Thomas Mann las Schopenhauer bereits mit 20 Jahren. Diese Lektüre wurde für ihn zur Offenbarung. „Von diesem Tage wurde er empfänglich für eine grundlegend pessimistische Weltsicht, nach der das Leben grausam und die Welt schlecht ist, nach der es im Leben von vornherein keine Gerechtigkeit geben kann und die sich berauscht an den Melodien des Todes und der Faszination des Nichts", schreibt dazu die Germanistin Geneviève Bianquis.
1913 entstand die Novelle „Der Tod in Venedig". Die Hauptfigur, der Schriftsteller Gustav von Aschenbach, ist Thomas Mann charakterlich sehr ähnlich. Aschenbach, auf dem eine große Traurigkeit lastet, erliegt schließlich der tödlichen Faszination der körperlichen Schönheit, die bereits August von Platen (1796-1835) in seinem Gedicht „Tristan" beschrieb. Es beginnt mit folgenden Worten, die Visconti auch im Film zitiert:
"Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheim gegeben."
Gustav von Aschenbach ist ein passiver Mensch, der ganz unvermittelt von einer wilden, fatalen Leidenschaft ergriffen wird, als er in der Hotelhalle den polnischen Knaben Tadzio erblickt, der „vollkommen schön" ist. Im Buch ist Aschenbach entsetzt über das, was ihm geschieht, und entschuldigt sich. Niemals wagt er es, den Jungen anzusprechen, der seinerseits für den alten Mann nur erstaunte Blicke übrig hat. In Venedig weht zu dieser Zeit der unheilbringende Scirocco. Völlig versunken in die verzückte Betrachtung des schönen Tadzio, nimmt Aschenbach nicht wahr, dass das Grand Hôtel des Bains sich angesichts der bevorstehenden Cholera-Epidemie leert. Er stirbt lächelnd in die Betrachtung des zum Meer blickenden Tadzio versunken.
„Wieder war mein Thema der verwüstende Einbruch der Leidenschaft, die Zerstörung eines geformten, scheinbar endgültig gemeisterte Lebens, das durch den „fremden Gott", durch Eros-Dionysos entwürdigt und ins Absurde gestoßen wird. Der Künstler, dem Sinnlichen verhaftet, kann nicht wirklich würdig werden: diese Grundtendenz bitter melancholischer Skepsis gegen alles Künstlertum kommt in dem (Platons Dialogen nachgeformten) Bekenntnis zum Ausdruck, das ich dem schon vom Tode gezeichneten Helden in den Mund legte" (aus: On Myself).
1970 betrachtete Visconti die „heutige Welt" als „hässlich und so grau" und die zukünftige Welt als „entsetzlich und niederträchtig". Damals arbeitete er an der Adaptation der Novelle von Thomas Mann, den er 1951 kennen gelernt hatte und mit dem er eng vertraut war.
Thomas Mann erläuterte dem Regisseur, dass „Der Tod in Venedig" die getreue Niederschrift seiner persönlichen Erinnerungen sei: „[...] Ganz ebenso ist im ‚Tod in Venedig’ nichts erfunden: Der Wanderer am Münchner Nordfriedhof, das düstere Polesaner Schiff, der greise Geck, der verdächtige Gondolier, Tadzio und die Seinen, die durch Gepäckverwechslung missglückte Abreise, die Cholera, der ehrliche Clerc im Reisebüro, der bösartige Bänkelsänger oder was sonst anzuführen wäre - alles war gegeben [...].(aus: Lebensabriss)".
Mann zufolge geht es in der Erzählung im Wesentlichen um den Tod, um den Tod als Macht der Verführung und der Unmoral, und um die Todessehnsucht. Ursprünglich sollte die Erzählung nicht von einem homoerotischen Thema handeln, sondern von der letzten Liebe des über 70-jährigen Goethe zur jungen Ulrike von Levetzow in Marienbad.
