Was gibt’s Neues, Doc?
London, 1960: Howard Thomas, Intendant des britischen Fernsehsenders ABC (später Thames Television), sitzt ratlos in seinem Büro. Howard Thomas hat ein Problem. Die Einschaltquoten für Police Surgeon, eine live ausgestrahlte Fernsehserie über die langweiligen Abenteuer eines Polizeiarztes, sinken ins Bodenlose. Er hat die Serie gerade abgesetzt, denn niemand möchte eine Serie weiterführen, die keine Quoten bringt. Andererseits mag er den Hauptdarsteller, einen jungen Schauspieler namens Ian Hendry, der beim Publikum gut ankommt. Er ist überzeugt, dass der Mann enormes Potenzial hat und möchte ihm eine neue Serie, die sein Talent besser zur Geltung bringen soll, auf den Leib schreiben lassen.
Wenn Howard Thomas ein Problem hat, dann löst er es wie alle Fernsehintendanten: Er wälzt es auf jemand anderen ab - am Liebsten einen untergeordneten Mitarbeiter. In diesem Fall trifft es Sidney Newman, den Programmdirektor und zukünftigen Autor von Dr. Who. Er soll ein Konzept finden, das „auf der Beliebtheit von Ian Hendry aufbaut“. Thomas bittet Newman, eine ähnliche Rolle für Hendry zu finden, allerdings mit mehr Action und Abenteuer, weniger „aus dem Leben gegriffen“. Binnen weniger Minuten findet Sidney Newman einen Titel: The Avengers (Die Rächer). „Ich habe keine Ahnung, was das heißen soll“, so der Kommentar von Howard Thomas. „Ich auch nicht, aber es hört sich wirklich gut an, oder?“ antwortet Newman. Dr. Geoffrey Brent aus Police Surgeon wird kurzerhand umbenannt in Dr. David Keel, und es wird beschlossen, ihm einen männlichen Partner zur Seite zu stellen. „Der beste Gegenpol zur integren sehr präsenten Figur von Hendry wäre ein Geheimagent im Stil MI5, ein knallharter, undurchsichtiger Undercover-Ermittler, mit dem sich Hendry menschlich nicht versteht.“
Sein Name? John Steed, ein in helle Trenchcoats gekleideter Agent, der eine Schusswaffe trägt und diese auch ohne zu zögern benutzt - ein echter Fiesling. Für die Rolle von Steed denkt er an den Schauspieler Patrick Macnee, eine Bekanntschaft aus seinem Umfeld. Mcnee hatte eine Zeitlang in Hollywood gelebt, wo er u. a. in einer Folge von Alfred Hitchcock Presents aufgetreten war.
Die Produktion wird vorbereitet, und am 28. November 1960 treffen sich Macnee und Ian Hendry zur Probe für die erste Folge, da die Serie live übertragen wird. In dieser Folge wird die Verlobte des Doktors ermordet. Dr. Keel stellt eigene Nachforschungen an und trifft dabei auf den geheimnisvollen Spion John Steed, der ihm bei der Aufklärung des Verbrechens hilft. Patrick Macnee befindet sich jedoch bereits nach kurzer Zeit auf dem Schleudersitz: Die Produzenten finden seinen Charakter zu fad, zu bierernst und zu klischeehaft - John Steed ist nicht attraktiv genug! Die Aussicht, wieder arbeitslos zu werden, deprimiert Macnee. Er beschließt, selbst den Charakter von Steed zu verändern. Dafür inspiriert er sich an einem alten Film von Tim Whelan aus dem Jahr 1939 mit dem Titel Q Planes, in dem Ralph Richardson einen eleganten, mit Hut und Regenschirm ausgestatteten Geheimagenten spielt. Einzige Abwandlung: Steed trägt eine Melone als Kopfbedeckung. Außerdem mischt er der Figur John Steed weitere Einflüsse bei, insbesondere Eigenschaften seines eigenen Vaters – auch dieser ein sehr geschmackvoll gekleideter Mann - und Scarlet Pimpernels, eines klassischen britischen Helden, der auf den ersten Blick zwar wie ein Vollidiot wirkt, aber dahinter verbirgt sich eine sehr gefährliche Persönlichkeit. Patrick Macnee erfindet John Steed damit nicht neu - er erfindet ihn! Aber dass er eine Fernseh-Kultfigur geschaffen hat, ist ihm nicht bewusst.
Bei den Proben für die live übertragenen Folgen (die bis auf zwei in ARTE ausgestrahlte Folgen verloren sind) fließt der Alkohol in Strömen und es sind immer Frauen zugegen – zwei Laster, denen sowohl Hendry als auch Macnee frönen. Die beiden treiben ihre Drehbuchautoren an den Rand des Wahnsinns, da sie Abgedroschenes zugunsten von Bizarrem und Ungewöhnlichem ablehnen. Und so entsteht die Welt der Avengers, irgendwo zwischen einem Spionagethriller à la Ian Fleming (James Bond wurde zu dieser Zeit noch nicht verfilmt) und einer surrealistischen und gestörten Vision von England.
