Kritik: Dem Professor für Rechtswissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität, Bernhard Schlink, ist etwas sehr Seltenes gelungen: Sein Buch "Der Vorleser" hat es auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times geschafft. Sein Roman ist ein komplexes Geflecht aus großen Themen. Er ist eine exzessive, ungewöhnliche Liebesgeschichte, eine Vergangenheitsbewältigung, eine Geschichte über den Holocaust. "Der Vorleser" wirft unendlich viele Fragen auf über Schuld und Verantwortung, Vergeben, Täter und Opfer.

USA/Deutschland 2008, 119 Min.
Regie: Stephan Daldry
Mit David Kross, Kate Winslet, Ralph Fiennes, Bruno Ganz, Hannah Herzsprung

Stephan Daldry ("The Hours, "Billy Elliot") verfilmte den Roman nach dem Drehbuch von David Hare möglichst werkgetreu und versucht die Komplexität des Buches dabei beizubehalten. So teilt sich der Film in drei Episoden: Die Liebesgeschichte am Anfang, der Gerichtsprozess und die Rahmenhandlung, in der Ralph Fiennes Michael Berg mit meisterlicher Tristesse spielt. Allerdings spielt er so gut, dass einige der anderen Darsteller dagegen sehr verblassen, die ansonsten gute Schauspielerinnen sind, etwa Hanna Herzsprung als seine Tochter und Susanne Lothar als seine Mutter. Sehr gut dagegen hält sich der 19-jährige David Koss ("Knallhart") als der junge Michael Berg, dem man die innige Beziehung zu Hanna glaubt. Kate Winslet verkörpert Hanna Schmitz erschreckend überzeugend. Von Anfang an spürt man, dass sie ein dunkles Geheimnis in sich trägt und auch Michael, den sie immer nur "Jungelchen" nennt, erfährt etwa erst nach dem dritten wilden Sex ihren Namen. Kate Winslet wurde für ihre Rolle, in der sie auch einen Alterungsprozess von drei Jahrzehnten vollzieht für einen Oscar nominiert. Sie wurde bereits zum sechsten Mal nominiert, und diesmal scheint die 33-jährige Britin sehr gute Chancen auf eine Trophäe zu haben.
In Amerika wurde der Roman kontrovers aufgenommen. Manche werfen ihm vor, er wecke Verständnis für die Täterin, die bisweilen allzu naiv wirkt. Das stimmt, doch ist das Werk in der Beschreibung ihrer Figur nie einseitig. Immer sehen wir Hanna Schmitz auch als Monster, als kaltherzige KZ-Wächterin, die die Türen einer brennenden Kirche nicht aufgeschlossen hat, weil sie Angst hatte, dass die Gefangenen sonst fliehen könnten, Chaos ausbrechen könnte. Immer hat sie Angst gehabt, vor dem Unkontrollierbaren, auch bei Michael, ihrem "Jungelchen". Kate Winslet gelingt es, diese Figur ambivalent zu spielen. Hanna Schmitz ist sexy, böse, unschuldig und geheimnisvoll zugleich. Die unwiderstehliche Mischung, die in dieser Figur angelegt ist, sie findet sich auch in dem Roman und im Film und macht "Den Vorleser" so unwiderstehlich - und so erfolgreich.
Nana A.T. Rebhan







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