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Twilight-Fieber

Die Dokumentation erforscht die Ursache des weltweiten Erfolgs der Vampir-Saga von Stephenie Meyer.

Twilight-Fieber

Filmgeschichte - 23/02/10

Und ewig lockt der Vampir

Dracula und andere Vampirfilme, die bis vor kurzem unter Jugendlichen noch als verstaubt, auf alle Fälle aber als ziemlich uncool galten, haben neuerdings auch unter den Teenies wieder viele Fans.

Ein Überblick über die Metamorphosen eines unsterblichen Genres, von Nosferatu bis hin zum packenden „Twilight“.

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Was hat sich in den letzten 40 Jahren geändert? 1969 bereicherten Serge Gainsbourg und Jane Birkin das französische Chanson um ihr erotisch-vampirisches Epos „Melody Nelson“. Es war eine wollüstige Zeit, in der man schlüpfrige Wortspiele und Anspielungen liebte. Vier Jahrzehnte später gelang dem Vampirdrama „Twilight“ mit seinen beiden Hauptdarstellern Kristen Stewart und Robert Pattison der internationale Durchbruch. Das erotische Kredo der Saga lautet: Abstinenz. Denn die Twilight-Protagonisten Bella und Edward küssen und umarmen sich zwar (auch mal in nassen Kleidern), haben aber keinen Sex. Das mag Mütter beruhigen, treibt aber die Anhänger der sexuellen Revolution schier in die Verzweiflung.

Bevor wir die aktuelle Vampirfaszination der Teenies unter die Lupe nehmen, macht sich ein Rückblick erforderlich. Dracula, der berühmteste aller Vampire, wurde 1897 von Bram Stoker aus der Taufe gehoben. Ein Zufall war das nicht: Zwei Jahre zuvor hatten die Brüder Lumière ihren Kinematographen vorgestellt, der schnell begeisterte Zuschauer fand. Und zweifelsohne teilt das Kino so manche Eigenschaft mit Vampiren: Man denke an die ewige Jugend der Filmfiguren, die okkulte Magie der Abläufe, die Dunkelheit. Deshalb verwundert es auch nicht, dass das Genre Vampirfilm alle Moden überdauerte und im letzten Jahrhundert zahlreiche Spielarten hervorbrachte, deren ästhetische und ethische Prinzipien vom jeweiligen Zeitgeist zeugen, von Murnaus „Nosferatu“ (1921) über Dreyers „Vampyr – Der Traum des Allan Grey“ (1932), Tod Brownings „Dracula“ (1931), Terence Fishers Dracula-Trilogie (1958), Tony Scotts „Begierde“ (1983) bis in zu „Bram Stoker’s Dracula“ von Coppola (1992): Vampire haben Cinephile von jeher interessiert, und manchen sollen sie derart unter die Haut gegangen sein, dass sie der wirklichen Welt auf immer entschwunden sind …

Der romantische Vampir
Deutungsmöglichkeiten gibt es viele (Vampire als Symbol des über die Erde hereinbrechenden Bösen, des an seinen Privilegien festhaltenden Adels, der sozialen Ausgrenzung). In einem Punkt sind sich allerdings die meisten Vampirforscher einig: Die blutsaugenden Untoten verkörpern sexuelle Potenz. Das heißt: Vampire sind sexy und somit eine Gefahr für andere Männer. Aber was passiert, wenn sich eine Frau des Genres bemächtigt? Als erste kehrte Anne Rice in den 1980er-Jahren die sexuelle Konstellation um: Ihre Vampire waren nicht nur begehrenswert, sondern auch bisexuell. Ihre Romanreihe „Chronik der Vampire“ (1994 unter dem Titel „Interview mit einem Vampir“ mit Tom Cruise in der Rolle des Lestat verfilmt) inspiriert sich an den englischen Romantikern des 19. Jahrhunderts (Keats, Byron, Mary Shelley) und verbreitet das Bild des tragischen, ungestümen, mit sich hadernden Vampirs. Er ist kein schreckliches Monster mehr, sondern ein ewiger Teenager – ein Vorgeschmack auf Figuren wie die Vampire Angel aus „Buffy – Im Bann der Dämonen“ und Edward Cullen („Twilight“), für die heute, 10 Jahre später, die Mädchen schwärmen.

Der coole Vampir
In jüngster Zeit bestätigen mehrere Filme, Romane und Serien einen Trend, der sich bereits seit einigen Jahren abzeichnete: Der gefährliche Blutsauger mutiert zum coolen Zeitgenossen. Vorbei die Zeiten des Vampirjägers Jack Crow (in „Vampire“ von John Carpenter, 1998) und von Seth Gecko (dem ausgerasteten Bankräuber aus „From Dusk till dawn“, gespielt von George Clooney, 1997). Vampire können sich heute durchaus in die Gesellschaft integrieren, sich anziehen wie jedermann, sogar gesund essen und mit Freunden einen drauf machen. Die schöne HBO-Serie „True blood“ macht geradezu Opfer aus den Vampiren, die in den Sümpfen von New Orleans von rassistischen Rednecks verfolgt werden, während die jungen Mädchen davon träumen, sich ihnen hinzugeben. Weitere neue Spielarten des Vampir-Typus finden sich in „Mitternachtszirkus – Willkommen in der Welt der Vampire“ (Regie: Paul Weitz, Bruder des Regisseurs von „Twilight 2“, Chris Weitz) und in dem gekonnt gemachten Film „So finster die Nacht“ des Schweden Tomas Alfredson. Auch sie spielen mit der Umkehrung von Klischees (es ist beneidenswert, wenn man gebissen wird) und lassen ihre Vampire auf den Schulhöfen ihr Unwesen treiben. Hier geht es weniger um sexuelle Triebe als um die Behauptung jugendlicher Allmacht, die genau dem Zeitgeist entspricht. Wenn das 2010 so weitergeht, werden die Vampire zwar auch dann noch kräftig zubeißen, aber vermutlich mit Milchzähnen!
Autor: Jacky Goldberg



Erstellt: 10-02-10
Letzte Änderung: 23-02-10