30/07/03
Kommentar
Kommentar
In seinem vierten Kinofilm überrascht Hans-Christian Schmid mit einem konsequenten und daher sehr ungemütlichen Sozial-Realismus in Form eines Episodenfilms. Waren seine früheren Filme "Nach 5 im Urwald" (1996) oder "Crazy" (2000) noch heiter-melancholische Coming-of-age-Komödien, und "23" (1998) ein virtuoses Spiel mit den echten oder eingebildeten Gefahren der Computerwelt, so wendet er sich in "Lichter" mit bewegter Kamera und halb-dokumenarischer Inszenierung einem ganz anderen Thema zu - und damit auch ganz anderen Figuren.
Frankfurt an der Oder ist ein Ort, an dem sich der Kampf um ein bisschen Teilhabe am Wohlstand ebenso dramatisch zuspitzt, wie die Angst, das bisschen Wohlstand zu verlieren. Das ist hier die deutsch-polnische Grenze, es könnte auch die Meeresenge von Gibraltar oder die nordamerikanisch-mexikanische Grenze sein, wo solche Menschen aufeinander treffen: Der Mann aus der Ukraine, der den Potsdamer Platz sehen will und noch die Dolmetscherin bestiehlt, die ihn über die Grenze schmuggelt, die polnische Familie, die von Helfern betrogen wird und fast im Fluss ertrinkt, der naive junge Architekt, der erkennen muss, dass seine polnische Freundin sich von den Geschäftsleuten nicht nur fürs Übersetzen bezahlen lässt. Es sind harte und traurige Geschichten, und Schmid hält diese Stimmung im Film auch durch, er bietet keinen schnellen Trost, das Licht am Ende des Tunnels ist hier eher ein entgegenkommender Zug.
Es ist dennoch kein deprimierender und auch kein pessimistischer Film, die Kraft und der Überlebenswille dieser Figuren machen trotz allem Mut. Auch wenn bei den verschiedenen Parallelhandlungen an manchen Stellen die Übersicht verloren zu gehen droht, oder die Geschichte abrupt endet, auch wenn die unruhige, oft zu bewegliche Kamera nicht immer der Intensität und den guten Darstellern nützt, der Film ist im besten Sinne beeindruckend und wirkt lange nach. Gerade auch da, wo er mit seiner hohen Dosis an auswegloser Tristesse möglicherweise Abwehr auslöst.
Nach einer anhaltenden Komödienflut kehren deutsche Regisseure wie Hans-Christian Schmid, Andreas Dresen ("Halbe Treppe") oder Christian Petzold ("Wolfsburg") mit einer eigenen Formsprache zur sozialen Wirklichkeit zurück. Das ist für den deutschen Film auf jeden Fall eine Bereicherung, und es muss keineswegs immer so humorvoll abgefedert werden, wie man es vom britischen "social realism" kennt. Schließlich kann es ja sein, dass diese Wirklichkeit zur Zeit tatsächlich nicht besonders freundlich ist.
Thomas Neuhauser
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 30-07-03