Schriftgröße: + -
Home > Film > Cannes 2011 > Cannes auf ARTE > Die fetten Jahre sind vorbei

Cannes auf ARTE - 09/05/11

Die fetten Jahre sind vorbei

Jan und Peter wollen nur eins: den reichen Bonzen eine Lektion erteilen. Dafür klettern sie nachts in fremde Villen und stellen das Mobiliar auf den Kopf. Sie stehlen nichts, sie zerstören auch nichts. Denn wer hier wohnt, hat entsprechende Versicherungen abgeschlossen - das kreative Chaos, das sie hinterlassen, soll verunsichern. Als Jan und Peters Freundin Jule eines Nachts alleine losziehen, werden sie vom Villenbesitzer Hardenberg überrascht ...

Previous imageNext image
Dass die Güter dieser Welt ungerecht verteilt sind, ist allen klar. Wie das zu ändern ist, hingegen nicht so ganz. Statt bei Demos mitzulaufen und Flugblätter zu verteilen, haben Jan und Peter ihren eigenen Weg gefunden, um gegen die soziale Ungerechtigkeit anzukämpfen: Sie wollen Angst schüren bei den Reichen, ihnen zeigen, dass sie in ihrem Hochsicherheitstrakt aus Überwachungskameras und Alarmsystemen verletzlich sind. Dafür fahren sie nachts mit ihrem klapprigen VW-Bus durchs Villenviertel und brechen in Häuser ein, deren Bewohner im Urlaub oder auf Geschäftsreise sind. Sie bauen Möbel zu kunstvollen Skulpturen um und hinterlassen Briefe mit der Warnung "Die fetten Jahre sind vorbei" oder "Sie haben zu viel Geld" - unterzeichnet mit "Die Erziehungsberechtigten". Als Peters Freundin Jule von den Aktionen der beiden erfährt, ist sie begeistert. Weil sich Jan schon längst in Jule verliebt hat, lässt er sich dazu überreden, mit ihr in die Villa des Topmanagers Hardenberg zu steigen. Doch dieses Mal geht alles schief: Jule vergisst ihr Handy, und als die beiden am nächsten Tag zum Tatort zurückkehren, werden sie von Hardenberg persönlich ertappt. Dafür haben die selbst ernannten Erziehungsberechtigten nun gar keinen Plan entwickelt - und so werden sie unversehens zu Entführern.

"Die fetten Jahre sind vorbei" zeigt, dass politisches Kino auch Spaß machen kann. Ein erfrischend subversiver Kinofilm, eine Geschichte um politisches Aufbegehren, das an kein Dogma mehr glaubt. Und es ist ein Film über Liebe, Freundschaft und romantischen Idealismus. "Die Zeit" war begeistert: "Ein utopischer Film [...] mit einer surrealistischen Subversionskraft, die man verloren glaubte, seit Luis Buñuel bei den Chaplins zu Hause den allzu bürgerlichen Weihnachtsbaum zertrampelte."
"Die fetten Jahre sind vorbei" war 2004 nach elf Jahren der erste deutschsprachige Film im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes und wurde dort mit minutenlangen Standing Ovations gefeiert. Beim Deutschen Filmpreis 2005 bekam der Film die Lola in Silber als bester Spielfilm, beim Filmfest München den Preis für den besten Film und das beste Drehbuch. "Die fetten Jahre sind vorbei" war ein beachtlicher Erfolg an der Kinokasse, lief in fast allen Ländern Europas und wurde international etwa in den USA, Südamerika oder Japan gezeigt.
Es ist Hans Weingartners zweiter Film nach seinem viel beachteten Debüt "Das weiße Rauschen" (2001), das dem Österreicher unter anderem den renommierten Max Ophüls Preis einbrachte. "Das weiße Rauschen" war Weingartners Abschlussarbeit an der Kölner Kunsthochschule für Medien , wo er von 1997 bis 2001 im Fachbereich Film/Fernsehen studierte. In Feldkirch/Vorarlberg geboren, hatte er zuvor in Wien und Berlin Neurologie studiert und parallel eine Ausbildung zum Kameraassistenten absolviert. Bereits für "Das weiße Rauschen" stand Daniel Brühl als Hauptdarsteller vor der Kamera. Ferner inszenierte er "Free Rainer" (2007) und war einer der Regisseure von "Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation" (2009).
Daniel Brühl gelang der große Durchbruch mit der Komödie "Good Bye, Lenin!" (2003) für den er sowohl den Deutschen als auch den Europäischen Filmpreis als bester Darsteller erhielt. Er spielte zusammen mit Jürgen Vogel in "Ein Freund von mir" (2006), einer wunderbaren Geschichte über Männerfreundschaft, und war bislang unter anderen in Julie Delpys Film "2 Tage Paris" (2007), "In Tranzit" (2008), "Lila, Lila" (2009) und Quentin Tarantinos "Inglorious Bastards" (2009) zu sehen.
Julia Jentsch wurde nach ihrer Ausbildung an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Die Rolle der Jule in "Die fetten Jahre sind vorbei" war der Wendepunkt ihrer Filmkarriere, für ihre schauspielerische Leistung erhielt sie den Nachwuchsdarstellerpreis des Bayerischen Filmpreises. Die Titelrolle in Marc Rothemunds Drama "Sophie Scholl - Die letzten Tage" (2005) war ihr großer Durchbruch als Filmschauspielerin und brachte ihr weitere renommierte Preise ein: Auf der Berlinale erhielt sie 2005 den Silbernen Bären als beste Darstellerin und im gleichen Jahr auch den Deutschen und Europäischer Filmpreis. Sie spielte zuletzt in "Effi Briest" (2009), "Tannöd" (2009) und "Hier kommt Lola" (2010) mit.
Burghart Klaußner erhielt für die Rolle des Hardenberg die Lola für den besten Nebendarsteller beim Deutschen Filmpreis 2005. Er war zusammen mit Stipe Erceg in der Komödie "Die Aufschneider" (2007) sowie in "Yella" (2007), "Alter und Schönheit" (2009), dem mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichneten "Das weiße Band" von Michael Hanneke (2009) und "Goethe!" (2010) zu sehen.

Die fetten Jahre sind vorbei
Samstag 21. Mai 2011 um 02.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2004, 120mn)
SWR

Erstellt: 03-05-11
Letzte Änderung: 09-05-11