Bosnien, 2005, 90’
Synopsis: ESMA (Mirjana Karanovic) lebt mit ihrer 12-jährigen Tochter SARA (Luna Mijovic) in einer kleinen Wohnung im Stadtteil Grbavica. Hier wurde sie während des Krieges von serbischen Soldaten vergewaltigt und geschwängert. Sara aber hat sie bis heute in dem Glauben gelassen, sie sei die Tochter eines bosnischen Kriegshelden. Als Esma das Geld für eine Klassenfahrt nicht zusammenbekommt, drängen die Ereignisse der Vergangenheit an die Oberfläche. Biografie: Geboren am 19.12.1974 in Sarajevo. Sie besuchte dort die Akademie für darstellende Kunst. 1995 arbeitete sie als Puppenspielerin im „Bread and Puppet“-Theater in den USA. 1997 gründete sie in Sarajevo die Künstlervereinigung und spätere Filmproduk tion Deblokada, mit der sie zehn Kurzund Dokumentarfilme sowie Kunstvideos realisierte, die erfolgreich bei internationalen Festivals und Ausstellungen liefen, u.a. in der Kunsthalle Fridericianum, Kassel 2004. GRBAVICA ist ihr erster Spielfilm.

Jasmila Žbanić im Gespräch mit ARTE
Kritik: In Emir Kusturicas „Papa ist auf Dienstreise“ von 1985 spielt Mirjana Karanovic eine Mutter, die ihrem 6-jährigen Sohn vorgaukelt, sein im stalinistischen Titoland von 1952 denunzierter und eingesperrter Vater sei auf einer Dienstreise. Mehr als 20 Jahre später schlüpft die Schauspielerin nun erneut in die Rolle einer Mama, die ihrem Kind zu Liebe und aus eigener Scham zur Lügnerin wird. So groß die gesellschaftlichen und politischen Brüche, eines scheint auf dem Balkan bis heute unverändert – die mangelnde Bereitschaft, sich mit der Willkür des Staates und der traumatischen Vergangenheit auseinanderzusetzen, führt in der Familie, der kleinsten Gesellschaftseinheit, zu psychischen Defekten und schizophrenen Zuständen.
Die junge bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic hat bereits während der Belagerung von Sarajewo noch als Studentin damit begonnen, sich in dem Künstlerkollektiv ‚Deblokada’, aus dem später eine Filmproduktion wurde, mit dem Krieg und den psychischen Folgen für die Menschen zunächst in Form kleiner Dokumentarfilme und Videoarbeiten auseinanderzu-setzen. In der von Macho-Kult, Korruption und mangelndem politischem Willen zur Aufarbeitung des Krieges geprägten bosnischen Nachkriegssituation, in der Kriegsverbrecher und -profiteure unbehelligt zu Millionären aufsteigen konnten, erhob Zbanic ihre Stimme für die unterdrückten Frauen, unter anderem für die mehr als 20 000 Vergewaltigungsopfer.In „Grbavica“ hat Zbanic die Geschichte eines dieser Opfer fiktionalisiert. Wie tausende anderer Frauen muss ihre Protagonistin ESMA mit ihrer Angst und ihren Schuldgefühlen weiterleben, ohne psychologische Hilfe, ohne Rehabilitation oder Entschädigung durch den Staat. Ein Opfer, das sich ohne Schuld dennoch schuldig fühlt gegenüber der nachkommenden Generation. Weil die Liebe zu ihrem Kind durch Hass, Trauma und Verzweiflung und manchmal auch durch versteckte gesellschaftliche Ächtung überschattet ist.
