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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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Kinostart 11. Mai 2006 - 15/05/06

Mooladé

Ein Film von Sembène Ousmane


Der mutigen Kampf einer jungen Frau gegen die
Tradition der Beschneidung junger Mädchen in Afrika

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Senegal, Burkina Faso, Frankreich, 2004, 117’
 
Synopsis: In einem namenlosen westafrikanischen Dorf flüchten vier junge afrikanische Mädchen vor dem traditionellen Beschneidungsritual ‚Salindé’ zu Collé Gallo Ardo Sy (Fatoumata Coulibaly), die über ihr Haus einen Bann, den ‚Moolaadé’ ausspricht. Gemäß diesem mündlich überlieferten, traditionellen Asylrecht stehen die Mädchen von nun an unter ihrem Schutz, es sei denn, die patriarchalisch gesinnte Dorfgemeinschaft verschafft sich doch noch mit Gewalt Zutritt, um mit der öffentlichen Bestrafung der Flüchtigen das Ritual, welches den Fortbestand ihrer seit Jahrtausenden gültigen Vorherrschaft über die Frauen sichert, doch noch durchzusetzen.
 
Kritik: Gleich durch mehrere westafrikanische Länder musste der damals 79-jährige Sembène Ousmane, Gründervater des afrikanischen Kinos, im Jahr 2002 reisen, um den idealen Drehort für den zweiten Teil seiner Trilogie namens „Heldentum im Alltag“ zu finden. Schließlich wurde er nicht in seiner Heimat Senegal, sondern im benachbarten Burkina Faso fündig, 400 Kilometer von Ouagadougou entfernt, Veranstaltungsort des berühmtesten afrikanischen Filmfestivals. Der Spielort seiner Handlung nämlich ist ein Dorf mit ursprünglicher Lehmarchitektur, in dem unterschiedliche Kulturen beheimatet sind. Fast unbeeinflusst vom Zeitalter des Kolonialismus lebt hier, inmitten üppigen Grüns eine Art Subsistenzwirtschaft fort, dessen kulturelle Wurzeln viel weiter zurück reichen als der Islam mit seiner patriarchalischen Männergesellschaft, der erst viel später die Stammesregionen südlich der Sahara seinem Hegemonialreich einverleibt hatte. Teil dieser Jahrtausende alten, vom Islam übernommenen und instrumentalisierten Stammesbräuche ist auch jenes unglückselige Beschneidungsritual, nach dem bis heute in immer noch 25 von 48 afrikanischen Ländern junge Mädchen beschnitten werde, der Ehre der Familie und des Ehemanns zuliebe.
 
Ousmane, der als Soldat des französischen Kolonialreichs unter De Gaulle an der Befreiung Frankreichs teilnahm, später in Marseille dichtender Hafenarbeiter wurde, dann in Moskau Film studierte und noch später als erster schwarzer afrikanischer Regisseur einen Spielfilm drehen durfte (1966: „La Noire de … „/“Black Girl“), hat seine Filme immer schon in den Dienst der weiblichen Befreiung gestellt - in der Überzeugung, nur die feministische Revolte, eine Neuordnung im Verhältnis der Geschlechter könne den rückständigen Stammesgesellschaften mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Problemen an die Moderne heranführen. Schon der erste Teil seiner Trilogie widmete sich einer mittellosen, allein erziehenden Mutter, die wegen ihrer Schwangerschaft von der Schule verwiesen wird und sich fortan allein mit ihren Kindern in der Großstadt durchschlagen muss.
 
In Moolaadé setzt Ousmane sein Plädoyer für die Abkehr von überkommenen Wertvorstellungen mit seiner unverwechselbaren, zwischen Komik und Ernst hin- und herschwankenden Handschrift fort. Die ersten 10 Minuten genügen ihm, um den Konflikt mit seinem dramatischen Potential von shakespeare’schen Ausmaßen zu etablieren. Doch obwohl es in dieser von Männern regierten Dorfgemeinschaft für die Betroffenen um nichts weniger geht als um Leben oder Tod, schlägt der Film versöhnliche Töne an, findet Fortschrittsgewillte und Sympathisanten der weiblichen Befreiung auch unter dem männlichen Geschlecht. Ein fahrender Händler sowie ein in Frankreich ausgebildeter Häuptlingssohn stemmen sich gegen die drohende öffentliche Auspeitschung der Asylgewährenden und kämpften für den Einzug von Transistorradio und Fernsehapparat ins unaufgeklärte Dorf.
 
Sein Darstellerensemble hat der Regisseur ausschließlich unter den Dorfbewohnern rekrutiert und somit auf glanzvolle Schauspielleistungen zuliebe der Authentizität verzichtet. Ihre größte Wirkung nämlich entfalten Ousmanes Filme nicht in den Intellektuellenzirkeln der afrikanischen Großstädte, sondern in den Dörfern auf dem Land, wo manchmal nur ein alter Fernsehapparat steht oder gelegentlich ein fahrender Filmvorführer Quartier aufschlägt. Doch „Moolaadé“ ist mehr als sprödes, agitatorisch aufgeladenes Bauerntheater. Ousmane vermag in seinen archaisch anmutenden Geschichten, Komik und Tragik, Humor und Gewalt, Realismus und Symbolik auf einzigartige Art und Weise miteinander zu vermischen. Der überzeugte Humanist und Gerechtigkeitskämpfer glaubt anders als viele antiwestlich und antimodern eingestimmte Landsleute an den Fortschritt – und an das baldige Ende des grausamen Beschneidungsrituals - die letzten beiden Einstellungen seines Films legen davon Zeugnis ab. Auf ein auf die Moschee gepflanztes 150 Jahre altes Straußenei zeigt Ousmane eine auf einem Hausdach Fernsehantenne – untrügliches optimistisches Anzeichen dafür, dass der Sieg den Frauen nicht mehr zu nehmen sein wird.
 
Martin Rosefeldt

Erstellt: 09-05-06
Letzte Änderung: 15-05-06