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18/01/07

Die „grazile Elfe“ von Hollywood

Frühstück bei Tiffany (1961)
Charade (1963)
Wie klaut man eine Million? (1966)
Zwei auf gleichem Weg (1967)

So strahlend die Filmkarriere der Hollywood-Größe Audrey Hepburn war, so kurz sollte sie letzten Endes bleiben. Gerade einmal fünfzehn Jahre liegen zwischen dem Erstling „Ein Herz und eine Krone“ (1953), mit dem sie über Nacht weltberühmt wurde, und dem bedrückenden, fast als Ankündigung ihres Abschieds von der Leinwand zu begreifenden „Warte, bis es dunkel wird“ (1967). In dieser kurzen Zeitspanne wurde sie immer wieder auf die Rolle einer Kindfrau reduziert. Ihre tänzerische Begabung hatte sie bereits als Teenager entdeckt und in einer Ballettausbildung vertieft, und auch ihre zierliche Figur, ihre „Wespentaille“, die eigentlich eine Spätfolge der Entbehrungen, des Hungers während der mit der Mutter in ihrer Heimat Holland verbrachten Kriegsjahre war, sorgte dafür, dass ihr immer wieder vorwiegend kindlich-naive Rollen und Tanzfilme angeboten wurden. Auch über das Ende ihrer Leinwandkarriere sind wir nicht auf Spekulationen angewiesen: Eingeläutet wird es schon 1967 durch „Warte, bis es dunkel wird“ – Hepburn spielt eine Blinde, die es mit einem Einbrecher zu tun bekommt, der sich Zugang zu ihrer Wohnung verschafft. Gerade in dieser Rolle sehen zahlreiche Kritiker die Bestätigung ihrer Fähigkeit, auch im dramatischen Fach Herausragendes zu leisten. Ein Fach, das ihr, der nun bald Vierzigjährigen, zunehmend gut steht und das sie in dem ernüchtert-illusionslosen „Robin und Marian“ (1976) mit melancholischen Untertönen zeichnet. Dieses „Spätwerk“ steht für ein flüchtiges Comeback in den Zügen einer alternden Marian, die ihrem Robin „Hood“ wieder begegnet, nachdem dieser sich allzu lange auf seinen Kreuzzügen herumgetrieben hat.

Es sind zwei chronologische Meilensteine einer Karriere, die uns fast ein wenig die mittleren Abschnitte ihres Filmschaffens vergessen lassen – jene Sechziger Jahre, in denen die großen Klassiker der Audrey Hepburn daher kommen wie Zeugnisse aus einem goldenen Zeitalter. Klassiker, deren Themen und Inhalte fast die Bedeutung ihres großartigen Spiels und auch seiner subtilen Weiterentwicklung und Perfektionierung in den Hintergrund drängen. Der Zyklus der vier auf ARTE zu sehenden Filme mit Audrey Hepburn soll dieses Spannungsfeld zwischen jugendlicher Frische und lebenserfahrener Reife besser fühlbar machen. „Frühstück bei Tiffany“ (1961) wird oftmals als leichter verdauliche Komödienversion der Vorlage von Truman Capote empfunden, als weiteres, euphorisches Hohelied auf das Thema von Chaos und Unordnung, das Regisseur Blake Edwards mit jedem seiner Filme weiter perfektioniert – von „Qu’as-tu fait à la guerre, papa?“ über „La Party“ bis hin zu „Der rosarote Panther“. Von der lebenslustigen Figur der Holly Golightly, die Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ verkörpert, hat sich uns mehr als jede andere Einstellung das Bild der mit Schmuck von Tiffany behängten Schauspielerin eingeprägt – vielleicht auch das der feucht-fröhlichen, lärmenden und chaotischen Partyszenen, von denen der Film nur so wimmelt, die gleichzeitig jedoch durch den anarchistischen Furor von Blake Edwards in eine andere Dimension überführt werden. Und doch würde man damit der sich auf subtile Weise entfaltenden Emanzipation der Audrey Hepburn nicht gerecht: welch weiten Weg hat sie hier hinter sich seit ihren frühen, eher naiv-harmlosen Rollen, indem sie akzeptiert, in dieser etwas losen Farce eine egoistische Hedonistin zu spielen, die mit ihrer inkonsequenten Art immer wieder irritiert und verärgert. In der zwei Jahre später gedrehten „Charade“ finden wir diesen Ansatz wieder – als Ausdruck einer klugen Rollenwahl und des Bemühens, interessante Kontrapunkte zu setzen: keine ostentativen Dramen, vielleicht gar noch in der Rolle von schicksalsgeplagten Verzweifelten und Ratlosen, keine allzu künstlichen Komödien, in denen ihre weitere Karriere in oberflächlich angehimmelten „jungen Dingern“ zu erstarren drohte. In sehr unguter Erinnerung hatte Audrey Hepburn in diesem Zusammenhang „Deux têtes folles“, den Streifen, mit dem man in jenen Jahren versuchte, ihr erneut ein allzu jugendliches, rückwärts gerichtetes Image zu verpassen – entsprechend durchwachsen fiel das Ergebnis aus.

