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Carandiru

Ein Film von Hector Babenco


Die alltäglichen harten Auseinandersetzungen in der härtesten Strafvollzugsanstalt Brasiliens...

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Synopsis

Ein Aids-Arzt (Luiz Carlos Vasconcelos) versucht in São Paulos legendärem Gefängnis Carandiru die Epidemie zu begrenzen. Nach und nach fassen die Insassen Vertrauen zu ihm, und erzählen ihm ihre Lebensgeschichten. Als die Gefangenen eine große Prügelei untereinander beginnen, die außer Kontrolle gerät, stoppt die Polizei den Krawall auf ihre Weise: 111 Insassen kommen dabei ums Leben.

Die Kritik zum Film

Die Geschichte des Films CARANDIRU beruht nicht nur auf einer wahren Begebenheit. Das Leben des Regisseurs Hector Babenco und des Autors des dem Film zugrunde liegenden Romans, eines Arztes namens Drauzio Varella ist auf schicksalshafte Weise miteinander verknüpft. Zwischen 1990 und 1998 war Babenco Patient bei Dr. Varella, der erfolgreich den Lymphdrüsenkrebs des Regisseurs bekämpfte. Derselbe Arzt, Drauzio Varella arbeitete zwölf Jahre lang in Carandiru, um dort gegen Aids anzukämpfen. So wollte es das Schicksal, dass Hector Babenco Varellas bereits das Manuskript zu seinem Buch „Carandiru Station" zu lesen bekam, und sich die Filmrechte sicherte.

Mit seinem neuen Film setzt Babenco seine Tradition fort, sich mit sozialkritischen Themen auseinander zu setzen. PIXOTE - THE LAW OF THE WEAKEST (1979) - ein Film über brasilianische Straßenkinder - brachte ihm weltweite Reputation als einer der besten Filmemacher Brasiliens. Sein Ansatz ist es, „zu unterhalten mit ethischem Ansprüch und dabei Werte wie Respekt und Solidarität zu berücksichtigen".

Von Anfang an konfrontiert er den Zuschauer mit den alltäglichen harten Auseinandersetzungen in der härtesten Strafvollzugsanstalt Brasiliens. Mit Hilfe von zahlreichen Rückblenden versucht er die Biografien einzelner Insassen und ihre Verflechtungen untereinander nachvollziehbar werden zu lassen. Das schönste Päarchen gibt dabei der Transvestit Lady Di (gespielt von dem brasilianischen Shootingstar Rodrigo Santoro) und No Way (Gero Camilo), der einen ganzen Kopf kleiner als Lady di ist. Die beiden verlieben sich in der denkbar unromantischsten Umgebung ineinander, und inszenieren sogar eine bunte, schrille Knasthochzeit. Diese Geschichte lässt in ihrer Exzentrik an Almodovar denken, die Liebenswürdigkeit des seltsamen Paares berührt den Zuschauer.

Erst nach zwei Stunden lässt Babenco das Massaker - das real im Jahre 1992 stattfand - geschehen. Es ist eine sehr schmerzhafte Erfahrung, zu sehen, wie die meisten der Figuren, über deren Leben wir grade etwas erfahren haben, willkürlich erschossen werden, ohne dass sie Widerstand leisten. Genau nach diesem Blutbad hätte CARANDIRU enden müssen, dann hätte er den maximalen Effekt erzielt. Doch leider hängt Babenco noch einige Bilder der realen Sprengung des legendären Gefängnistrakts (in dem auch die Dreharbeiten 6 Wochen lang stattfanden) ans Ende seines Films und unterlegt sie mit viel zu fröhlicher brasilianischer Musik.
Nana A.T. Rebhan
Seit dem „Kuss der Spinnenfrau" (1985), der auch im Gefängnis spielte, war der Brasilianer Hector Babenco im europäischen Kino kaum mehr präsent. Über den Gefängnisaufstand von Carandiru und sein schreckliches Ende einen Film zu machen, kann man sich kaum einen besser geeigneten Regisseur vorstellen, und Babenco erzählt die vielen, vielleicht zu vielen Einzelgeschichten der Gefangenen in kraftvollen, emotionalisierenden Bildern. Aber er war möglicherweise doch zu nah an seinem Thema, zu sehr damit verbunden, um dem Drama filmisch Gestalt zu geben.

