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ARTE Interaktiv
Kinostart 27.Juni 2002
AUGUST
Ein Film von Avi Mograbi
Israel/Frankreich 2002
Synopsis
AUGUST ist halb Dokumentar-, halb Spielfilm und beschreibt einen Monat im Leben des Regisseurs und seiner Frau. Er möchte den Monat August in den Mittelpunkt rücken, da - seiner Meinung nach - dieser Monat eine Metapher für alles Verabscheuungswürdige in Israel ist. Seine Frau ist ganz anderer Auffassung: Sie schätzt den August, der für sie den Optimismus repräsentiert.
So beginnt der Filmemacher mit Straßenaufnahmen für seinen Film.
Im Zuge der Dreharbeiten verliert er jedoch die Kontrolle über das, was seine Kamera aufnimmt, und ist nicht in der Lage, die geplanten Szenen fertig zu stellen. Auch wenn sein eigentliches Vorhaben scheitert und er außerstande ist, das zu drehen, was er eigentlich vor hatte, erzählt der Regisseur, wie durch ein Wunder, doch seine Geschichte, wenn auch auf ganz andere Art und ohne sich dessen bewusst zu sein. Er will den August dokumentieren und alles, was So schrecklich an diesem Monat ist; schließlich wird er selbst zum August.
Zur gleichen Zeit wird die Frau des Regisseurs zu Hause von seinem Produzenten festgehalten, für den er einen Film über das Massaker in der Höhle von Machpela bei Hebron drehen sollte, in der ein israelischer Arzt 1994 eine Gruppe von betenden Moslems erschoss.
Alle drei Charaktere - der Regisseur, die Frau des Regisseurs und der Produzent - werden von einer einzigen Person gespielt: dem Regisseur von AUGUST, Avi Mograbi.
Der Regisseur über den Film
Die Idee zu meinem Film AUGUST ähnelt dem Vorschlag, den die Frau des Filmemachers macht: Man sollte einen Film machen, der nur aus Gewalt, Zänkerei und Ärger besteht. Das ist Israel: Wo man sich auch aufhält, sei es im öffentlichen oder im privaten Bereich - überall herrscht Brutalität. Es ist, als ob wir für eine nahe Katastrophe bestimmt sind, eine Katastrophe, die ohne vorherige Warnung über uns hereinbrechen soll. Der Monat August verkörpert für mich dieses quälende Gefühl. Ich hasse diesen Monat wie keinen zweiten. Der August ist heiß, brütend heiß. Es ist ein völlig unnötiger Monat, der zu nichts nütze ist und zu nichts führt. Man hat den Eindruck, man befände sich mitten in einem großen Feuer, und kann nichts anderes tun, als zu warten, dass es vorbei geht. Als ich mit den Dreharbeiten anfing wollte ich kleine und große Ereignisse filmen, deren potentielle Gewalt zu Tage treten würde. Als sollten meine genauen Vorstellungen mit den Gegebenheiten der Realität konfrontiert werden, merkte ich, dass die Wirklichkeit einen eigenen Willen hat. Im Jahr 2000 übertraf der Oktober den August bei weitem. Alle unsere Befürchtungen darüber, was unser Land wohl noch für uns bereit halten würde, bewahrheiteten sich. Alles, was sich aufgestaut hatte, entlud sich in einer kranken Welle der Gewalt, die an sich selbst Freude hatte.
AUGUST ist ein Porträt des Staates Israel. Im Unterschied zu anderen Porträts dieses Landes basiert dieser Film nicht auf der Entlarvung der verschiedenen ideologischen Kräfte, die in Israel aktiv sind, er basiert nicht auf den politischen und bilateralen Konflikten, die hier herrschen, es ist auch kein Film, der Israel anhand seiner Geschichte erklären will. AUGUST ist ein Porträt der Natur, des Charakters und der Persönlichkeit dieses Landes und der Menschen, die in ihm wohnen. Es ist ein Porträt des kontinuierlichen Ärgers, der Bitterkeit und der Verdächtigungen, denen man hier ständig ausgesetzt ist; das Porträt eines Ortes, der durch die Turbulenzen von Ärger und Wut in Bewegung gebracht wurde. Israel ist ein Land, in dem jeder Mensch einen Feind hat, in dem dein Nachbar sich jederzeit als dein Feind herausstellen kann, und in dem es keinen besseren Moment gibt, als jetzt, um die Möglichkeit eines Streites zwischen euch wahrzunehmen. Das ist August.
