14/10/03
Kommentar

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Wenn ein Kinobekloppter wie Quentin Tarantino, der in seinen einsamen Nächten als ehemaliger Angestellter einer (Sex-)Videothek wahrscheinlich mehr B-Pictures gesehen hat als die meisten aller Filmkritiker, dem von ihm hochgeschätzten Yakuza-, Kung-Fu-, Samurai-, Manga- und Spaghetti-Western-Genre gleichzeitig eine leidenschaftliche Hommage erweist, kann dabei eigentlich nichts anderes herauskommen als ein megalomaner Blutrausch.
Der Filmtitel ist Programm - „Kill Bill" ist ein 3-stündiges, vom Miramax-Produzenten Harvey Weinstein in zwei Teile zersäbeltes Racheepos, in dessen Zentrum Tarantinos Muse Uma Thurman steht. Sie hat die Rachegöttin erfunden, die auf ihrer eigenen Hochzeit im 9. Monat von ihren ehemaligen Killer-Kollegen gequält und hingerichtet wurde und deshalb hat Tarantino dann selbst ein Jahr mit den Dreharbeiten auf seine Hauptdarstellerin gewartet, bis die damals Schwangere wieder einsatzfähig war.
Am Anfang sucht „Die Braut"in der scheinbar friedlichen Vorgarten-Idylle von Pasadena/Kalifornien eine afroamerikanische Mutter auf. Schon bald aber hauen und stechen die beiden aufeinander ein, dass es spritzt, um gleich darauf, weil die Heimkehr der kleinen Tochter von der Schule ein bisschen Frieden verlangt, ein Steh-Kaffeekränzchen miteinander zu halten.
Doch es hilft alles nichts - „Die Braut" muss das Leben der tückischen Viper-Mama per Messerwurf aushauchen - vor den Augen ihrer kleinen Tochter. Dieser Film kennt eben keine Gnade, weder mit den hyperstilisierten Filmgegnern, noch mit den Zuschauern. Die Handlung ist trotz der Tarantino-typischen, die Chronologie der Ereignisse aufbrechenden Vor- und Zurücksprünge, denkbar einfach, gesprochen wird nur das Allernotwendigste. Kapitelweise kämpft, sticht und haut sich Uma durch die Genres, nimmt es gar im „Haus der Blauen Blätter" mit Lucy Lius ganzer 100-köpfiger Samurai-Bande auf (- ein Jahr hat Tarantino allein daran gearbeitet) und lässt dabei comichaft verzerrt das Blut meterhoch spritzen.
Das Ganze würzt der Filmnarr mit unzähligen makabren Witzen, Film- und Musikzitaten, die in ihrer Gesamtheit wohl nur ein paar ganz wenige Filmverrückte wie Tarantino selbst entziffern können. In „Kill Bill" zeigt sich bisher am deutlichsten, was man immer schon über Tarantino wusste - dass der Movie-Junkie Tarantino kein Geschichtenerzähler im eigentlichen Sinne ist, sondern ein Filmschnipsel- und Musikzitat-Sammler, der in seinen Filmen das trashige Kulturerbe der Popmoderne aufsammelt und virtuos zusammenkocht. Die irrwitzige Summe eines Lebens als Zuschauers eben und nicht die eines am Leben Anteil nehmenden Regisseurs.
Martin Rosefeldt
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Quentin Tarantino hat es erneut geschafft, die Filmwelt zu überraschen, so wie man es von ihm ja eigentlich auch erwartet. Nach der ultimativen Gangsterfilm-Farce "Pulp Fiction", drehte er mit "Jackie Brown" eine einfühlsame, fast melancholische Hommage an das Black Cinema der siebziger Jahre. Von da an war klar, dass er auch ganz anders kann. Danach musste seine weltweite Fangemeinde sechs Jahre warten - und viele Gerüchte über angebliche Schaffenskrisen verkraften - bis der Meister des selbstreferentiellen Genre-Kinos jetzt endlich mit seinem neuen Film in die Kinos kommt.
Ein Zweiteiler darf es diesmal sein, "Kill Bill - Volume II" folgt erst im nächsten Frühjahr, und mit dem betont schlichten Teil1-Teil2-Titel macht er sich gleich noch lustig über Hollywoods lächerliche Sequelsflut à la "Matrix". Andererseits müssen wir Tarantino allmählich auch glauben, wenn er immer wieder erklärt, er drehe eigentlich nur solche Filme, die er selbst auch gerne im Kino sehen würde. Das ist im Fall von "Kill Bill - Volume I" ein virtuoser Zitaten-Ritt durch die Action- und Trash-Kultur der Filmgeschichte mit einem genialen Soundtrack und einem zentralen Leitmotiv: Rache!
Das dazu passende, wahrscheinlich völlig frei erfundene Sprichwort, ist dem Film vorangestellt: "Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird". Daran hält sich der Regisseur auch, zumindest in der Geschichte von Teil 1, in dem Uma Thurman als "The Bride" ihren Plan mit der Überschrift "I will kill Bill" abarbeitet. So beginnt ein Rachefeldzug von antiker Dimension, gegen den die Erynnien oder Krimhild geradezu sanftmütig erscheinen. Tarantino treibt das in einer durchchoreografierten Blut- und Gewalt-Orgie auf die Spitze, aber die Bilder sind nicht wirklich brutal oder schockierend. Wer am Beispiel von "Kill Bill" die Grenzen der Gewaltdarstellung im Kino diskutiert, ist schon auf Tarantino hereingefallen.
Das liegt nicht nur am wilden Genremix und der perfekten Künstlichkeit der Bilder -Tarantino ist auch ein bekennender Fan der japanischen Manga-Comics - es liegt genauso an dem mythisch überhöhten und extrem ausgereizten Rachemotiv, das von den bluttriefenden Schlachtszenen banalisiert wird. Anders gesagt: Man glaubt dem Film keine einzige Szene und ist doch fasziniert von seinem raffinierten Spiel und der Ikonografie. Insofern ist es dann doch wieder ein echter Tarantino geworden. Nur hat er sich diesmal von seiner Liebe zu Comics, Italo-Western und Kung-Fu-Filmen so mitreißen lassen, dass er seinen hochgetunten Motor im Leerlauf durchdrehen lässt.
Der Zuschauer bleibt erschöpft zurück und fragt sich nicht einmal mehr, warum Bill seine Braut und Top-Agentin eigentlich erschießen wollte. Die eher spärlichen Dialoge können und sollen nichts erklären und Bill selbst hat sowieso erst in Volume II seinen richtigen Auftritt. Zumindest weiß man aber, dass Bill von David Carradine dargestellt wird, dem damit nach John Travolta und Pam Grier das für Tarantino-Filme schon obligatorische Comeback eines großen Vergessenen zukommt. Es werden sich doch noch ein paar Leute an die "Kung Fu"-Serie erinnern.
Das hilft zwar auch nicht, um die Logik der Geschichte zu erfassen, aber mit ernsthaftem Verstehenwollen wird man hier sowieso schnell zum Spielverderber. Über Rache - insbesondere über die große weibliche Rache - erfahren wir demnächst in Lars von Triers neuem Film "Dogville" mehr und wesentlicheres. Doch ganz am Schluss von "Kill Bill - Volume One" - schließlich sind wir im Tarantino-Universum - gibt es einen so klassisch-schönen Cliffhanger, dass man doch wieder geködert ist und den zweiten Teil schon jetzt ungeduldig erwartet. Und Nancy Sinatra singt dann hoffentlich wieder den passendsten Titelsong aller Zeiten: "Bang Bang".
Thomas Neuhauser
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 14-10-03