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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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04/09/02

Lucia und der Sex

Kinostart 05.September 2002

LUCIA UND DER SEX

Ein Film von Julio Medem
E 2001

Synopsis

Lucía arbeitet als Kellnerin in einem Restaurant im Zentrum von Madrid. Als sie ihre große Liebe, den Schriftsteller Lorenzo, verliert, macht sie sich auf die Suche nach dem verschwundenen Geliebten. Sie führt sie auf eine Insel, gleichsam einem symbolischen Paradies. Dort lernt sie Carlos und Elena kennen, die beide auf dem Eiland Ruhe suchen. In Elenas lichtdurchflutetem weißem Haus findet Lucía Zuflucht. Ohne dass sie es voneinander wissen, haben alle eine geheime Verbindung zu Lorenzo. Elena verbrachte mit ihm vor Jahren auf genau dieser Insel eine leidenschaftliche, anonym gebliebene Liebesnacht. Bei Vollmond wurde im Meer Elenas und Lorenzos Tochter Luna gezeugt. Es gelang ihr aber nie, Lorenzo aufzuspüren. Carlos ist seinerseits der Stiefvater von Belén, die verschwunden ist, nachdem sie als Kindermädchen Lunas Tod zu verantworten hatte: sie verführte Lorenzo und ließ dabei das Kind unbeaufsichtigt. Je mehr Lucía über die beiden neuen Mitbewohner erfährt, desto mehr wird sie an das Manuskript erinnert, das Lorenzo ihr vor seinem Verschwinden zum Lesen anvertraut hatte. Es ist die Geschichte einer Reise in eine dunkle Vergangenheit, einer Reise, die offensichtlich Schuld an Lorenzos Depression trug. Immer mehr beginnen sich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verwischen. Lucía ist der Wahrheit auf der Spur und verliert sich dabei immer mehr in Lorenzos Geschichte.

Interview mit Julio Medem (Buch und Regie)

"Ich wollte vor meinem letzten Film fliehen und bin doch in der Vergangenheit versunken"

Am Anfang ist die Hauptdarstellerin Lucía auf der Flucht. So beginnt die Geschichte.
Julio Medem: Es ist eine Reise ins Nichts und dabei trifft sie auf zwei Menschen, die ebenfalls fliehen. Für mich und für Lucía begann eine vollkommen neue Geschichte. Sie flieht auf eine Insel im Mittelmeer, wo es viel Licht gibt, wo sie alles vergessen und ein neues Leben beginnen will.

Ist das Drehbuch aufgrund eines persönlichen Bedürfnisses des Regisseurs entstanden?
JM: Ich machte mir Sorgen wegen meines letzten Films DIE LIEBENDEN DES POLARKREISES, ich hatte einen seltsamen Eindruck. Anfänglich dachte ich an eine Geschichte mit dem Titel "Lucía, ein Sonnenstrahl", sie wäre symmetrisch, aber in umgekehrter Reihenfolge zum letzten Film verlaufen. Es wäre also ein Rennen vom Tod ins Leben gewesen.

Gleicht die Struktur des neuen Films jener von DIE LIEBENDEN DES POLARKREISES?
JM: Die Struktur dieses Films ist jene der Gegenwart als Flucht vor der Vergangenheit. Es ist die Geschichte einer möglichen Flucht vor einer Vergangenheit, in der etwas Schreckliches geschehen ist.

Waren Sie der erste, der auf die Insel geflohen ist?
JM: Ja, ich hatte damals nur einen Anhaltspunkt aus dem Leben meiner neuen Figur: der Tod ihres Lebenspartners. Ich ging auf die Insel, weil ich eine seltsame Vorahnung hatte. Ich nahm eine Digital-Kamera mit und filmte alles, was ich sah, ohne zu wissen, was ich damit anfangen würde. Es gab nur das Projekt einer Reise. Dort verstand ich, dass Lucía nicht wissen konnte, was diese Flucht für sie bedeuten würde. Es ist paradox, denn ihre Flucht ist gleichzeitig ihre Rückkehr. Ich wollte auch vor meinem letzten Film fliehen und bin doch in der Vergangenheit versunken.

Ist die Geschichte in diesem Moment entstanden?
JM: Nein, zuerst habe ich so etwas wie einen Roman geschrieben und ihn dann zu einem Drehbuch verarbeitet. Er hieß "Sex", denn das ist der Ursprung der Geschichte. Dann habe ich eine weitere, weniger naive Geschichte geschrieben: "Sex vor der Sonne". Als ich beide Geschichten miteinander verwoben habe, gab es ein unheimliches Durcheinander. Ich konnte mich erst befreien, als ich aus Lucías Freund einen Schriftsteller machte. So entstand auch ein Schlüsselelement des Films: die Suggestion.

Und wo ist der Sex geblieben?
JM: Sex kommt als reines Vergnügen vor, für die Figuren ist es ein Glücksschub. Wenn Lucía mit ihrem Freund zusammen ist, stirbt sie aus lauter Liebe, weil es eine so helle und offene Leidenschaft ist... Es ist auch das intime Verhältnis zwischen dem Schreibenden und dem Lesenden. Es ist die verzauberte Beziehung zwischen zwei Menschen, in der es nichts Negatives gibt.

