Krzysztof Kieślowski begann seine Laufbahn als Dokumentarfilmer (er studierte an der renommierten polnischen Filmhochschule in Łódź) und hatte in diesem Genre bereits mit seinen ersten Kurzfilmen Erfolg. 1974 gab er mit "Erste Liebe" sein Fernsehfilm-Debüt. Er verfolgte darin mehrere Monate lang den Alltag eines jungen Paares, wobei ihm klar wurde, dass man leicht zu weit gehen kann, wenn man zu tiefe Einblicke in die Privatsphäre, die Freuden und Leiden der beobachteten Personen gibt. In "Dekalog" bleiben die Figuren stets menschlich, denn (wie Drehbuch-Koautor Krzysztof Piesiewicz im Gespräch mit Kieślowskis Biografen Stanisław Zawiśliński sagte): "Das Drehbuch enthält keine einzige Szene, die nicht ich oderKrzysztof Kieślowskiselbst erlebt hätten." Daneben flossen auch Erlebnisse der Koautorin Anna Krall sowie der Schauspieler in die Filme ein.
Edward Kłosiński (Erster Kameramann bei "Dekalog 2" und "Drei Farben: Weiß" sowie für andere bekannte Regisseure, wie Andrzej Wajda), sagte 2007 über die SonderstellungKieślowskis im polnischen Film: "Wir anderen konzentrierten uns auf unser kreatives Schaffen, Krzysztof aber interessierte sich für den Menschen. Das war der Ausgangspunkt seiner Weltsicht."In den zehn Folgen von "Dekalog", die jeweils eigenständige Filme sind, aber dennoch in engem Zusammenhang zueinander stehen, wirft Krzysztof Kieślowski Fragen auf, die sich jeder von uns stellt. Nach Ansicht der Schauspielerin Irène Jacob macht Kieślowski keine "beschaulichen" Filme, sondern "Filme, die Fragen stellen, die suchen, bohren ..."
Letzten Endes ist "Dekalog" also keine bloße Illustration der Zehn Gebote (die zehn Folgen halten sich übrigens auch nicht an die Reihenfolge der Gebote). Diese dienten zwar als Ausgangspunkt für das Drehbuch, doch in den Filmen geht es um moderne Menschen, die aktuelle moralische Entscheidungen treffen müssen. Sie zeigen, wie Männer und Frauen sich in schicksalhaften Situationen verhalten und welche Folgen Verfehlungen wie Lügen, Ehebruch und Mord haben.
"Dekalog" im Polen der 1980er-Jahre
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Die Handlung spielt in der Weihnachtszeit im Norden Warschaus. Für die zehn Filme von je etwa einer Stunde stand nur ein begrenztes Budget zur Verfügung. Einigen ausländischen Fernsehsendern war eine Koproduktion angeboten worden, doch alle hatten abgelehnt (und später hatten dieselben Sender für sehr viel mehr Geld die Rechte gekauft, wie Krzysztof Zanussi belustigt feststellt). Zudem fand der Dreh, der insgesamt weniger als ein Jahr dauerte, unter schwierigen Bedingungen statt (Kälte, lange Arbeitszeiten, viele Nachtaufnahmen ...), unter denen Kieślowskis Gesundheit litt.
"Dekalog", ein Prisma in Kieślowskis Werk
Der Regisseur hatte ursprünglich Begegnungen zwischen den Figuren der verschiedenen Folgen geplant. Davon ist jedoch nicht viel übrig geblieben; am auffälligsten ist die Figur des "Zeugen" (ein großer junger Mann, der stets unerwartet und wie ein Wink des Schicksals in den verschiedenen Teilen des Zyklus auftaucht). Die Schauspielerin Krystina Janda erinnert sich, dass bei den Dreharbeiten zu "ihrer" Folge (der zweiten) auch Shots gedreht wurden, die in den anderen Teilen verwendet werden sollten. Diese Idee der sich kreuzenden Lebenswege, der verhinderten oder erst in letzter Minute stattfindenden Begegnungen, kommt erst später in "Drei Farben" voll zum Tragen (vor Gericht, in den Straßen Genfs, beim Schiffsuntergang am Ende usw.).
"Dekalog" verdankt seine Entstehung auch dem Einfluss der zahlreichen Mitarbeiter Kieślowskis: Die neun Kameramänner, die auch an den vorherigen und folgenden Filmen beteiligt waren, der Koautor Piesiewicz und der Komponist Zbigniew Preisner - dessen Musik, unterbrochen von bedeutungsschweren Momenten der Stille, wesentlich zur Gesamtatmosphäre beiträgt und der ebenso wie Piesiewicz an allen dreizehn Filmen Kieślowskis mitwirkte -, aber auch Produktionsmitarbeiter und Freunde des Regisseurs lieferten Anregungen oder gaben ihre Meinung ab. Ebenso die Schauspieler, die oft parallel zu den Dreharbeiten in Warschauer oder Krakauer Theatern auf der Bühne standen. In den verschiedenen Folgen tauchen die Gesichter der Helden aus anderen Kieślowski-Filmen wieder auf: Alexander Bardini, der Dirigent aus "Die zwei Leben der Veronika", Zbigniew Zamachowski, der Karol aus "Drei Farben: Weiß", oder Jerzy Stuhr, der bereits in "Die Narbe", "Gefährliche Ruhe" und "Der Filmamateur" zu sehen war und später ebenfalls in "Weiß" mitspielte."Dekalog", ein europäischer Filmzyklus?
Die Reihe kam nicht nur in Polen, sondern auch im Ausland gut an, vor allem die Kinofassungen der Folgen fünf und sechs mit den Titeln "Ein kurzer Film über das Töten" und "Ein kurzer Film über die Liebe". "Ein kurzer Film über das Töten" wurde 1988 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt und erregte dort viel Aufsehen. Die Reaktionen reichten von Begeisterung bis zur völligen Ablehnung, lassen jedoch niemanden indifferent. Noch heute, zwanzig Jahre später, ruft der Film bei öffentlichen Vorführungen ein ähnliches Echo hervor. (Kieślowski behandelt hier das Thema der Todesstrafe, bevor es in der polnischen Öffentlichkeit diskutiert wurde. Die Todesstrafe wird in Polen heute nicht mehr vollstreckt, wurde aber offiziell bis heute nicht abgeschafft.)
So erlangte Kieślowski erst recht spät einen internationalen Ruf (in seinem Heimatland und in anderen osteuropäischen Ländern war er dagegen schon lange berühmt und hatte zahlreiche Auszeichnungen erhalten). Fragt man heute Irena Strzałkowska (die stellvertretende Leiterin des Filmstudios TOR und eine der ersten, die das Drehbuch zu "Dekalog" in den Händen hielt), ob Kieślowski ein europäischer Filmemacher sei, so antwortet sie: "Ja, natürlich!" und erzählt, dass 1988 bei der ersten Verleihung des Europäischen Filmpreis je ein Cineast aus dem Westen und aus dem Osten ausgezeichnet werden sollte: Wim Wenders und … Krzysztof Kieślowski. Kieślowski erhielt den Europäischen Filmpreis für den besten Film (für "Ein kurzer Film über das Töten"), während Wenders für die beste Regie ausgezeichnet wurde, und zwar für "Der Himmel über Berlin": ein anderer Blick auf eine andere Stadt!







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