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Kinostart 28.März 2002
BEIJING BICYCLE
Ein Film von Wang Xiaoshuai
Volksrepublik China/Frankreich 2000
Synopsis
Beijing heute. Guei, ein 16-jähriger Junge vom Land, kommt mit großen Erwartungen in die Stadt. Er findet Arbeit bei einem Kurierdienst, der ihn einkleidet und ihm ein Fahrrad zur Verfügung stellt: ein neues, silberfarbenes Mountainbike. Sobald er 600 Yuan verdient hat, wird das Rad ihm gehören.
Kurz bevor Guei das Geld zusammen hat, verschwindet das Rad, geklaut am hellichten Tag. Ein wichtiger Auftrag wird vermasselt und er wird entlassen. Doch Guei, starrköpfig wie er ist, bleibt hartnäckig und kann seinen Chef zu einer Vereinbarung überreden: Wenn er das Fahrrad wiederfindet, behält er seinen Job. Verzweifelt läuft er durch ganz Beijing, um es zu suchen.
Wie durch ein Wunder erkennt sein Freund das Rad wieder. Allerdings sitzt auf ihm jetzt Jian, ein Schüler, der es auf dem Flohmarkt gekauft hat. Ebenso wie Guei sieht er sich als rechtmäßiger Besitzer des Fahrrads. Für Guei ist es die materielle Grundlage seiner Existenz, für Jian Statussymbol, um in der Clique akzeptiert zu werden. Ein verbissener Kampf um das Fahrrad beginnt.
Der Regisseur Wang Xiaoshuai
Wang Xiaoshuai ist einer der talentiertesten jungen chinesischen Regisseure. Als er sein Studium mit dem Diplom der Filmhochschule von Beijing abschließt, schreibt und produziert er seinen ersten Spielfilm 1993: THE DAYS. Dieser Film wurde außerordentlich gut in der westlichen Kritik aufgenommen, vom nationalen Filmbüro wurde er jedoch auf die 'Schwarze Liste' gesetzt. Unter dem Namen "Wu Min" (anonym) produzierte er ERFRIEREN dieser Film wurde für mehrere internationale Festivals ausgewählt. Ende 1995 produzierte er A VIETNAMESE GIRL für das Beijing Film Studio. Der Film wurde von dem Zensurkomitee abgelehnt. Es dauerte drei Jahre für die Remontage und eine Titeländerung (SO CLOSE TO PARADISE) war nötig, bevor der Film genehmigt wurde. 1998 nahm der Film an der offiziellen Auswahl des Cannes-Festivals (Un Certain Regard) teil.
Bemerkungen des Regisseurs
Das Fahrrad war immer schon eines der Wahrzeichen Beijings, wenn nicht ganz Chinas. Über Jahre hinweg war es das einzige Fortbewegungsmittel der ganzen Familie. Als ich klein war, war die Tatsache, mehrere Räder zu besitzen, ein Zeichen von Wohlstand oder von Pfiffigkeit. Vor der Zeit, als sich China öffnete, war der Status einer Familie daran abzulesen, ob man die "4 Großen" besaß: eine Uhr, eine Nähmaschine, ein Radio und ein Rad. Heute sind die "4 Großen" nicht mehr dieselben.
Obwohl das Rad einiges von seinem Ruhm eingebüßt hat, ist es immer noch ein wichtiges Fortbewegungsmittel geblieben, denn es gibt nach wie vor wenig Motorräder oder Autos. Es ist nicht mehr der Gegenstand, den sich alle wünschen, dennoch gibt es das Bedürfnis danach, da man es täglich braucht, auch wenn man es gerne ersetzen würde. Im Unterschied zur Nähmaschine oder zum Radio ist das Rad nach und nach zu einem Symbol für 'Mangel an Wohlstand' geworden.
Guei, der Kurier, verfügt über ein Rad; für ihn ist es das Zeichen einer sozialen Entwicklung und ein wichtiger Unterschied im Vergleich zu seinem Leben auf dem Dorf. Jian, obwohl auf der höheren Schule, stammt aus einer bescheidenen Familie, die immer noch staunend vor einem Fahrrad steht und für die der Kauf eines solchen eine wichtige Entscheidung darstellt. Jians Liebe für das Rad übersteigt sein eigentliches Bedürfnis. Sein Wunsch, es zu besitzen, ist durch den Stolz begründet, den er vor seinen Freunden empfindet.
Kommentar
"Beijing Bicycles" von Wang Xiaoshuai ist der zweite Film einer ostasiatischen Metropolen gewidmeten Reihe und der letzte Film einer Flut asiatischer Spielfilme, die bei den Festivalbesuchern in den letzten zehn Tagen angesichts des ungleichen Wettbewerbs für Verwirrung gesorgt haben. Traditionell werden die besten Filme an den letzten Festivaltagen gezeigt, und "Beijing Bicycles" scheint dies zu bestätigen: Nach dem enttäuschenden "Betelnut Beauty" von Lin Chen-sheng - dem ersten Film der Reihe - liegt nun ein äußerst gelungenes Werk vor, das erstaunlicherweise nicht der chinesischen Zensur zum Opfer fiel. Der Regisseur erzählt von den grausamen Lehrjahren des Landjungen Guei, den die Armut nach Peking treibt und der dort sein Dasein als Laufjunge fristet. Der arglose Guei ist den Tücken des Großstadtlebens nicht gewachsen und erlebt die Brutalität des täglichen Überlebenskampfes in voller Härte. Sein Fahrrad, das wichtigste Arbeitswerkzeug, kommt ihm abhanden und gerät in die Hände des Studenten Jian, eines typischen Kindes der Großstadt. Die Jahre der kommunistischen Diktatur haben aus Jian einen Einzelkämpfer gemacht, der sich nur noch auf sich selbst verlässt. Jahrzehnte des Kommunismus und die Öffnung des Landes für den Kapitismus haben eine Generation hervorgebracht, die keine Illusionen mehr hat und die vor Skrupellosigkeit und Gewalt nicht zurückschreckt, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Anhand von Gueis Schicksal zeigt Wang Xiaoshuai die Veränderungen auf, die in der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft vonstatten gehen. Nur mithilfe des Fahrrads können der naive Guei und der gewiefte Jian ihre prekäre Existenz sichern; andernfalls bleibt ihnen nur ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Die beiden jungen Männer stehen für eine zur Untätigkeit verurteilten Gesellschaft, in der die Solidarität dem Überlebenskampf zum Opfer gefallen ist und in der die menschlichen den materiellen Werten gewichen sind. Wang Xiaoshuai ist es gelungen, diese Veränderungen mit einer Schärfe und Präzisison aufzuzeigen, die niemanden unberührt lassen.
Julien Welter
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 27-03-02