Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Kino-News > Kinostart 8. Januar 2009 > Jerichow

Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

Kino-News

Kinostart 08. Januar 2009 - 07/01/09

Jerichow

Mit seinem herausragenden Film Noir Jerichow, in dem Nina Hoss wieder eine Hauptrolle spielt, war Christian Petzold 2008 zum ersten Mal im offiziellen Wettbewerb der Filmfestpiele in Venedig vertreten.

  • Im Gespräch mit Christian Petzold, Regisseur von "Jerichow"
  • Trailer:  "Jerichow"

Previous videoNext video

Previous imageNext image
Mit seinem Film Jerichow war Christian Petzold 2008 erstmals im offiziellen Wettbewerb von Venedig vertreten und verließ hier das Feld halbfantastischer Erzählungen, die wir seit Gespenster (2005) und Yella (2007) von ihm gewohnt waren, und erzählt in düsteren Farben von der Enge einer Dreiecksbeziehung. Nach dem Muster des Romans The Postman always rings twice von James Cain geht es in dem Film um die junge Laura aus Deutschland (gespielt von der in ihrer Fieberhaftigkeit wundervollen Nina Hoss), die sich nach einer turbulenten Vergangenheit im Gefängnis ihrer ambivalenten Ehe mit dem türkischen Geschäftsmann Ali (Hilmi Sözer) wiederfindet. Als dieser den Ex-Soldaten Thomas als Fahrer einstellt, verliebt sich Laura in ihn. Sehr schnell keimt in dem geheimen, leidenschaftlichen Liebespaar der Gedanke, Ali verschwinden zu lassen… Schon lange bringt Christian Petzold sein Interesse für Menschen zum Ausdruck, die ohne Halt in der Gesellschaft sind. Zu Beginn seines Films konzentriert er sich ganz auf Thomas (gespielt von Benno Fürmann): eine Art athletischer, von den Unbilden des Lebens gebeutelter Vagabund mit stechenden Augen. Mit typisch deutscher Präzision, die auch den Kontext überdeutlich in Szene setzt (den friedlichen kleinen Flecken Jerichow), folgt Petzold den Irrwegen Thomas’, der sich anschickt, in einem leerstehenden Haus und mit einem Job ohne Zukunftsperspektiven ganz bei Null anzufangen. Thomas spiegelt den Prototypen aus Christian Petzolds Filmen wider: Menschen, die nur auf Bewährung draußen sind, ein Gespenst ihrer selbst, und das gilt auch für Ali und Laura. Ersterer ist Ausländer, ein halb alkoholabhängiger Türke, einsam in seiner Ehe und ständig in Sachen Geschäfte unterwegs, weg von seiner bürgerlichen Bleibe. Laura ist zerbrechlich, zurückhaltend und geprägt durch eine verkorkste Vergangenheit, von der sie sich nicht befreien kann, genauso wenig wie von Ali, von dem sie finanziell abhängig ist. Mit der geschickt inszenierten Begegnung der drei Persönlichkeiten weitet sich der beinahe klinisch präzise Blick von Christian Petzold. Die immer strahlenderen Bilder, brillanten Farben und Landschaftsaufnahmen und die raffinierten Einstellungen kontrastieren auf schreckliche Weise mit der Tragik der Szenen. Christian Petzold erschafft hier eine ganz neue Form der Abstraktion auf halbem Weg zwischen Film Noir, leidenschaftlicher Romanze und nüchterner Darstellung der Gesellschaft.

Jerichow
Von Christian Petzold
Deutschland, 2008, 93 Min.
Mit Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer
Wettbewerb – ARTE-Koproduktion

Unterschwelliges Thema ist das Geld, dem die beiden mittellosen Deutschen zum Opfern gefallen sind. Paradoxerweise wird klar, dass auch der reiche Ali trotz allem Anschein nicht wirklich damit umgehen kann. Lauras emblematischer Ausspruch „Wenn du kein Geld hast, kannst du nicht lieben“ trägt etwas von der Prostitution in sich, in der sie tatsächlich lebt, und verweist zugleich auf das Drama der Ohnmacht und rasenden Eifersucht des Geschäftsmannes. Mit Jerichow bereichert Christian Petzold seine Filmographie subtil um ein weiteres Werk, mit dem er einmal mehr seinen Anliegen auf herausragende Weise gerecht wird.

Olivier Bombarda




Erstellt: 05-01-09
Letzte Änderung: 07-01-09