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PAUL IS DEAD war der Debütfilm von Henk Handloegten. Er zeichnete ein sehr stimmungsvolles, liebevoll ausgestattetes Bild der 80er Jahre, ein Film übers Erwachsenwerden. Leider konnte PAUL IS DEAD nie im Kino gezeigt werden, da er unbezahlbar viele Songs der Beatles enthielt, und daher nur im Fernsehen zu sehen war. Mit seinem zweiten Film stellt Handloegten merkwürdigerweise exakt das gleiche Können unter Beweis, aber er geht nicht darüber hinaus.
LIEGEN LERNEN ist die Verfilmung des Bestsellers von Frank Goosen. Romanheld Helmut begibt sich darin auf die Suche nach seiner ersten großen Liebe. Erzählt wird seine Geschichte ausgehend von der Jetztzeit mit Hilfe von Rückblenden in die frühen 80er Jahre. Hendrik Handloegten hat den Roman selbst umgeschrieben, die Handlung dabei komprimiert und reduziert: „Man muss sich fragen, was ist das Wesentliche? Für mich war das die Suche nach einem vergangenen Zustand ursprünglicher Vollkommenheit. Das hat mythische Dimensionen. Der Mann als Romantiker, der von seiner ersten Liebe, die er nicht zu Ende gelebt hat, erlöst werden muss." Dies ist so etwas wie die Suche nach dem heiligen Gral , ein uralter Topos, der Menschen auch nach Tausenden von Jahren immer noch fasziniert. Diese Sehnsucht versucht der Film zu wecken, aber dabei entfernt er sich nie weit von seiner komödienhaften Form. Liebevoll ausgestattet begegnen dem Zuschauer zwar die 80er Jahre, aber zum Gesellschaftsporträt reicht dies nicht. Wo sich die Stimmung nicht mit wenigen Andeutungen zeichnen lässt, verfällt Handloegten in die Form der Parodie, etwa bei dem Gegensatz des spießigen Reihenhauses aus dem Helmut stammt und der alternativen, unaufgeräumt legeren Villa seiner Jugendfreundin Britta, oder den Nicaragua-Arbeitsgruppen.
Sehr sorgfältig widmet sich der Film der damaligen Musik, die oft stimmungsbildend bei einzelnen Szenen eingesetzt wird, etwa F.R. Davids ‚ ‚Words’, dem No.1 Hit von 1982. Dadurch erschließt sich - gerade für die heute 30-jährigen ein stimmiges Bild, das intensive Erinnerungen an damals wachruft.
Während Helmut im Buch seinen Mitmenschen gleichgültig bis lakonisch begegnet, hat sich der Regisseur Mühe gegeben, seinen Hauptdarsteller zum Sympathieträger werden zu lassen, und das ist ihm auch gelungen. Einerseits durch dessen entwaffnende Ehrlichkeit und Direktheit, die dieser an den Tag legt, andererseits durch die hervorragende Besetzung mit Fabian Busch (23).
LIEGEN LERNEN schwimmt mit SOLOALBUM und VERSCHWENDE DEINE JUGEND auf der Welle des 80er Jahre und Punk-Revivals. Leider gelingt es auch ihm nicht Tiefgang zu erzeugen, ein unterhaltsamer Film ist er aber allemal geworden.
Nana A.T.Rebhan
Kommentar
Liegen zu lernen ist eigentlich keine Kunst, sollte man meinen, viel schwieriger ist es für das Erwachsenwerden doch, den Aufrechten Gang einzuüben. Aber Helmut, die Hauptfigur in Hendrik Handloegtens gelungener Bestseller-Verfilmung, hat da in den achziger Jahren, hin- und hergerissen zwischen Bochum und Berlin, seine eigene Philosphie entwickelt - so wie sie als Robert Gernhardt-Zitat auch der Romanvorlage vorangestellt ist: Ganz ruhig bleiben, möglichst nichts entscheiden und nur den richtigen Moment abwarten - so begegnen dir die tollsten Frauen, denn Frauen glauben dann gern an deine Formbarkeit. Am Anfang kommt Helmut damit sogar durch: Britta, das tollste Mädchen der Schule scheint sich nur für ihn zu interessieren, und an dem Hochgefühl dieser ersten Liebe wird er fatalerweise auch die folgenden Beziehungen messen.
Das kann natürlich nicht lange gut gehen, Lethargie und Passivität erweisen sich als höchst beziehungsuntaugliche Einstellungen, und der Ernst des Lebens droht sein hässliches Haupt zu erheben. Der Film versucht auch gar nicht erst, diesem bekannten Erzählmuster auszuweichen. Aber seit „Nach fünf im Urwald" oder „Crazy " gab es im deutschen Kinofilm keine so stimmige, unterhaltsame und berührende Coming-of-age-Geschichte zu sehen.
Es scheint, als ob hier einfach alles zusammengepasst hat: Der Roman von Frank Goosen, den der Film nur an wenigen, aber entscheidenden Stellen verändert, die ausgezeichneten, frisch und gelöst spielenden Darsteller, die Stars Sophie Rois oder Fritzi Haberlandt genau so wie die Entdeckungen Susanne Bormann oder Birgit Minichmayr, und schließlich - ganz wichtig für das Lebensgefühl und die Atmosphäre der achziger Jahre - der absolut geschmackssichere Soundtrack.
Wo das Buch noch etwas geschwätzig zur reinen Aufzählung einzelner Episoden neigt, verdichtet und verkürzt Handloegten, was Rhythmus und Tempo des Films zugute kommt, und er verstärkt gekonnt die ironisch-lakonische Perspektive auf Helmut, der immer nur sehr langsam etwas dazu lernt.
„Liegen Lernen" zeigt, dass es im deutschen Film nicht nur eine neue Ernsthaftigkeit gibt, wie in den letzten Filmen von Tykwer, Petzold und Hans-Christian Schmid, sondern auch eine neue, gelassene Heiterkeit, die nicht angestrengt witzig sein will. Das ist zwar nicht frei von nostalgisch-melancholischen, und vielleicht manchmal auch sentimentalen Passagen. Aber diese Gefühle muss man schließlich nicht verleugnen, schon gar nicht, wenn sie im Kino so leichthändig und selbstironisch daher kommen. Kritik und Publikum werden den Film lieben.
Thomas Neuhauser
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 03-09-03