ARTE en Français

Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Kino-News > Kinostart 11. August 2004 > Vater und Sohn

Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

Kino-News

Kinostart 12. August 2004 - 21/06/06

Vater und Sohn

Ein unvergesslicher Film von großer Schönheit


Synopsis: Ein Vater lebt mit seinem Sohn in inniger Beziehung in einer Dachwohnung. Seit Jahren haben sie sich in ihre private Welt zurückgezogen, die von Erinnerungen und täglichen Ritualen bestimmt wird. Fast wirkt es, als seien die beiden Brüder. Doch Alexej, der Sohn, will in die Fußstapfen seines pensionierten Vaters treten und eine Militärlaufbahn einschlagen. Beiden fällt es schwer, sich einzugestehen, dass ihr gemeinsames Leben sich dem Ende zuneigt.

regards_croises.jpg.imageData

etoile3.gif.imageDataAllemagne123[1].jpg.imageData Kritik: Eng umschlungen liegen die beiden muskulösen, nackten Männer auf dem Bett in ihrer idyllischen Dachwohnung. Was zunächst wie ein zwischen Zärtlichkeit und Brutalität schwankender homoerotischer Liebesakt wirkt, entpuppt sich weniger später als der Beginn eines langen Abschieds zwischen Vater und Sohn.

Alexander Sokurov hat nach „Mutter und Sohn" (1996) auch für den zweiten Teil seiner Trilogie über das Drama menschlicher Beziehungen die Form einer Parabel gewählt. Der in St. Petersburg lebende Regisseur erzählt darin von einer tiefen, hingebungsvollen Liebe zwischen Vater und Sohn, die eher mythologische Züge trägt, als dass sie sich im wirklichen Leben zutragen könnte. In diesem Märchen gibt es weder Anfang noch Ende, weder zeitliche, noch räumliche Bezüge.

Wir befinden uns mitten in einem Traum, in denen Dächer und enge Strassen einer nordischen Stadt unter südlichen Sonne erscheinen, dessen Charaktere sowohl zeitgenössische wie an die Vergangenheit erinnernde Kostüme tragen, dessen Hauptschauplatz eine Wohnung ist, deren Einrichtung trotz ihrer wieder erkennbaren Insignien beinahe surreale Züge trägt. Vor diesem mystischen, kollektiven Hintergrund entführt uns der Film in die verwirrenden Verstrickungen und Abschiedsrituale einer ungewöhnlichen Männerbeziehung.

Die Abnabelungsversuche sind dabei für Alexej, der Probleme mit seiner Freundin hat und die Militärlaufbahn seines Vaters einschlagen will, ebenso schmerzhaft wie für den Vater, dessen Sohn ihn immerzu an seine verstorbene Frau, die große Liebe seines Lebens, erinnert. Sokurov hat für die Rollen zwei Laiendarsteller ausgewählt, deren Altersunterschied zu gering ist, als dass man das Vater-Sohn-Verhältnis nur wörtlich nehmen müßte. Genauso gut ließe hinter der offiziellen Bezeichnung ihrer Beziehung eine aufgrund ihrer Armeezugehörigkeit kaschierte homoerotische Liebe vermuten, die an äußeren Zwängen scheitert.

Mit seiner unverwechselbaren Bildsprache, seinen traumartigen Toncollagen entführt uns der russische Regisseur erneut in eine hermetische Welt, in der Zeit und Raum aufgehoben zu sein scheinen. Sokurovs Familiendrama ist eine eigenartige Meditation, die die Kraft besitzt, die eigenen Sinne von den vielen lauten Kino-Impressionen dieses Jahres wieder zu reinigen.

Allemagne123[1].jpg.imageData Martin Rosefeldt
etoile4.gif.imageDatafrance123[1].jpg.imageData Kritik: Alles beginnt mit zwei ineinander verschlungenen Körpern, man sieht Muskeln und Arme, die sich anspannen, doch die Nahaufnahmen geben nichts über die beiden Menschen preis. Man weiß nicht, ob es Männer oder Frauen sind, ob sie kämpfen oder ob sie sich lieben. Danach entfernt sich die Kamera langsam und man sieht, dass es sich um zwei Männer handelt, einen jungen und einen etwas älteren, der dem anderen Ratschläge über das Leben in der Welt draußen erteilt. Handelt es sich um Liebende oder um Brüder?

Der Regisseur gibt zunächst keinen Hinweis auf die Art der Beziehung zwischen Vater und Sohn, er lässt den Zuschauer noch einige Minuten im Ungewissen und arbeitet dafür mit den für ihn so typischen verzerrten Bildern. Jeder Augenblick in „Père et fils“ könnte ein Tagtraum oder auch ein sanfter Albtraum sein: Diese Stimmung - die ständigen Überraschungen, die besondere Aufmerksamkeit Details gegenüber, die auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen - zieht sich durch den ganzen Film.

Während ein Freund ihm schildert, wie er von seinem eigenen Vater verraten wurde, folgt der Blick des Jungen den Straßenbahnschienen, den Sonnenstrahlen, die ihren Weg nachzuzeichnen scheinen. Später wirft das Mädchen, das er liebt, ihre Glasperlen-Kette aus dem Fenster; er umschließt die Perlen mit den Fingern und sagt: „Ihre Wärme ist alles, was mir bleibt“. In seinen Filmen erforscht Sokurow alle Sinne mit den Mitteln des Films.

Man spürt die Berührung, den Duft und den Geschmack auf der Haut des geliebten Menschen, die Geräusche in einem vertrauten Haus. Wie auch andere Werke dieses Zauberers ist „Père et fils“ mit seinem berauschenden Geheimnis ein unvergesslicher Film von großer Schönheit.  

france123[1].jpg.imageData Delphine Valloire
Regie: Alexander Sokurov.
Darsteller: Andrey Shchetinin, Aleksey Neymyshev u.a..
Russland, 2003.
Wettbewerbsbeitrag der 56. Internationalen Filmfestspiele in Cannes 2003
www.vater-und-sohn-der-film.de 

Erstellt: 10-08-04
Letzte Änderung: 21-06-06