Nichts Negatives?
JM: Na ja, er schreibt eine Geschichte, die er gehört hat und die wahr ist. Es ist die Geschichte eines Trios: die Mutter, die Tochter und der Geliebte der ersten. Der Schreibende fällt in Versuchung, mit dem Leben dieser Menschen zu spielen. Das ist ein gefährliches Spiel.

Nutzen Sie die Menschen auch für Ihre Filme aus?
JM: Nein. Das ist ethisch gesehen ein sehr heikles Gebiet. Aber dem Schreibenden würde es sehr gefallen, wenn die Menschen schließlich so wären, wie die Figuren in seinem Roman.

Zurück zum Sex, wie haben Sie das Thema schließlich behandelt?
JM: Ich habe die Geschichte auf eine direkte, frontale Weise erzählt. Im Film kommen einige sehr explizite Szenen vor, aber ich glaube, dass ich das Recht dazu gesucht und es mir verdient habe. Der Sex kommt in einer Zwischenform von Porno und Werbung vor, es gibt keine schön fotografierte Körper. Nur schöne lyrische oder grausame Szenen.

War es wichtig, dass Lucías Fluchtort eine Insel ist?
JM: Die Insel ist ein treibendes Stück Land, ein Floss. Unter Wasser befindet sich das Gesicht der Vergangenheit und manchmal gehen die Figuren tauchen.

Technisch gesehen waren die Aufnahmen ein Experiment, oder?
JM: Ja. Anfangs wollte ich mit einer kleinen Kamera drehen. Ich wollte die Figuren fast dokumentarisch darstellen. Schließlich habe ich mit einer Kamera gedreht, die in Spanien zum ersten Mal eingesetzt wurde. Sie kam bisher nur zwei Mal in Europa und drei Mal auf der ganzen Welt zum Einsatz. Für einen Regisseur ein unglaubliches Werkzeug!

Glauben Sie, dass sie die Filmsprache erneuert hat?
JM: Ja, denn man hat das Gefühl, die Kamera bewege sich ständig. Man kann Aufnahmen machen, ohne an ein starres visuelles Konzept gebunden zu sein.

Haben Sie sich von der seltsamen Vorahnung befreit?
JM: Ja, dieser Film ist letztlich sehr optimistisch, fast unkontrolliert optimistisch herausgekommen. Er beginnt ganz unten, steigt, sinkt wieder, aber schließlich... Ich habe ein sehr gutes Gefühl.

Interview Julio Medem in der Zeitschrift "La gran ilusión" ("Die grosse Illusion") zum Film Übersetzung: Mari Serrano

Kommentar

Julio Medems neuer Film ist eine faszinierende Synthese aus Traum und Wirklichkeit. Lichtdurchflutet präsentiert sich die Mittelmeerinsel auf die Lucia flüchtet, um ihrer eigenen Vergangenheit zu entkommen. Es gibt Orte wie diesen, die zu unwirklich erscheinen, um wahr sein zu können. Trifft man dort auch noch mit Menschen zusammen, zu denen man sich wie magisch hingezogen fühlt, scheint das Leben für einen Moment perfekt zu sein. Dies sind Augenblicke tiefer Wahrheit, die ein Leben verändern oder beherrschen können. Ihre Intensität strahlt oft noch Jahre später. Für Lorenzo ist der Sex unter Wasser bei Vollmond mit der unbekannten Fremden so ein Moment. Jahre später schreibt er - inspiriert von diesem Augenblick.

Und Lucia ist seinen Worten und der Magie des erwähnten Ortes verfallen. Auch sie findet dort ihren inneren Frieden, stößt aber erneut auf ihre Vergangenheit. Julio Medem gelingt es zauberhaft, ein kompliziertes Geschichtenkonstrukt zu spinnen: alle sind mit allen verwoben, und Medems Leistung ist es, dass dies dem Zuschauer nicht künstlich also konstruiert vorkommt. Er nimmt ihn vielmehr mit in sein verworrenes, märchenhaftes Geschichtenlabyrinth, in dem die Regeln der Wirklichkeit außer Kraft gesetzt sind. Die assoziativ aneinander gereihten Momente der Geschichte werden so für den Zuschauer erfahrbar.

Zwischen Julia und Lorenzo ist der Sex Quelle der Inspiration. Tiefe Leidenschaft verbindet sie und führt zu anschließender Liebe. Der Film zeigt diese Intensität. Es ist verdammt schwer, die Direktheit, Schönheit, Geilheit und Intensität körperlicher Liebe in Bildern einzufangen. Dass dem Film Nähe zur Pornografie vorgeworfen wird, zeigt, wie ernst es Medem mit seinem ambitionierten Werk ist. Außerdem hat dies praktischerweise dazu geführt, dass bereits 1.8 Millionen Spanier das skandalöse erotische Machwerk sehen wollten.

Nana A.T.Rebhan

Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 04-09-02