Um ihre Tragödie sichtbar zu machen, beobachtet Zbanic ihre Esma vor allem bei der Bewältigung ihres Alltags. Auf den ersten Blick scheint sie nichts von anderen Frauen mittleren Alters zu unterscheiden. Sie balgt mit ihrer Tochter, schmiert ihr ein Pausenbrot, näht, bügelt, geht zur Arbeit, fährt mit der Straßenbahn. Keine expressive Kameraführung oder Dramaturgie soll den Alltag künstlich mit Bedeutung aufladen. Doch genau hierbei tauchen schnell die ersten Brüche auf – Esma schluckt heimlich Pillen gegen aufwallende Panik, sie lügt, dass sich die Balken biegen, damit ihre Tochter Sara - ein Wildfang mit Anpassungsproblemen in der Schule – weiterhin glaubt, dass ihr Vater ein „shaseed“ – ein Kriegsheld war, der an der Front den Märtyrertod gestorben ist. Keine Reue, kein Geständnis, keine Untersuchung würde diese Lüge und damit verbundene Schuld zu Esmas Gunsten jemals aufdecken. Erst die Wut der jungen Tochter, die in ihrer Beziehung zu ihrem Klassenkamerad Samir – der Vater ist „wie der eigene“ ein gefallener Kriegsheld - allmählich begreift, wie viele Ungereimtheiten in ihrer Familienbiographie enthalten sind, bringt die schmerzliche Auseinandersetzung mit der Mutter endlich in Gang. Denn nur die Wahrheit, weiß Jasmila Zbanic, kann die Wunden der Menschen, die der Krieg gerissen hat, heilen und weiter wirksame Aggression der Aggressoren beenden.
Martin Rosefeldt
Kritik: Das Publikum außerhalb von Ex-Jugoslawien tut sich schwer mit der Aussprache des Titels dieses ersten Films von Jasmila Zbanic. Doch genau das hat die Regisseurin beabsichtigt: ein schwieriges Wort wie ein Gefühl, das einem bis ins Mark geht und das man doch nicht beschreiben kann. Grbavica ist auch der Name eines Stadtteils von Sarajevo. Zwar hat hier das bürgerliche Leben wieder Einzug gehalten, doch lastet auf allem die Erinnerung an die während des Krieges verübten Misshandlungen. Der schwierige Versuch, die Wunden der unmittelbaren Vergangenheit verheilen zu lassen und damit den Nachkriegsalltag zu bewältigen, hat vor kurzem auch den jungen Regisseur Vimukhti Jayasundara zu seinem ersten Film „La Terre abandonnée“ (Das verlassene Land) inspiriert. Der unsichere Friedensprozess in Sri Lanka wurde darin, wie so häufig bei der Auseinandersetzung mit Traumata, anhand allegorischer Bilder thematisiert. Jasmila Zbanic’ Ansatz ist ungewöhnlicher, weil direkter und immer auf Augenhöhe mit den Menschen (besser gesagt den Frauen). Es geht ihr nicht um Politisierung, sondern um den aleatorischen Ursprung der fragilen Beziehung zwischen Esma und ihrer Tochter. Die in Erscheinung tretenden Freier und eine von brutalem Chauvinismus geprägte Atmosphäre betonen dieses besondere Verhältnis noch. Die Regisseurin erspart dem Zuschauer demonstrative Rückblenden auf Esmas Leidensweg. Und doch werden die grausamen Erlebnisse der Frau und ihr stummer Schmerz überdeutlich. Nur in der Anfangssequenz arbeitet Jasmila Zbanic mit Symbolen: Die Kamera wandert über die Gesichter bosnischer Frauen, die immer wieder die Augen schließen. Man weiß nicht, ob sie dies aus Müdigkeit tun, als Therapie oder aus dem Bedürfnis heraus, die alles verschleiernde Vergangenheit zu verjagen. Diese Gesichter dienen nicht nur der Versinnbildlichung. Jasmila Zbanic glaubt fest an das, was die Schauspieler ihren Figuren geben können, und an die Kraft ihrer Generationen übergreifenden Erzählung. So geht es ihr nicht bloß um eine veristische oder dokumentarische Darstellung, denn sie weiß um den Wert und die Kraft der Vermittlung, die Fiktion besitzen kann.
Julien Welter







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