Kritik: DIE DÜNNEN MÄDCHEN lässt seine Protagonistinnen ausführlich zu Wort kommen und niemanden sonst. Immer wieder versuchen diese in Interviews und Therapiesitzungen zu erkunden und zu erklären, warum sie sind was sie sind: magersüchtig. Sie sind bereit, ihr Leben zu ändern, und versuchen, ein normales Essverhalten zu erlernen, doch das ist alles andere als einfach.
Die Dokumentation von Maria Teresa Camoglio nähert sich ihnen sehr behutsam. Die Mädchen bringen große Bereitschaft mit, von sich zu erzählen. Wie alles begann, warum sie sich in die teuflische Spirale der Nahrungsverweigerung begeben haben, wie faszinierend die Kontrolle über ihr Leben anfangs war. Dabei fällt auf, dass es für jedes Mädchen einen anderen Auslöser gegeben hat. Bei einer ist die Schwester gestorben, die ihr der liebste Mensch war, eine andere revoltierte gegen ihre Eltern, die andere – eine Medizinstudentin – wollte ihr Herzinfarktrisiko vermindern, indem sie abnahm. Gemeinsam ist, dass sie nicht hungerten, weil sie Modeideale erfüllen wollten.

Regie: Maria Teresa Camoglio
Mit Sonja, Susanne, Elisa, Lisa, Isi, Karin, Madalena, Anne, Cora, Hilke und Curly

Kamerafrau Sophie Maintigneux setzt den Mädchen ein schlichtes aber wirkungsvolles Licht, das die langsam Genesenden in ihrer jugendlichen Schönheit zeigt. Außerdem filmt sie einen Flamenco-Workshop in aller Ausführlichkeit, der ein visuelles Gegengewicht zur Wortlastigkeit des Themas bieten soll. In vielen Großaufnahmen beobachtet die Kamera die Bewegungen der noch recht unsicheren Tänzerinnen. Dies ist eine große Herausforderung für die Mädchen, die alle ein Problem mit ihrem weiblichen Selbstverständnis haben, sich mehr als Kind oder Mädchen denn als Frau fühlen. Der Tanzunterricht soll ihnen helfen, ihre weibliche Seite zu finden, ihren Stolz und ihr Selbstbewusstsein.
Auch Interpretationen von Bildern Edward Munchs, auf denen viele sehr magere Frauenfiguren zu sehen sind, Mini-DV Videotagebücher einzelner Mädchen und gemeinsames Einkaufen und Kochen sind Bestandteile des Films. Ausführlich diskutieren die Mädchen über die Auswahl und Zusammenstellung der Speisen, über Kalorien- und Fettwerte. Letztlich bringt ihnen das gemeinsame Kochen sogar Spaß. Aber ein Rückfall ist immer möglich. Die ehemalige Medizinstudentin Madalena weint vor der Kamera ihres Videotagebuchs, weil sie zugenommen hat. Sie gesteht, dass sie sich noch nachts in der Notfallapotheke Abführmittel besorgt hätte, wenn sie nicht in der Therapieeinrichtung wäre. Die völlig rational kontrollierte tägliche Kalorien- und Fettzufuhr an das natürliche Hungergefühl abzugeben und wieder „normal“ zu essen ist eine langfristige Aufgabe und viele der Mädchen werden ein Leben lang damit beschäftigt sein.
Der Dokumentation DIE DÜNNEN MÄDCHEN gelingt es, ein Verständnis für die Krankheit und deren Symptome zu erlangen, die in den gezeigten Fällen überhaupt nichts mit der oberflächlichen Modewelt und den dürren Models zu tun hat.
Nana A.T. Rebhan







( Arte Bewertung: 4 )
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