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DVD-News - 09/10/13

Letzte Ausfahrt Brooklyn

Ein Film von Uli Edel


Brooklyn im
Ausnahmezustand

  • Synopsis

Wegen eines Streiks herrscht in Brooklyn im Jahre 1952 der absolute Ausnahmezustand. Überleben kann nur, wer selbst nicht zimperlich ist. Etwa die Nutte Tralala (Jennifer Jason Leigh), die mit Kumpels ihre Kunden ausnimmt. Der verheiratete Gewerkschafter Harry (Stephen Lang) entdeckt seine Homosexualität und der sensible Transvestit Georgette (Alexis Arquette) kämpft ums Überleben.

  • Der Kommentar zum Film

Regisseur Uli Edel bewies schon mit seiner erfolgreichen Verfilmung von Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981), dass er düstere Stimmungen perfekt in Szene setzen kann. In Letze Ausfahrt Brooklyn herrscht eine unheimliche Endzeitstimmung, die die zwischenmenschliche Moral außer Kraft setzt – bereits in der ersten Szene des Films wird ein Soldat fast zu Tode geprügelt, weil er sich mit den falschen Leuten anlegt. Dieser Beginn legt gleich die Latte für die emotionale Temperatur des Films fest, die latent aggressiv aufgeheizt ist. In der zweiten Szene pinkelt ein übergewichtiger Familienvater aus dem Fenster, weil das Bad von seiner schwangeren Tochter besetzt ist. Sekunden später beschweren sich die Nachbarn schreiend, dass ihr Kind „nass“ geworden sei.

Tralala, die wasserstoffblondgefärbte Nutte mit Vorliebe für rote Outfits ist der einzige farbliche Akzent, der in einem Meer von Braun- und Grautönen dahintreibt. Sie wird hervorragend von Jennifer Jason Leigh verkörpert, die eine käufliche Frau mimt, die keinerlei Gefühle an sich heranlässt und genau darüber verzweifelt. In einer der ergreifendsten Szenen des Films wird sie von einer ganzen Horde betrunkener Männer vergewaltigt, während aus dem Off ein Liebesbrief an sie von einem ihrer ehemaligen Kunden vorgelesen wird: „bis wir uns wiedersehen träume ich von deinen Augen...“. Als sie bereits halbtot ist, taucht ein jugendlicher Verehrer von ihr auf, der die restlichen Männer vertreibt, ihren nackten Körper liebevoll bedeckt und sie in den Armen wiegt.

Es gibt noch weitere Geschichten in diesem Film, die alle auf den gleichnamigen Romn Letze Ausfahrt Brooklyn von Hubert Selby Jr. zurückgehen, der auch das Drehbuch selbst geschrieben hat. Der Transvestit Georgette muss mehrmals um sein Leben kämpfen und rennt schließlich auf Heroin aus Versehen vor ein Auto – der Fahrer ist kein anderer als Hubert Selby Jr. Im Buch stirbt er an einer Überdosis Heroin, einige Adaptionsfreiheiten hat sich der Autor aber selbst geleistet. Die eine starke Atmosphäre kreierende Kameraarbeit von Stefan Czapsky und die coole Musik von Mark Knopfler tragen ein übriges dazu bei, dass dieser Film den intensiven Eindruck eines amerikanischen Alptraums hinterlässt.

  • Das Bonusmaterial

Das 43-minütige Making Of aus dem Produktionsjahr des Films, 1989, ist eine wahre Fundgrube. Der Film vermittelt nicht nur einen guten Eindruck der aufwendigen Dreharbeiten, sondern geht weit darüber hinaus. Hier wird Brooklyn mit vielen Straßenaufnahmen als Stadtteil mit seiner Geschichte vorgestellt. Der Zuschauer bekommt ein Gefühl dafür, in welchem Milieu Letzte Ausfahrt Brooklyn angesiedelt ist, einem siedenden Sammelbecken für Soldaten, Seeleute, leichte Mädchen und Herumtreiber. „In Brooklyn lebst du nicht, hier überlebst du“, sagt Deutschlands Vorzeigeproduzent Bernd Eichinger (Der Untergang), leger in Jeansjacke gewandet. Er hat zusammen mit Regisseur Uli Edel in München an der Filmakademie studiert und gemeinsam wagten sie es, dieses mutige Projekt zu stemmen. Mehrere Wochen drehten sie an Originallocations in Red Hook, einem Viertel Brooklyns, das für seine hohe Kriminalitätsrate gefürchtet ist. „Brooklyn ist möglicherweise die gefährlichste Gegend in New York, vielleicht sogar in der westlichen Welt. Es war streckenweise die Hölle, dort zu drehen,“ versichert Uli Edel. An manchen Drehtagen gab es bis zu 1000 Statisten zu frisieren und einzukleiden. Doch die Mühe und der Aufwand haben sich gelohnt – das Ergebnis ist erstklassig.

Filmausschnitte aus Hubert Selby Jr.: It'll be better tomorrow erzählen Details über den Werdegang des ungewöhnlichen Schriftstellers. Im Krankenbett liegend verbrachte der schwächliche Hubert Selby Jr. sechs Jahre seines Lebens damit, seinen ersten Roman zu schreiben, Letzte Ausfahrt Brooklyn. Das Buch schlug sofort wie eine Bombe ein, doch verfilmt wurde er erst 25 Jahre später. Regisseur Darren Aronofsky, der Requiem for a Dream - ein anderes Buch Selbys - verfilmte, sagt über „Last Exit Brooklyn“: „Dieses Buch änderte mein Leben. Es bewirkte, dass ich Schriftsteller und Erzähler wurde“.

Selby selbst fühlte sich der Figur des Transvestiten Georgette stets am nächsten. Georgette schließlich veranlasste ihn, überhaupt dieses Buch zu schreiben. „Georgette war schon immer entfremdet von allen und jedem – wie ich“, sagt er nachdenklich. Eichinger beschreibt die Intensität des Films, der nachhaltig wirkt: „Der Film ist wie ein Brocken, der in den Zuschauerraum geschmissen wird.“ Regisseur Uli Edel findet versöhnlichere Worte: „Wenn der Zuschauer bereit ist, diesen Weg mitzugehen, wird er am Ende auch eine Idee von Glück haben.“

Nana A.T. Rebhan


  • Letzte Ausfahrt Brooklyn
USA/ Deutschland 1989, 98 Min.
Regie: Uli Edel
Mit: Jennifer Jason Leigh, Alexis Arquette, Stephen Lang, Stephen Baldwin

  • Extras
Sprachen: Englisch, Deutsch
-Darsteller und Crew Infos
-Making Of
-Ausschnitte aus dem Film „Hubert Selby Jr.: It’ll be better tomorrow“
-Trailershow

Erstellt: 06-05-05
Letzte Änderung: 09-10-13