- Synopsis
„Weil es eine Legende ist, Du Hohlkopf“, sagt der Pariser Parfumeur Baldini auf die naive Frage seines Lehrlings Grenouille, warum man nie die entscheidende, dreizehnte Zutat für das Parfum der Parfums gefunden habe. Also macht sich der auf Kosten seiner übrigen Gefühlswelt mit einem absoluten, über- menschlichen Geruchssinn ausgestattete Grenouille auf die Suche nach dieser Essenz, um das Parfum herzustellen, das ihm eine zuvor nie gekannte, überwältigende Dufterfahrung zurückbringen soll: den Geruch des Mirabellenmädchens, dem er den Rest seines kurzen Lebens mit allen, auch mörderischen Mitteln nachjagen wird. Vergeblich natürlich, und eher gleichgültig lässt er dabei die übrigen Menschen an Dufteindrücken teilhaben, die sie in sinnliche Paradiese katapultieren.
Wenn du Angst hast, stinkst du00:00:29
- Der Kommentar zum Film
Tom Tykwer und Bernd Eichinger haben zwar Patrick Süskinds Weltbestseller als literarische Vorlage benutzt, aber obwohl sie ziemlich genau dem Handlungsverlauf folgen, haben sie klugerweise nicht den Roman selbst verfilmt, sondern nur die darin enthaltene Legende, man könnte auch sagen den Plot. Sie haben sich auf die äußere Handlung und auf die archaisch-mythischen Motive dieser großartigen Geschichte konzentriert und dafür wunderbare, poetisch-realistische Bilder gefunden, die den Film zu einer nachhaltigen, sinnlich-emotionalen Erfahrung machen – sofern man im Kino nicht ständig an den Roman denkt.Wenn man sich dem Buch so nähert – und Eichinger hat bei seinen Literaturverfilmungen immer den einfachen Legenden-Kern der Geschichte gesucht – dann ist „Das Parfum“ tatsächlich eine geradezu ideale Vorlage für einen Film und man wundert sich, warum so lange über seine Verfilmbarkeit diskutiert wurde. Natürlich wird die Komplexität der sprachlichen Ebene, der Assoziationen und Subtexte dabei reduziert, aber dafür wird eine mitreißende, spannende, unterhaltsame und manchmal auch komische Geschichte für großes Publikums-Kino erzählt. Wie jeder vernünftige Autor hat sich auch Süskind, nachdem er sich die Rechte endlich abkaufen ließ, nicht weiter um die Verfilmung gekümmert, auch nicht am Drehbuch mitgearbeitet.
Zehntausend Rosen für ein winziges Fläschchen00:01:54
Man sollte sich in solchen Fällen endlich ganz von den oberflächlichen, willkürlichen und missver- ständlichen Film-Buch-Vergleichen verab- schieden, die keinen Erkenntnisgewinn bringen, so lange sie nicht semiotisch fundiert ausge- arbeitet werden. Es fragt ja auch niemand, ob Wagners „Parsifal“ auf der Bühne nun besser oder schlechter sei, als Wolfram von Eschenbachs literarische Vorlage „Parzival“.Eine europäische Filmproduktion, die 50 Millionen Euro kostet, muss für sich stehen können, da wird niemand einen leisen, ästhetisch innovativen Schwarzweiß-Film erwarten, der die Geruchssensationen und die Emotionen vielleicht nur indirekt in der Mimik der Darsteller andeutet.
Tom Tykwer hat schon in seinen Filmen „Winterschläfer“, „Der Krieger und die Kaiserin“ und in dem leider viel zu wenig beachteten „Heaven“ gezeigt, dass er für Sinneseindrücke, Tagträume und Phantasien intensive Bilder findet, und das ist ihm auch hier für das stinkende Paris des 18. Jahrhunderts gelungen, für den Duft junger Mädchenblüte, für Blütenblätter, Essenzen und für die damit verbundenen Sehnsüchte - und für den „stillen Duft von totem Stein“, den Grenouille in seiner Höhle als einziges wahrnimmt und dabei feststellen muss, dass er keinen Eigengeruch hat, dass man ihn wortwörtlich nicht riechen kann.
Nur ein Geruch fehlte - sein eigener00:01:08
Tykwer und sein großartiger Kameramann Frank Griebe haben dafür Zoom, Nahaufnahme und Lichtführung virtuos verwendet und dabei durchaus eine eigene, starke, und angemessene Bildsprache gefunden. Es sind besonders diese Bilder, die hier am längsten nachwirken, und das ist ja nicht das Schlechteste, was sich über einen großen Kinofilm sagen lässt.