1911 weilte das Ehepaar Mann ein paar Tage in Venedig: „Nicht zum ersten Mal verbrachten wir, meine Frau und ich, einen Teil des Mai auf dem Lido. Eine Reihe kuriosester Umstände und Eindrücke musste mit einem heimlichen Ausschauen nach neuen Dingen zusammenwirken, damit eine produktive Idee sich ergäbe, die dann unter dem Namen des Tod in Venedig ihre Verwirklichung gefunden hat" (Lebensabriss).
Vier Wochen nach der Rückkehr schrieb Mann in einem Brief: „Ich bin in der Arbeit: Eine recht sonderbare Sache, die ich aus Venedig mitgebracht habe, Novelle, ernst und rein im Ton, einen Fall von Knabenliebe bei einem alternden Künstler behandelnd. Sie sagen ‚hum!hum!’ Aber es ist sehr anständig".
Während der Niederschrift von „Der Tod in Venedig" las Thomas Mann täglich in der Zeitung die Bulletins über den Gesundheitszustand des schwerkranken Gustav Mahler. Mann nahm den österreichischen Musiker als Vorbild für seine Romanfigur, die denselben Vornamen trägt. „[...] sein fürstliches Sterben in Paris und Wien [...] bestimmte mich, dem Helden meiner Erzählung die leidenschaftlich-strengen Züge der mir vertrauten Künstlerfigur zu geben [...]. Thomas Mann hatte Gustav Mahler persönlich getroffen und sich nach der Begegnung sehr beeindruckt gezeigt.
Der Film
"Der Autor eines cinematografischen Werks ist gleichzeitig der Autor eines ganz eigenständigen Werkes. Die geschriebene Seite stellt nur einen Ausgangspunkt dar. Es ist sinnlos, von einem Filmregisseur die völlige Treue zur literarischen Vorlage zu verlangen." (Luchino Visconti)
1971 schuf Visconti mit „Tod in Venedig" einen Film, der sich zwar eng an Thomas Manns Erzählung orientiert, an einigen Stellen jedoch eigene Akzente setzt.
Die Novelle beginnt in München, wo Aschenbach einen Spaziergang unternimmt, auf dem ihn unvermittelt ein „Verlangen in die Ferne" überkommt. Der Film hingegen setzt bei seiner Ankunft in Venedig ein. Abgesehen von dieser formalen Änderung sind alle Abweichungen bedeutsam und offenbaren Viscontis Sicht der Dekadenz. Im Film ist Gustav Aschenbach nicht Schriftsteller, sondern Musiker. Viscontis Entscheidung lag die Überzeugung zugrunde, nach der ein Musiker im Film besser zu verkörpern sei als ein Mann der Schrift: Es sei jederzeit möglich, die Musik eines Komponisten erklingen zu lassen, während man bei einem Schriftsteller auf „mühselige", „wenig ausdrucksvolle" Mittel, wie die Stimme aus dem „Off", zurückgreifen müsse. Neben Aschenbach und Tadzio gibt es noch einen dritten Bezugspunkt, das Adagietto aus der 5. Symphonie von Mahler, das sich umso mehr anbot, als die Verbindung zwischen Mann und Mahler bekannt war.
Im Film erwidert der Knabe die Blicke Aschenbachs, während in der Novelle keinerlei Austausch zwischen dem Kind und dem Künstler stattfindet.
Die Dialog-Rückblenden stellen einen weiteren Unterschied zwischen Novelle und Film dar, in dem im Übrigen kaum Gespräche stattfinden. In diesen Rückblenden sprechen Aschenbach und sein Freund Alfried über ihre unterschiedliche Sichtweise des künstlerischen Schaffens. Die Äußerungen entstammen eindeutig dem „Doktor Faustus" von Thomas Mann.
Dekadenz und ästhetische Anschauung
Gustav Aschenbach ist ein alternder, schaffensmüder Musiker. In der ersten Rückblende sieht man ihn in einem dunklen Salon; im Vordergrund steht ein Klavier, auf dem sein Gesprächspartner das Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie spielt. Man hört ihn Folgendes sagen: „Ich entsinne mich, dass wir so ein Stundenglas auch in meinem Elternhaus hatten. Die Verengung, durch die der [...] Sand rinnt, ist so haardünn, dass es zuerst scheint, als ob der Sand im oberen Hohlraum gar nicht abnehme. Nur ganz zuletzt scheint es schnell zu gehen und schnell gegangen zu sein, nahe dem Ende zu. Aber das ist so lange hin, dass es des daran Denkens nicht wert ist. Und im letzten Augenblick ist keine Zeit mehr, da bleibt uns keine Zeit mehr zum Nachdenken."
