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Jeudi 28 décembre 2006 à 20:40 - 10/10/13

„Der Leopard“ von Luchino Visconti

Zehn Jahre nach „Sehnsucht“ setzt sich Luchino Visconti mit der Verfilmung von Guiseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Leopard“ wieder mit der italienischen Geschichte und dem Risorgimento auseinander.




„Sehnsucht“, die Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Camillo Boito, spielt 1866 in Venedig. „Der Leopard“ handelt vom bourbonischen Adel Siziliens und ist geschichtlich etwas früher angesiedelt: er beginnt 1860, dem Jahr der Eroberung Palermos durch Garibaldis Truppen, und endet 1862, dem Jahr der Schlacht am Aspromonte.
Guiseppe Tomasis „Leopard“ erschien 1958. Die Kommunisten lehnten ihn ab, für sie hatte der Roman einen üblen reaktionären Beigeschmack. Alicata: „Der pessimistische Fürst Salina trauert einer dem Untergang geweihten Ordnung nach. Es ist eine erstarrte Ordnung, aber immerhin eine Ordnung.“ Und so ist auch der berühmte Satz des Fürsten zu verstehen: „Alles muss sich ändern, damit nichts sich ändert.“

Als dann Viscontis „Leopard“ in die Kinos kommt, jammern die linken Kritiker über ihre bisherige Fehleinschätzung des Regisseurs. Guido Aristarco schreibt an Visconti: „In „Sehnsucht“ standest Du noch ganz hinter dem Marchese Ussoni und warst für eine vollkommen neue Realität offen. Ussoni gehörte nicht zur Bande der Salinas und Tancredi Falconeris. Ich glaube weiterhin daran, dass in Dir ein Ussoni schlummert.“ G. Ferrara: „Das musste ja so kommen, Visconti ist vollständig der Hagiografie verfallen!“ Ferrara fügt hinzu, der Regisseur mache es sich leicht und übe sich in Selbstbespiegelung – wie Proust und Thomas Mann.
Alle erkennen, dass sich Visconti aufgrund seiner eigenen Geschichte und Enttäuschungen mit dem Pessimismus des Fürsten Salina identifiziert. Salina: „Was nicht von Dauer sein sollte, wird es doch sein. Das allzu Menschliche natürlich, ein oder zwei Jahrhunderte lang. Danach wird alles anders werden, schlimmer. Wir waren die Leoparden, die Löwen. Nach uns kommen die Schakale und Hyänen.“

Der Film verabschiedet sich von Hoffnung und revolutionärem Messianismus und wendet sich der schmerzlichen Bewusstwerdung des langsamen Verfalls zu. B. Dort hat es auf den Punkt gebracht: „Der Film ist beherrscht vom Gefühl des Todes.“
Auf einmal erscheint der Vergleich mit Marcel Proust umso sinniger. Der Empfang bei der Herzogin von Guermantes ist eine Schlüsselszene von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Ähnlich entfaltet Viscontis „Leopard“ seine ganze Bedeutung durch die Ballszene. Beide Szenen veranschaulichen, wie das ehrgeizige Bürgertum in die Welt des Adels eindringt, den es zu verdrängen trachtet. Auch werden hier Personen karikiert und erniedrigt, an denen die Zeit nicht spurlos vorüber gegangen ist. (Man bemerke auch die Hässlichkeit der Frauen, das Ergebnis zahlreicher Ehen zwischen Blutsverwandten.) Und hier wird der Fürst schließlich auch mit seinem eigenen Tod konfrontiert. Was bleibt? Nichts, außer der Schönheit und der Liebe zur Kunst. Denn obgleich „Der Leopard“ von Viscontis Pessimismus zeugt und Geschichte als Endlichkeit, Verlangen, Wahnsinn und Tod darstellt, so gelten doch die Worte des „dekadenten“ Jean Forrain:
„Allein die Kunst ist stärker als die Enttäuschung. Wenn ich die Kunst so ausschließlich bewundere, dann deshalb, weil ich in ihr gefunden habe, was man „Liebe“ nennt. Alle übrigen Empfindungen hinterlassen lediglich einen Schmerz in Nerven und Herz.“
Kurz nach dem „Leopard“ und Togliattis Tod beendet Visconti sein politisches Engagement und spricht nicht mehr öffentlich vom Kommunismus. Er wird zum Vertreter der Dekadenz in der Filmkunst. Und genau in dem Moment, in dem er sich in der Vergangenheit vergräbt, erlebt das Kino eine Erneuerung, die vollkommen an Visconti vorbeigeht. 1960 fordert Antonioni sein Recht auf den Wahn ein, denn „die Wahnvorstellungen von heute könnten die Realität von morgen sein“. Visconti hingegen erklärt, man müsse an einen Film mit klarem Kopf herangehen. Er sieht die Geschichte als Möglichkeit, auf aktuelle Fehlentwicklungen hinzuweisen. So zeugen „Die Verdammten“ von den nach wie vor vorhandenen faschistischen Zügen im Italien von 1969; „Tod in Venedig“ ist ein Film über das Aussterben der Linksintellektuellen und die fortschreitende Dekadenz.
Viscontis Filme sind somit zeitlos und zugleich in der Geschichte verankert – ein Paradox, das auf die Reflexibilität der Geschichte selbst zurückzuführen ist. Für den italienischen Regisseur ist jedes Kunstwerk zwingend geschichtlich und mit einer Erfahrung verbunden, aber es existiert nur, wenn es sich von der Geschichte und von seinem Schöpfer gelöst hat, und die Erfahrung, auf der es beruht, hinter der Form des Kunstwerkes verschwindet. Visconti war sich dieser Feinheiten bewusst und hat sie stets eingefordert. Er wusste, dass Werke genau so lange öffentlich existieren, wie sie Quelle von Missverständnissen und unterschiedlichen Interpretationen sind. Visconti strebte also eine Art Zeitlosigkeit an, was aber nicht bedeutet, dass er nicht persönlich von Ereignissen berührt und zur künstlerischen Darstellung angeregt worden wäre.
So legt Visconti nicht etwa Zeugnis ab, weil er den Untergang des kommunistischen Ideals früher als alle anderen erkannt hätte, sondern weil dieser Untergang für ihn eine bittere Enttäuschung war. Deshalb besitzt er alle Eigenschaften des dekadenten Künstlers, dieses Einzelkämpfers, der seinen Schmerz zum Kunstwerk erhebt – und sich keinen Täuschungen über sein eigenes Scheitern hingibt.

Olivier Bombarda




Unser Dossier Luchino Visconti : Biographie, Filmographie...

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„Der Leopard“
Donnerstag, 28. Dezember 2006 um 20:40

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Erstellt: 22-12-06
Letzte Änderung: 10-10-13