„Charade“ ist wohl in erster Linie im Genre der Kriminalkomödie anzusiedeln. Die durch zahlreiche Bezüge an den Altmeister erinnernde Huldigung an Hitchcock gerät zu einem bilderfrohen Spaziergang durch Paris – als eigentliches Markenzeichen so vieler amerikanischer Produktionen, die im Laufe der Sechziger Jahre in Paris gedreht wurden. Dank der Art und Weise jedoch, wie hier die Anfänge der Freizeitgesellschaft und des Jet Set eingefangen werden (die Anfangseinstellung des Films zeigt eine Szene im Wintersport, in der Audrey nur wenige Tische von Baron de Rothschild entfernt in einer Skihütte isst), erhält der Film über die Kriminalkomödie hinaus eine ganz eigene, viel sagendere Dimension. Eigentlich könnte Audrey Hepburn sich in dem Plot, der ganz auf dem Labyrinth der polizeilichen Ermittlungen fußt, damit begnügen, an der Seite des smarten Cary Grant eine glänzende Rolle zu spielen – um mit ihm die Dächer von Paris zu erstürmen oder auch die Metrobahnsteige der Metropole. Statt dessen gelingt es ihr in dieser streng gegliederten Handlung vielmehr, der Figur ihrer Regina Lampert einen bemerkenswerten Tiefgang zu verleihen. Die urplötzlich aus ihrem bürgerlich-bequemen Milieu herausgerissene Witwe hatte sich gerade damit abgefunden, sich ihrer passiven Trübsal hinzugeben. Dass Audrey Hepburn ihrer Regina dieses schärfere Profil verlieh, hielten im Übrigen bei weitem nicht alle Beteiligten für logisch oder zwingend – ging es doch um die Charakterisierung der weiblichen Hauptrolle in einem Film, der in erster Linie kosmopolitisch und chic gemeint war.

Vier Jahre später und erneut als Beispiel für die Gattung der Kriminalkomödie und der „Pariser Promenaden“ folgte „Wie klaut man eine Million?“ – einer der letzten Filme von William Wyler, der in „La Rumeur“ Audrey Hepburn in einer ihrer wenigen, unstrittig dramatischen Rollen geführt und geformt hatte. Wieder spielt sie hier die Rolle der Kindfrau, von der ihre Anfänge geprägt gewesen waren. Die ebenso spritzig-sprudelnde wie etwas blöde Nicole Bonnet soll auf ihren Vater aufpassen, der sich als Sammler von lustigen und oft schelmenhaften Bilden einen Sport daraus macht, heimlich Kopien von den Meisterwerken in seiner Sammlung zu malen. Es ist Wyler bewusst, dass seine Karriere sich ihrem Ende nähert, und Audrey ist mit ihren 37 Jahren eigentlich ein wenig zu alt für die Rolle. Anstatt jedoch die Handlung dadurch unglaubwürdig werden zu lassen, bringt genau diese Konstellation den gewissen Schuss an Melancholie, der das Ganze wie einen Abschiedsgruß wirken lässt an die früheren Komödien, in denen die Straßensänger mit der Kreissäge auf dem Kopf mit den Akkordeonspielern um die Gunst der Zuschauer wetteiferten. Auch hier leistet Audrey Hepburn mehr als es das Lastenheft für eine Figur vorsieht, der es in erster Linie darum geht, in einer möglichst kompletten Kollektion von Givenchy-Kostümen herumzuspazieren und fesche Sportcoupés durch die Gegend zu fahren. Ein Jahr später tritt in „Zwei auf gleichem Weg“ (1967) die „neue“ Audrey Hepburn schon deutlicher in den Vordergrund - ihr Spiel ist nun weniger heiter und aufgekratzt und verlagert sich in ein leicht ernsteres Fach. Und doch gelingt es dem Film, obwohl im Mittelpunkt der Handlung die unglückliche Bilanz eines Paares im Augenblick der Trennung steht, nicht vollständig in die Bitterkeit abzugleiten. Dies ist weitgehend auch Audrey’s Verdienst, bei der keine Träne zu leicht und zu schnell fließt. Nicht immer werden die zahlreichen Rückblenden, die das ausgeklügelte Rückgrat des Films bilden, in ihrer Chronologie verständlich, und zu keinem Zeitpunkt erfährt der Zuschauer in „Zwei auf gleichem Weg“ ohne Restzweifel, an welcher Stelle letztlich das Glück der Beiden der Enttäuschung, wann das Lachen den Tränen gewichen ist. Aber auch darin liegt eine Dimension der Feinheit der Audrey Hepburn. Der Feinheit der Person und der Feinheit ihrer Schauspielerkunst.

Julien Welter

Erstellt: 21-11-05
Letzte Änderung: 18-01-07