Vielleicht ist es aber nicht genug für die großen Erwartungen, auf die dieser so lange angekündigte und immer wieder verschobene Film trifft, dessen immer wieder verhinderte, schwere Geburt in „Rossini“ (1997) sogar selbst zum Thema einer ironischen Filmkomödie wurde.
Eine der genialsten Gestalten jener Epoche00:01:25
Da ist also leicht zu spotten, oder um es passender auszudrücken, die Nase zu rümpfen, und manche Vorwürfe, die schon in den Feuilletons zu lesen waren, sind auch nicht ganz unberechtigt. So hat sich der sonst so geschmackssichere Tykwer diesmal bei der Komposition der Filmmusik wohl doch übernommen, und Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker sind zwar aller erste Wahl, aber nicht unbedingt dafür bekannt, sich zurück zu nehmen und in den Dienst der Bilder zu stellen. Da hätte man sich einen sparsameren Einsatz gewünscht, und der Film entgeht nicht überall der Kitschfalle, die bei der Umsetzung von Geruchsassoziationen und großen Gefühlen immer lauert.
Auch ist Otto Sanders sicher die beste Erzählerstimme, die sich finden ließ, aber wenn hier schon die pralle, konkrete Handlung im Vordergrund steht, und nicht Symbolik oder Abstraktion, dann hätte man den Bildern auch mehr vertrauen können, d. h. den immer Distanz schaffenden Off-Erzähler besonders am Anfang nicht so ausgiebig einsetzen müssen.
Er wird nicht Ruhe geben, bevor er auch dich hat00:01:01
Mehr Subtilität also hätte einigen Szenen gut getan, vielleicht auch dem letztlich aber doch sehr amüsanten Auftritt von Dustin Hoffman als Baldini.
Dem Hauptdarsteller Ben Wishaw jedoch vorzuwerfen, dass er zwar ein Monster spiele, aber nicht (dem Buch entsprechend) auch äußerlich wie ein Monster aussehe, ist doch reichlich naiv. Wishaw kann in seinem Blick genug Abgründiges zum Ausdruck bringen, da wäre ein zusätzlicher Quasimodo-Effekt eben gerade wieder zu viel des Guten. Darüber lässt sich aber diskutieren, ebenso wie über die Frage, ob man dem entmenschlichten, nur auf sein absolutes Parfum fixierten Grenouille dann doch menschliche Regungen wie Mitgefühl und Selbstmitleid zugestehen darf, was der Film am Ende etwas unentschlossen tut.
Wie viel Amor und Psyche wollen Sie?00:02:20
Schlicht falsch und schon fast fahrlässig ist es aber, beispielsweise zu viele Einstellungen auf Grenouilles Nase oder auf kopulierende Paare zu kritisieren. Da muss man fairer weise feststellen, dass Tykwer sogar verhältnismäßig dezent bleibt, und der Film mit solchen Bildern an keiner Stelle so spekulativ umgeht, wie es das Sujet vielleicht befürchten ließ.
Das gilt auch für die wahrscheinlich heikelste Szene des ganzen Films, als Grenouille sein großes Parfum, das konzentrierte Jungfrauen-Destillat aus nun tatsächlich dreizehn Ingredienzien, frei fliegen lässt, und es auf dem Markplatz zur spontanen Massenorgie kommt. Konsequent, mutig und mit der hier einzig richtigen Direktheit wird das umgesetzt, was den Kern der Legende ausmacht: Ein überirdischer, berauschender Duft, der seinen Erfinder nicht rettet, aber den Menschen die Liebe bringt – und zwar keine metaphysisch-jenseitige, sondern die konkret körperliche. Das hätte sehr leicht schief gehen können, und vielleicht hätte es auch etwas rauschhaft-ekstatischer zugehen können, aber Tykwer zeigt die Szene quasi realistisch, so als würde sich die Orgie tatsächlich einfach so entwickeln – ein überraschendes und schönes Bild. Da muss man nicht gleich mit modisch-reflexhafter Hippie-Abwehr reagieren und sich über „Make love not war“-Anklänge lustig machen, schließlich waren diese Ideen damals doch gar nicht so schlecht. Ganz im Stil eines großen Parfums gelingt dem Film mit diesen Bildern dann doch der synästhetische Akkord von großer Kopf-, etwas schwächerer Herz-, aber einer ähnlich lang nachklingenden Basisnote wie bei „Das Geheimnis der Rose“. In dieser Liga spielt der Film problemlos mit und das ist ein großer Erfolg - für diesen einen und für den deutschen Film insgesamt.
Thomas Neuhauser





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