In dieser kurzen Szene offenbart Visconti seine Absicht durch seinen Hauptdarsteller und die Sanduhr-Metapher. Die Worte Aschenbachs verdeutlichen, was der französische Philosoph Gilles Deleuze als das „Zu spät" bei Visconti bezeichnet. In jedem Film des italienischen Cineasten kommt irgendwann der Augenblick „des Begreifens oder vielmehr der Offenbarung, dass etwas geschieht, obwohl keine Zeit mehr bleibt." Aschenbach verspürt das Bedürfnis, nachzudenken, „zu spät", denn er ist bereits ein kranker und einsamer Mann, der traurig auf seinen bevorstehenden Tod blickt.
Cioran spricht von der wahren Pflicht des Menschen, die darin bestehe, über sein Vergänglichkeit nachzudenken. Doch Aschenbach ist nicht in der Lage, spontan in sich zu gehen; denn um dazu fähig zu sein, bedarf es, Deleuze und Visconti zufolge, einer „Offenbarung". Das Bild der Sanduhr verkörpert jedoch nur die Vorahnung: Die wirkliche Offenbarung liegt in der Begegnung des Komponisten mit der unwirklichen Schönheit des polnischen Jünglings. So ist Tadzio im Film die Offenbarung: Durch ihn erkennt Aschenbach das Ausmaß seines Irrtums, der ihm wieder in den Sinn kommt und den der Cineast mit Hilfe einer anderen Rückblende darstellt.
Alfried: „Schönheit, Du meinst deine subjektive Vorstellung von Schönheit, die im Geiste lebt?"
Aschenbach: „Aber damit bestreitest Du doch die Schaffenskraft des Künstlers aus dem Geiste."
Alfried: „Ja, Gustav, genau das bestreite ich."
Aschenbach: „Dann müsste nach Deiner Auffassung unsere Arbeit als..."
Alfried: „Arbeit sagst Du? Glaubst Du wirklich an Schönheit als Ergebnis von Arbeit?"
[...]
Alfried: „So wird Schönheit geboren, nur so, spontan, ungeachtet deiner Anstrengungen und meiner. Sie existiert aus sich selbst, unabhängig von unserer Imagination als Künstler."
Mit diesen Worten greift Alfried Schopenhauersche Gedanken auf.
Der Bezug zu Schopenhauer
Schopenhauer gehört zu den wenigen Philosophen, die in der Kunst einen Höhepunkt des menschlichen Schaffens sehen, eine Macht, die den Menschen befreit und erhöht. Künstlerische Schaffen und Kontemplation überwinden den Egoismus und lassen das Individuum über sich selbst hinauswachsen, um es am universalen, dem einzig wahren Leben teilhaben zu lassen.
Für Schopenhauer besteht die Kunst, die Darstellung des Schönen, das, was er als „Idee", als das „Wahre" bezeichnet, in der Anschauung der unabhängigen Dinge, des Prinzips der Vernunft. Sie ist nicht dem Willen unterworfen, der gleichzeitig auch Wille zum Leben ist.
Alfried sagt im Film: „Schönheit gehört ins Reich der Sinne, Schönheit ist sinnlich." Gustav von Aschenbach bestreitet alle diese Aussagen, doch er wird von Tadzios erhabener Schönheit überwältigt. Der junge Mann symbolisiert im Sinne Platons und Schopenhauers Schönheit und Anmut der menschlichen Gestalt, die vereint der höchste Ausdruck der bildenden Kunst sind.