Biographie
Avi Mograbi wurde 1956 in Israel geboren. Er studierte Kunstgeschichte an der Ramat Hasharon Art School und Philosophie an der Universität von Tel Aviv. 1982 begann Mograbi als Regieassistent bei nationalen und internationalen Filmprojekten zu arbeiten. Seit 1989 führt er selbst Regie. In den letzten Jahren konzipierte und realisierte Mograbi Videoinstallationen wie z.B. Relief (1999), At the Back (2000), Will You Please Stop Bothering Me and My Family (2000).
Filme 1989: Deportation (12 Minuten). 1994: The Reconstruction (The Danny Katz Murder Case, 50 Minuten). 1997: How I Learned to Overcome My Fear and Love Arik Sharon (61 Minuten, Forum 1997). 1999: Yom Huledet Same'ach, Mar Mograbi (Happy Birthday Mr. Mograbi, 77 Minuten, Forum 1999). 2002: AUGUST.
Kommentar
Ein großes breites, unebenes Gesicht mit einer breiten, großporigen Nase füllt die Leinwand aus. Die breite Nase und das große Gesicht gehören dem israelischen Regisseur Avi Mograbi, der einen neuen Film gedreht hat, den er ein Porträt des Staates Israel nennt. Er will darin die Aggression zum Ausdruck bringen, die in dieser aufgeladenen, explosiven politischen Spannung existiert. Eigentlich ein hehres, rechtschaffenes Vorhaben, wenn da nicht Avi Mograbi selbst wäre.
Er geht mit seiner DV-Kamera auf die Strasse, und will Leute filmen, doch die wollen meistens nicht, halten die Hände vor das Objektiv und/oder beschimpfen Avi Mograbi hinter der Kamera. Und genau dieses Material verwendet er dann sehr gerne als ‚Beweis‘ für die miese Stimmungslage in seinem Land. Dabei fällt ihm gar nicht auf, wie extrem unsensibel und harsch er an sein Beweismaterial zu kommen versucht. Ein Beispiel: Avi Mograbi filmt einen Soldaten, der in einem Jeep sitzt. Der Soldat bittet ihn höflich aber bestimmt, ihn nicht zu filmen. Mograbi geht auf die Bitte nicht ein, sondern filmt einfach weiter und fragt immer wieder nach, was so schlimm daran sei, wenn er ihn filme. Der Soldat wird schließlich sauer und wechselt in den Befehlston. Daraufhin beschwert sich Mograbi, daß der Soldat ihn ‚unmenschlich‘ behandeln würde. Mograbi wird im Laufe des Filmes mehr und mehr zu einem penetranten Selbstdarsteller, der es nicht verstehen kann, warum sich nicht gleich die ganze Welt voller Begeisterung auf Knieen vor seine Kamera wirft.
Weil er sich selbst so gerne sieht und hört, spielt er auch noch drei Rollen selbst. Dabei wird er nicht müde, mit billigem Splitscreenverfahren sich gleichzeitig als Frau, Regisseur und Produzent in Szene zu setzen. Diese Omnipräsenz des großen Gesichts mit der porigen, breiten Nase macht ebenfalls aggressiv. Insofern gelingt ihm sein Vorhaben perfekt, einen Film über Aggressivität zu machen.
Es gibt ja auch Filme, die eigentlich ernst sein wollen, aber unfreiwillig komisch sind, weil sie so schlecht sind, dass man die Message in jeder Szene und jedem Dialogsatz zu spüren scheint. Warum also soll es nicht auch mal einen Film geben, der unfreiwillig und doch gewollt den Zuschauer in eine wachsende Aggression versetzt. Nach 72 Minuten wird dieser völlig geschlaucht aus dem Dunkel entlassen, um sich anschließend sich anschließend ein erstbestes Opfer für seine angestauten Agressionen zu suchen. Ob das wohl im Sinne des Erfinders ist?
Nana A.T.Rebhan
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 26-06-02