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Interview mit... - 03/04/08

Ewald Markl

Ehemaliger Klassik-Chef der „Deutschen Grammophon“ und langjähriger Wegbegleiter von Herbert von Karajan.

Ewald Markl
ARTE: Herr Markl, wie und wo haben Sie Herbert von Karajan kennen gelernt?
Ewald Markl: Das ist eine zweifache Angelegenheit: Das eine war als ganz gewöhnlicher Hörer, da war ich noch Student, das war für mich ein Schlüsselerlebnis, das war der 1. Oktober 1954, ein Konzert der Wiener Symphoniker im Musikverein. Gespielt haben sie Mozarts Es-Dur-Symphonie und die 5. von Bruckner. Das hieß damals noch nicht „Jeunesse Musicale“, aber da konnten Schulkinder, Studenten zu sehr günstigen Preisen Karten für ganze Programm-Zyklen erwerben und einer davon war eben der Karajan-Zyklus. Der war nach ihm benannt, da gab er jedes Jahr eine Reihe von Konzerten mit den Wiener Symphonikern.
Karajan persönlich habe ich um 1980 kennen gelernt, da war ich Klassik-Chef der Deutschen Grammophon in Wien, und da war ich eben gelitten bei den Aufnahmen und bei den Proben. Das war schon eine große Ehre, denn wie man weiß, ließ Karajan vorher nachschauen, ob sich da ja niemand im Saal versteckt, die Proben fanden immer hinter verschlossenen Türen statt. Die letzten Jahre Karajans habe ich deshalb relativ intensiv mit bekommen, denn da hat sich nicht mehr alles auf Berlin konzentriert, und er begann entsprechend mehr wieder in Wien zu dirigieren, natürlich diesmal mit den Wiener Philharmonikern. Die letzten Opern, also Turandot, Rosenkavalier, Maskenball, symphonische Aufnahmen, die letzten drei Tschaikowski-Symphonien, die 9. von Dvorak, das Konzert im Vatikan usw. Also da hatte ich das Glück, dabei zu sein, bei den Proben und alles von Anbeginn an mitzuerleben.

ARTE: Ging der Kontakt dann auch über das rein Berufliche hinaus? Konnte man Karajan überhaupt persönlich näher kommen?
Ewald Markl: Das war eher schwer. Das hat sich im Wesentlichen beschränkt auf die Aufnahmetätigkeit, auf die Konzerte. Der private Einstieg war interessanterweise über seine Frau, zu der ich sofort einen sehr guten Zugang hatte. Da gab es z.B. eine Serie für die Deutsche Grammophon, die hieß „Galeria“, in der fünfzig Bilder von Karajan als Cover fungierten. Mit Eliette von Karajan habe ich dann dafür die ersten Autogrammstunden in Wien in Schallplattengeschäften organisiert. Dadurch war auch der Eintritt in das private Salzburger Domizil gegeben.

ARTE: Das Bild, das uns die Medien von Karajan vermitteln, ist das eines ebenso genialischen wie disziplinierten Perfektionisten. Stimmt dieses Bild eigentlich immer und überall, oder haben Sie auch einen anderen Karajan erlebt?
Ewald Markl: Die von Ihnen genannten Eigenschaften stimmen absolut. Nur muss man auch sagen, dass er bei der Probenarbeit ein sehr geduldiger Mensch war. Das heißt nicht, dass er die Zügel hat schleifen lassen. Karajan gehörte zu den ganz wenigen Dirigenten, so wie z. B. auch Carlos Kleiber, da musste man nicht um Ruhe oder pünktliches Erscheinen bei der Probe ersuchen. Die Musiker saßen schon anders, wenn er zur Tür reinkam.
Aber bei der Probenarbeit selbst war er die Geduld in Person. Ich hab kein einziges Mal, selbst wenn etwas mehrmals schief ging, einen Ausbruch von ihm erlebt. Mit der größten Geduld hat er das Ganze noch einmal und noch einmal versucht, und hat vor allem die Solisten, also gerade die Sänger, immer unterstützt. Und diese Proben oder die dreistündigen Aufnahmesitzungen waren immer von der größten Konzentration geprägt. Er hat immer zwischendurch versucht, einen Witz oder eine kleine Anekdote zu erzählen, also Anspannung und Entspannung sehr gut auszubalancieren. Das war sicherlich Kalkül, das war von ihm so gewollt, aber es hat bis an sein Lebensende bestens geklappt.

ARTE: Hat er eigentlich selbst jemals mit seiner Rolle als reproduzierender Künstler gehadert? Wollte er nie selbst auch als Komponist wahrgenommen werden?
Ewald Markl: Nein, ganz im Gegensatz zu den Dirigenten seiner Generation oder der Generation vor ihm. Wir dürfen ja nicht vergessen, Furtwängler, Klemperer und Bruno Walter – sie haben alle komponiert. Bei Karajan gab es nicht einmal verworfene Ansätze dazu. Er hat sich einmal dahingehend geäußert, dass er sagte, wenn es ihm gegeben gewesen wäre, also mit allen möglichen Konjunktiven, selbst zu komponieren, dann wäre ihm wahrscheinlich Schostakowitsch am nächsten gestanden. Aber damit war das Thema abgehakt.

