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22/05/04

Clean

Regie/Drehbuch: Olivier Assayas
Darsteller: Maggie Cheung, Nick Nolte, Beatrice Dalle u.a.
Frankreich, 2004, 110’
 57. Internationale Filmfestspiele in Berlin: Wettbewerb
 
 Synopsis: Emily (Maggie Cheung), die heroinsüchtige Rocksängerin, muss in Kanada für 6 Monate ins Gefängnis, nachdem ihr Mann, Lee, Gitarrist der gemeinsamen Band, an einer Überdosis stirbt. In Paris kommt Emily beruflich bei Verwandten unter. Nur, wenn sie das Sorgerecht für ihren 8-jährigen Sohn zurückgewinnt, der mit Lees Eltern (Nick Nolte als „Albrecht“) in London weilt, kann sie ein neues Leben beginnen . Doch dafür muss Emily erst „clean“ werden.

Kritik: Schon einmal war Maggie Cheung Hauptdarstellerin in einem Olivier-Assayas-Film: „Irma Vep“. In dieser Hommage an einen französischen Vampir-Stummfilm der 20er Jahre spielt die in England aufgewachsene Hongkong-Chinesin eine Schauspielerin, die in einem Film einen Vampir verkörpern soll. Stilisierte Frauen hat Maggie Cheung in ihrem Leben, vor allem im Hongkong-Kino, zum Beispiel bei Wong Kar-Wei („In the Mood for Love“), zur Genüge gespielt, dachte sich Assayas und schrieb seiner ehemaligen Lebensgefährtin eine Rolle auf den Leib, die mehr ihrer lebendigen, spontanen, nervösen Vorstellung vom Kino entsprach.“Clean“ beginnt als kaputter Roadmovie und als Abgesang auf die avantgardistische Rockmusik der 80er Jahre und die darin ausgedrückten Ideale von Selbstverwirklichung und Freiheit, die immer auch an Drogenexzesse gekoppelt waren. Jetzt, 20 Jahre später, hat diese Extremerfahrung bei den Beteiligten schmerzliche Spuren hinterlassen. Auch aus Emily ist leider weniger eine ernst zu nehmende Sängerin, sondern ein heroinsüchtiges Rockgroupie geworden, die ihr wildes Leben im Schatten eines anerkannten Musikers mit Selbstzweifeln und Paranoia bezahlt. Der plötzliche Tod ihre Mannes lässt ihr Leben endgültig einstürzen und ist doch zugleich die einzige Chance, der Droge doch noch zu entrinnen.

Nun beginnt der zweite, in Paris spielende Teil von „Clean“ – die polyglotte, mehrsprachige Emily kehrt an die Seine zurück, wo sie zwei alten Freundinnen,  Irene (Jeanne Balibar) und Elena (Beatrice Dalle) wieder begegnet. Die drei Frauen ziehen Bilanz. Während aus Irene eine beruflich erfolgreiche Zynikerin geworden ist, nimmt sich Elena, die Überlebenskünstlerin, ihrer an. Emily, immer noch auf Drogen (Methadon), findet nur langsam ins Leben zurück. Denn zuerst muss sie begreifen, dass im heutigen Musikgeschäft kein Platz mehr für sie ist. Nur ihr Sohn, begreift Emily, bietet ihr eine Zukunftschance. Mehr und mehr mutiert „Clean“ zum anrührenden Familienwiedervereinigungsdrama – die dritte Komponente in Assayas Film. Darin gibt Nick Nolte den emotional großzügigen Schwiegervater, der  - Drogensucht hin oder her - weiß, dass sein Enkel eine Mutter braucht. Bis dahin ist es noch ein längerer Weg, aber die Transformationen Emilys verläuft schließlich nach diversen Rückschlägen erfolgreich. Keine großen inhaltlichen oder formalen Überraschungen also hat der Film zu bieten, sondern eher einen sehr amerikanischen, wenn auch emotional kühleren Erzählverlauf mit dem dazugehörigen Menschheitsideal: „Veränderung ist möglich, wenn du nur an dich glaubst“.

 Martin Rosefeldt
 Synopsis: Lee und Emily sind ein drogenabhängiges Musikerpaar. Als Lee sich bewusst wird, dass seine Karriere ruiniert ist, stirbt er an einer Überdosis. Emily steht nun allein vor allen Herausforderungen: vor dem dringend notwendigen Entzug, vor ihrem Kind, um das sich bisher Lees Eltern gekümmert haben und das sie nun wieder zu sich nehmen will, und vor der Öffentlichkeit, die sie beschuldigt, für Lees Untergang verantwortlich zu sein. Und schließlich muss sie sich auch mit der heutigen Musikindustrie auseinandersetzen, die sich seit den glanzvollen Zeiten des Paares sehr verändert hat. Emily möchte versuchen, mit der Aufnahme neuer Lieder ihre Trauer zu verarbeiten.

Kritik: Olivier Assayas hat sich immer auch für die Welt des Rock and Roll interessiert, auch wenn er letztendlich dem Kino treu geblieben ist. Diese mit Distanz vermischte Faszination spiegelt sich wieder in seinem äußerst zurückhaltenden Film „Clean“, der zu großen Teilen auf der schillernden Beziehung des Sängers Kurt Cobain mit Courtney Love basiert. Nach dem Selbstmord Cobains musste sich seine Frau einer aggressiven Öffentlichkeit stellen, denn das Sorgerecht für ihre Tochter wurde ihren Schwiegereltern zugesprochen. Seinen ersten Film „Désordre“ drehte Assayas in der Hochzeit des Independant Rock (es geht um die ersten Startversuche einer Band). In seinem neuen Werk zieht er Bilanz aus seiner Generation und einer Rock ’n’ Roll-Epoche, die ihren Zenit längst überschritten hat und heute nur noch im aseptischen Milieu der kommerzorientierten Branche dahinvegetiert (ein wunderbarer kurzer Auftritt von Jeanne Balibar als Produzentin eines Labels, vollkommen angepasst und kriecherisch).

Der Regisseur lässt Maggie Cheung hier also eine Figur spielen, die in vielerlei Hinsicht eine Überlebende ist. Eingeschnürt in einen alterslosen schwarzen Lederblouson verkörpert sie gewissermaßen eine lebendige Tote und verleiht dem Film eine düstere Note. Dessen langsamer Rhythmus unterstreicht den schmerzhaften und unsicheren Versuch der Musikerin, den Gipfel des Berges in absoluter Einsamkeit zu erklimmen. Der Darstellung der emotionalen Last scheint Olivier Assayas damit zur Genüge nachgekommen zu sein. Sein Film ist von großer Transparenz und erlaubt es auch denjenigen, die nicht unbedingt die angelsächsische Musikpresse verfolgen, in den Film einzutauchen, ohne auf allzu viele Anspielungen zu stoßen.

 Julien Welter

Erstellt: 21-05-04
Letzte Änderung: 22-05-04