Von Anfang an ist seine Parteinahme für die Gefängnisinsassen so eindeutig, dass er sie zu lauter guten, irregeleiteten Menschen stilisiert. Auch wenn tatsächlich niemand als Verbrecher geboren wird, so ist die humorvoll-verharmlosende Darstellung von Mord aus Eifersucht, bewaffnetem Raub und Banküberfall aus Not auch nicht besonders gerecht oder realistisch. Carandiru wird so zu einer Gefängnisidylle, zu einem Hort der Menschlichkeit, mit harten aber fairen Spielregeln, und einem Doktor von übermenschlicher Kraft und Güte. Das ist einfach zu viel naive Sozialromantik, und man hat zudem den Eindruck, dass es in der Dramaturgie des Films nur der Vorbereitung auf die blutige Niederschlagung des Aufstandes dient, der dadurch als ein um so massloseres Unrecht und Verbrechen an harmlosen Gefängnisinsassen dargestellt wird.
Auch wenn es so war, so hat Babenco mit seinem Engagement, seiner Parteinahme und seiner berechtigten Wut über dieses Massaker an den wehrlosen Gefangenen, dem Film keinen Gefallen getan - seine Glaubwürdigkeit leidet darunter.
Thomas Neuhauser
Das Bonusmaterial
An diesen reichlich ausgestatteten, sehr sorgfältigen Bonus Tracks sollten sich einige DVD Macher mal ein Beispiel nehmen. Die Extras konzentrieren sich nicht nur auf den Film selbst, der Zuschauer erfährt auch einiges Wissenswerte über das größte Gefängnis Brasiliens, in dem bis zu 7.500 Insassen untergebracht waren, die alle – oft jahrelang – auf ihren Prozess warteten. Ein 5-minütiger stummer Dokumentarfilm aus den 30er Jahren zeigt wie der Gefängnisalltag vonstatten ging. Doch die Aufnahmen von damals scheinen zu trügen: Gymnastik im Hof, gemeinsames Musizieren und einstudierte folkloristische Tänze vermitteln einen sehr freundlichen Eindruck, so harmlos kann es nicht gewesen sein. Originalaufnahmen der Sprengung des riesigen Gebäudekomplexes zeigen Carandiru aus der Vogelperspektive.
Ein sehr aufwendig gestaltetes, halbstündiges Making Of auf Portugiesisch (optional mit deutschen Untertiteln) der Regisseurin Rita Blizzar dokumentiert eindrucksvoll die Arbeitsweise des brasilianischen Regisseurs Hector Babenco. Hier vermitteln sich seine Vision und seine konzentrierte, sehr genaue Arbeitsweise. Babenco weiß in jedem Moment, in jeder Einstellung, was er erreichen will. Oft spielt er den Schauspielern vor, wie sie sich bewegen oder agieren sollen, etwa wenn einer von einer Ratte in den Finger gebissen wird, oder wenn ein Gefangener weinend und schluchzend auf die Knie sinkt, weil er zum Glauben an Jesus Christus findet. Einige Schauspieler kommen ebenfalls zu Wort, die kurze Statements abgeben, zu dem, was sie gerade gespielt haben. Diese werden mit Szenen aus dem Film und Regieanweisungen von Hector Babenco parallel geschnitten, so dass der Zuschauer einen umfassenden Eindruck der Dreharbeiten und des fertigen Films bekommt. Der eigentlich maskulin wirkende, sehr talentierte Rodrigo Santoro spielt im Film Lady Di: einen sensiblen Typen, der sich als Frau fühlt, feminine Kleidung trägt, und einen Pfleger heiratet. Er sagt über seine Rolle: „Es war nicht einfach so, in den Spiegel zu sehen und Lady Di war da…Es geht weit über das Klischee hinaus…Meine Rolle war wie eine Blume die im Asphalt wächst.“
Der Szenenbildner Cláves Bueno meint beeindruckt zum Originaldrehort: „So habe ich noch nie gearbeitet. Es ist, als ob man einen Draculafilm zu Hause bei Dracula dreht.“
Der über den ganzen Film eingesprochene Audiokommentar (ebenfalls optional mit deutschen Untertiteln) Hector Babencos gibt spannende Zusatzinformationen zu den Drehbedingungen und Überlegungen des Regisseurs. Sieben im Film nicht mehr vorhandene (ebenfalls optional deutsch untertitelte) Szenen sorgen für einen zusätzlichen Filmgenuss. Die Extras dieser DVD fallen also rundum überzeugend aus.
Nana A.T. Rebhan
Carandiru
Von Hector Babenco
Brasilien/Argentinien 2003, 132 Min.
Mit Luiz Carlos Vasconcelos, Milton Gonçalves, Ivan de Almeida
Offizieller Wettbewerbsbeitrag Cannes 2003

Sprachen: Portugiesisch, Deutsch
Mit englischen, deutschen oder türkischen Untertiteln
Extras:
- Audiokommentar des Regisseurs
- Nicht im Film vorhandene Szenen
- Dokumentarfilm des Gefängnisses aus den 30er Jahren
- Aufnahmen der Sprengung des Gefängnisses
- Making Of

Erstellt: 21-12-04
Letzte Änderung: 14-01-05


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