Visconti suchte in allen Städten Mittel- und Nordeuropas nach einem geeigneten Darsteller zur Verkörperung dieses Ideals. Von Budapest bis Helsinki ließ er junge Männer vorsprechen, bis er schließlich in Stockholm auf den 15-jährigen Björn Andresen stieß, der für die Rolle wie geschaffen schien. Die Dreharbeiten blieben Dirk Bogarde, dem Darsteller des Gustav von Aschenbach, in interessanter Erinnerung: „Ich fühlte etwas Seltsames. Als ich Andresen zum ersten Mal im Salon des Hôtel des Bains erblickte... sah ich den Engel des Todes. Er stand mir gegenüber. Von diesem Augenblick an schwieg ich, die ganze Zeit, ich sprach mit niemandem, ich war ganz für mich, jeden Tag und jeden Abend. Mit von Aschenbach entdeckte ich eine große, tiefe Traurigkeit."
Während der Dreharbeiten verschmolzen der Schauspieler und seine Figur zu einer einzigen Person, die sich einsam ihren Gefühlen der Verzweiflung hingab. Aschenbach erlebt Tadzios Schönheit als plötzliche Offenbarung; Er kann nicht anders, als sich - im Schopenhauerschen Sinne - ihrer Kontemplation hinzugeben und sich in ihr verlieren. Visconti zeigt, wie der Künstler zum Sklaven reduziert wird, der dem Knaben und seiner Familie keuchend durch die verseuchten Straßen von Venedig folgt. Die Kontemplation beschränkt sich im Film jedoch nicht ausschließlich auf die Beziehung zwischen den beiden Figuren, sondern schließt auch den Zuschauer mit ein: Was Aschenbach sieht, erblickt der Zuschauer durch dessen Augen. Der häufige Einsatz des Zooms bewirkt, dass der Zuschauer sich den Blick des Komponisten zueigen macht.
Die formale Klarheit der Bilder und ihre sehr langsame Abfolge führt beim Zuschauer zu einer Haltung der ästhetischen Kontemplation: Alle Ansichten von Venedig zeigen die Stadt im Morgengrauen; wie in Zeitlupe erfasst die Kamera die prächtige Ausstattung, die Gegenstände und die für die Zeit typische Kleidung; sie liefert nüchterne, stilisierte Aufnahmen des Strandes und des Meeres.
Sein intensives visuelles Erleben löst bei Aschenbach ein Glücksgefühl, doch gleichzeitig auch Leiden aus, denn er hadert mit der Unterwürfigkeit, die seine Leidenschaft mit sich bringt. Er versucht zu fliehen, doch die Ereignisse zwingen ihn, in Venedig zu bleiben und seine Qualen weiterhin zu ertragen.
Schopenhauer weist auf den Ursprung dieser moralischen Qualen hin: Die ästhetische Sinnesfreude ist seiner Ansicht nach rein negativ. So vermittelt die Ansicht eines schönen Sonnenuntergang beispielsweise keine wirkliche Befriedigung, sondern nur eine vorübergehende Beruhigung des im Wesentlichen schmerzlichen Willens (des Willens zum Leben). Man könnte sogar von der Widernatürlichkeit der Freude sprechen, da sie, wenn auch nur kurzzeitig, den Kampf lähmt, der jeglichem menschlichen Schaffen zugrunde liegt.
Genau dies tritt angesichts der Einsamkeit des von Verzweiflung, Leiden und Schmerz überwältigten Komponisten zutage: Aschenbach kämpft bereits im Angesicht des Todes. Diesen Aspekt hebt Visconti durch zwei zusätzliche Rückblenden auf tragische Erinnerungen des Protagonisten hervor: Der Tod der kleinen Tochter Aschenbachs, der eine Parallele zum Leben Gustav Mahlers darstellt, sowie das Ende eines von Aschenbach dirigierten Konzerts, bei er vom Publikum ausgepfiffen wird. Dies widerfuhr Visconti bei der Präsentation seines Films „Rocco und seine Brüder".
Aschenbach kämpft nicht lange gegen den unabwendbaren Tod. Völlig willenlos stirbt er, vor seinen Augen Tadzio, der symbolhafte Ausdruck der „Idee".






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

