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BErlinale 2006 -Wettbewerb - 16/09/08

Offside

Ein Film von Jafar Panahi


Dass Frauen in der iranischen Gesellschaft sogar beim Fußball „abseits“ stehen, davon erzählt der iranische Regisseur Jafar Panahi im Wettbewerb der Berlinale.

Iran, 2006, 88’
Darsteller: Sima Mobarak Shahi, Safar Smandar, Shayesteh Irani u.a.

Synopsis: Ein Mädchen aus den Straßen Teherans hat sich als Junge verkleidet, um verbotenerweise im Fußballstadion das entscheidende Spiel der Nationalmannschaft um die Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland gegen Bahrain zu verfolgen. Der weibliche Fan wird erkannt und festgenommen. Mit einer Reihe anderer junger Frauen, die man erwischt hat, wartet es unter der Aufsicht junger Wehrpflichtiger das Spielende ab, um bestraft zu werden.

Biografie: Geboren am 11.7.1960 in Mianeh, Iran. Ausbildung zum Regisseur beim iranischen Fernsehen, für das er anschließend auch mehrere Kurz- und Dokumentarfilme dreht. Danach Regieassistent bei Abbas Kiarostami. In seinen eigenen, auf internationalen Festivals preisgekrönten Filmen, die einem neorealistischen Stil verpflichtet sind, schildert er wiederholt die Probleme von Frauen wie auch das Missverhältnis von Armut und Reichtum in seinem Land. Für DAYEREH (DER KREIS) erhielt er im Jahr 2000 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig.

Kritik: Sie sind für ihre Leidenschaft berühmt, Irans Fußballfans. Nach Siegen der eigenen Mannschaft überträgt sich die Euphorie auf so manche gleichzeitig stattfindende Demonstration – die konservativen Machthaber müssen ausreichend Sicherheitskräfte aufstellen, um eventuellen Freiheitsbekundungen der jungen, unzufriedenen urbanen Bevölkerung zuvor zu kommen. Dass dieselben Machthaber auch vor den wenigen weiblichen Fans Angst haben könnten, ist ziemlich unwahrscheinlich. Und dennoch dürfen iranische Frauen bis heute nicht ins Stadion, angeblich, weil die unflätigen Ausdrücke, die dort gebraucht würden, ihr Sittenempfinden durcheinander brächten.

Vom Mut dieser fußballbegeisterten Iranerinnen, trotz aller Verbote und Strafandrohung mit allerhand Tricks als Männer verkleidet ins Stadion zu kommen, erzählt Jafar Panahi, der sich in seinen früheren Filmen schon oft den sozialen Dilemmata der modernen iranischen Frau gewidmet hat. Diesmal stehen seine Chancen, dass ein Film von ihm erstmalig in den iranischen Kinos laufen wird, gar nicht einmal schlecht. Denn „Offside“ ist eine Komödie, die die Zensur mit dem Thema der weiblichen Emanzipation zwar kitzelt, aber keineswegs über die Maßen provoziert. Haben seine Hauptdarstellerinnen doch keineswegs Revolutionäres, sondern nur Fußball im Kopf; treten sie doch mit ihren Bewachern, bei denen es sich um iranische Wehrdienstpflichtige aus allen Teilen des Landes handelt, in einen zunächst angespannten, aber doch insgesamt friedlichen Dialog, der auch ihre jungen Bewacher allmählich schmelzen lässt. In den Wortscharmützeln, die sich zwischen den jungen Teheranerinnen und ihrem Aufseher, einem Bauern, abspielen, weiß Panahi die ganze Absurdität der künstlich aufrecht erhaltenen Geschlechtertrennung bloßzustellen. Als ein Mädchen endlich die Erlaubnis erhält, mit einem Bewacher auf die Toilette zu gehen, fertigt dieser schnell noch eine Gesichtsmaske für sie mit FC-Bayern-Mittelfeldspieler Ali Karimi, Irans derzeit berühmtesten Fußballexport, als Konterfei. Immer wieder stichelt Panahi, stellt die Paradoxien der modernen iranischen Gesellschaft bloß, um gleichzeitig doch der politischen Führung ein eher humanitär, denn politisch gesinntes Dialogangebot zu unterbreiten. Schließlich will sich die Jugend nur amüsieren und nicht revoltieren.

Panahi gilt als iranischer Neorealist, weil er wie sein Vorbild Mohsen Makhbalbaf ausschließlich mit Laiendarstellern dreht und seine Stoffe dem iranischen Alltag entnimmt. Seinen Film hat er mitten im Getümmel des entscheidenden Qualifikationsspiels gedreht. Beinahe wirkt „Offside“ daher wie ein Dokumentarfilm, hervorgerufen durch die Einheits des Ortes und der Zeit. Dass es Panahi gelungen ist, mit seinen Darstellerinnen ins Stadion zu gelangen ist, obwohl sein Film gleichzeitig sicher nicht den offenen Bruch mit dem Regime riskiert, doch als ein mutiger Schachzug zu werten – denn er zwingt Irans Führung zum Dialog, will sie sich nicht dem Vorwurf der Humorlosigkeit und Unmenschlichkeit durch die zahlreichen Fußballfans aussetzen.

Martin Rosefeldt

Erstellt: 10-02-06
Letzte Änderung: 16-09-08