinen beiden Nachbarinnen: die eine adrett und dynamisch (Emma de Caunes), die andere ein träumerischer Single (Charlotte Gainsbourg). In letztere verliebt sich Stéphane, denn sie hat sich genau wie er ihr kindliches Gemüt bewahrt und hängt ihren verrückten Ideen nach. Michel Gondry konzentriert sich auf diese Liebesbeziehung, die trotz aller eindeutigen Gefühle durch eine Reihe von Missverständnissen und einer Art Selbstschutzmechanismus der beiden Protagonisten an ihrer Entfaltung gehindert wird. In kurzen witzigen Trickfilmsequenzen und allerlei bunten Computeranimationen amüsiert sich Gondry nach Herzenslust über die merkwürdige Unbeholfenheit der beiden. Herausgekommen ist bei all dem ein fröhlicher Gute-Laune-Film. Nach „Die Krönung der Schöpfung“ und „Vergiss mein nicht“ hat Gondry mit „The Science of Sleep“ den dritten Teil einer amüsanten Trilogie über das Skurrile und Surreale, einen Lobgesang auf die Andersartigkeit gemacht. Seine Versatzstücke sind mittlerweile bekannt, wiederholen tut er sich jedoch nie. Eine Frage stellt sich aber: Wie lange wird Michel Gondry es schaffen, sich nicht selbst zu parodieren?

Olivier Bombarda

Erstellt: 09-02-06
Letzte Änderung: 16-09-08