Cathy sehen und sterben
Im Mai 1962 steigt Ian Hendry aus der Serie aus, um sich dem Kinofilm zu widmen. Drei Folgen lang springt Dr. King alias Jon Rollason für ihn ein – so können die bereits geschriebenen Drehbücher dennoch genutzt werden. Anschließend wird John Steed zur Hauptfigur der Serie „befördert“. Aber Produzent Sidney Newman ist mit dem Nachfolger von Dr. Keel nicht zufrieden. Während er sich eine andere Besetzung überlegt, sieht er im Fernsehen eine Reportage über eine in Kenia lebende Engländerin. Diese kam eines Tages nach Hause und fand dort ihren Mann enthauptet und zwei ihrer Kinder tot vor; die drei mit Macheten bewaffneten Mörder waren noch im Haus und ließen keinen Zweifel daran, dass sie auch die Frau umbringen würden. Kaltblütig streckte die Frau alle drei Männer mit einem Revolver nieder. Newman hat eine Erleuchtung: Wenn kein Schauspieler gut genug ist, um in die Fußstapfen von Ian Hendry zu treten, warum dann nicht eine Schauspielerin, die eine Kreuzung zwischen der Heldin aus der Fernsehreportage und der Figur von Ian Hendry verkörpert?
Genau diese Idee war der zündende Funke, der den Avengers gefehlt hatte. Honor Blackman wird die erste Avengers-Lady: Sie verkörpert Cathy Gale, eine Anthropologin mit breitem Fachwissen (im Gegensatz zu John Steed), die Leder trägt und jedem Mann, der sich ihr in den Weg stellt, eine ordentliche Abreibung verpasst. Steed versucht ständig – und vergeblich – sie zu bezirzen, was gut bei den Zuschauern ankommt. Allerdings sind sich die Produzenten ihrer Wahl noch nicht ganz sicher und lassen Steed im Wechsel mit einer anderen, klassischeren Partnerin ermitteln: Venus Smith (Julie Stevens) ist eine Nachtclub-Sängerin, die durch die Machenschaften des perfiden Geheimagenten in dramatische Situationen gerät. Nach sechs Folgen (die ebenfalls alle in ARTE zu sehen sind) räumt diese Steed-Partnerin jedoch endgültig das Feld, denn Cathy – bzw. Mrs. Gale, wie Steed sie nennt – liegt eindeutig vorn in der Publikumsgunst.
The Avengers zeichnet sich durch eine z. T. gewagte, aber innovative Regieführung aus (die Regisseure filmen Großaufnahmen durch Schlüssellöcher bzw. mit Kerzenhaltern, Gläsern, Pflanzen usw. vor der Kamera), ist ihrer Zeit eindeutig voraus und wird Folge um Folge immer mehr eine - für Kinder verbotene - Serie für Erwachsene. Für zahlreiche Fans ist der Sendetermin am Samstag um 22.00 Uhr heilig - darunter auch die Beatles, die keine Folge verpassen. Die Zeitungen von damals beschreiben die Serie als echten Straßenfeger: Um die Sendezeit von The Avengers ist kein Mensch auf der Straße zu sehen, alle sitzen zuhause oder in Pubs vor dem Fernseher. Während der 50 Minuten, die die Serie dauert, liegt die Kriminalitätsrate bei Null!
Das Tandem Steed-Gale bestreitet 1963-1964 eine zweite Staffel, (ebenfalls in diesem Winter in ARTE zu sehen), die über ein großzügigeres Budget verfügt und bessere Geschichten hat, aber immer noch in Video und Schwarz-Weiß gefilmt wird. In der Eröffnungsfolge, "Brief For Murder", überwirft sich Steed mit Cathy Gale und tötet sie, vergisst jedoch seine Melone am Ort des Verbrechens. Er kommt vor Gericht, wobei ein wenig mehr über die Vergangenheit der Figur bekannt wird. Die Sequenz, in der der Staatsanwalt Steed zwingt, das Beweisstück Melone aufzusetzen, die ihm über die Augen rutscht, weil sie ihm zu groß ist, gilt als Highlight der Fernsehgeschichte! In Don’t Look Behind You gönnt Drehbuchautor Brian Clemens (der spätere Koproduzent der als Film gedrehten Serie) Steed sein erstes Vintage-Auto, einen Bugatti aus der Belle Époque. Cathy Gale verlässt Steed nach der 78. Folge (Cathys Darstellerin Honor Blackman wendet sich dem Kinofilm zu und verführt Sean Connery als Pussy Galore in Goldfinger). Der elegante Geheimagent lässt sich jedoch nicht unterkriegen und holt sich eine neue Partnerin (Emma Peel?) zu Hilfe: per Telefon während des Epilogs – und so endet das erste Kapitel der Geschichte der Avengers.
Die Ausstrahlung in ARTE der noch erhaltenen remasterten und untertitelten Folgen dieser nie bzw. selten gezeigten Staffeln ermöglicht, die unorthodoxe Entstehungsgeschichte der Avengers nachzuvollziehen. Natürlich ist die technische Endfertigung dieser Folgen nicht so ausgereift wie die der vierten Staffel, mit der Deutschland und Frankreich Mit Schirm, Charme und Melone entdecken (mit Diana Rigg als Emma Peel und Linda Thorson als Tara King). Aber selbst in diesen „Work in Progress“-Staffeln wird deutlich, dass The Avengers unbestritten eine der größten Kultserien und eine der faszinierendsten des 20. Jahrhunderts ist. Ein Fernsehevent, das man nicht verpassen sollte!







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