ARTE: Sie haben also Herbert von Karajan häufig bei der Probenarbeit erleben können. Was war denn noch das Besondere seiner Arbeitsweise mit dem Orchester, außer der Geduld, die Sie bereits erwähnt haben? Was unterscheidet ihn von anderen Dirigenten?
Ewald Markl: Wenn er rein kam, hatte man das Gefühl, dass er irgendwo im Kopf das Resultat, das er erreichen wollte, schon abgespeichert hatte. Und er arbeitete immer mit höchster Ökonomie: Er hat stets in langen Takes geprobt – es gibt ja Dirigenten, die machen nur sechzehn Takte und dann wird unterbrochen oder womöglich rennt man dann schon in den Kontrollraum, hört sich das an und dann macht man weiter. Karajan hat meistens einen Satz im ganzen durchgeprobt und hat dann, wenn er aus dem Kontrollraum kam, kleine Unsauberkeiten oder Intonationsschwächen korrigiert. Und bevor überhaupt aufgenommen wurde, probte er minutiös. Ein Beispiel: Die 4. Sinfonie von Schumann, Übergang 3./4. Satz. Da konnte er schon eine halbe, dreiviertel Stunde daran arbeiten, um dann diesen Durchbruch – übrigens nicht unähnlich dem von Furtwänglers Interpretation – zu realisieren. Und wenn er mit einer Partitur rauskam, dann war das eher als Hilfe für das Aufnahmeteam im Kontrollraum gedacht, um zu sagen, wir korrigieren jetzt bei Ziffer 47. Er hat alles auswendig gewusst, den ganzen Notentext. Ich hatte die Gelegenheit in St. Moritz und in Anif, bei Salzburg, sein persönliches Notenmaterial zu sehen. Dieses Notenmaterial können Sie nehmen und heute in ein Partiturengeschäft bringen, aber nicht als antiquarisch, sondern als neu verkaufen. Keine Eintragungen, nirgends irgendwo mit dem Bleistift auch nur ein zarter Hinweis. Ich kenne Partituren von Dirigenten, da sind mehr Anmerkungen als Noten, vollgekritzelt von oben bis unten. Bei ihm sind die Partituren jungfräulich sauber. Womit er aber dann herauskam, war ein Konzept, eine Klangsvorstellung, die er eben nach bestem Wissen und Gewissen und den vorhandenen Möglichkeiten umsetzen wollte.

ARTE: War er eigentlich ein Rastloser, ein Getriebener im Dienste der Musik, oder konnte er auch gut entspannen, abschalten?
Ewald Markl: Er konnte sehr gut entspannen. Man hat ihm ja immer so gern das Etikett des Jet-Set mit gegeben. Was daran gestimmt hat, das war der Jet. So lange er fliegen konnte, ist er geflogen, aber das war nur, um schneller von A nach B, von einer Probe zu einem Ort der Entspannung, nach St. Tropez oder St. Moritz, zu kommen. Aber nicht, um dort wilde Partys zu feiern, sondern um dann wieder zu segeln oder zu schwimmen. Früher waren es auch Bergwanderungen, später dann eben Spaziergänge, um in der Natur zu sein. Allein, oder mit der Frau oder mit den Kindern, aber nie in irgendwelcher großen Gesellschaft und die Paparazzi waren ihm ein Gräuel.

ARTE: Karajan hat sich auch immer für die besten und neuesten Aufnahmetechniken interessiert. Schon sehr früh, weil er auch wusste, wie wichtig die technische Aufnahme-Qualität ist. Wie wird denn sein Nachlass heute archiviert und gepflegt?
Ewald Markl: Das ist eines der größten Archive, das ich je gesehen habe von einem reproduzierenden Künstler. In Wien hieß es zuerst „Karajan-Zentrum“, in Salzburg heißt es jetzt „Eliette und Herbert von Karajan Institut“ und da ist wirklich alles lückenlos da, von den ersten Schellacks bis zu den letzten Videos, die er ja für seine eigene Firma, für die Telemondial, produziert hat.
Und da gibt es viel zu tun, er ist ja nach wie vor ein großer Marktfaktor und hat mit fast allen großen Firmen zusammen gearbeitet, mit Deutsche Grammophon, EMI, Decca und mit Sony und Unitel, und es kommen immer wieder Neu-Editionen seiner Einspielungen heraus.

ARTE: Karajan war offensichtlich von der Studiotechnik fasziniert, also ganz im Gegensatz zum Beispiel zu jemandem wie Celibidache, der nie eine Aufnahme machen wollte...
Ewald Markl: ... für den war das Teufelswerk, ja...

ARTE: ...und Karajan wollte anscheinend möglichst viel auf Tonträgern verewigen.
Ewald Markl: Überlegen Sie sich: Noch in der Zeit als der offizielle Tonträger die Schellack-Platte war, im letzten oder vorletzten Kriegsjahr hat er die ersten Experimente in Deutschland mit der Berliner Staatskappelle gemacht, die 8. von Bruckner, glaube ich. Drei Sätze sind erhalten davon, in Stereotechnik. Das war natürlich noch eine sehr primitive Stereotechnik, aber das ist kein Zufall, dass er da für dieses Experiment einer vorwegnehmenden Stereotechnik zu haben war. Karajan ist auch deswegen so präsent auf dem Markt, weil er immer die neueste Tonträgertechnik genutzt hat, und er war einer der ersten, der sich für das Videoformat begeistert hat. Er hat in seinen letzten Jahren ja fast alles noch einmal für seine eigene Firma aufgenommen. Da war er eben in Bezug auf Kameratechnik, in Bezug auf Aufnahmetechnik usw. immer auf dem letzten Stand. Er war sehr befreundet mit den damaligen Sony-Chefs, die haben ihm ja fast vor die Haustür in Salzburg eines der ersten CD-Presswerke gebaut. Das war fast schon ein physischer Kontakt mit der Aufnahmetechnik und bei der Wiedergabe mit der teuren Hifi-Technik. Aber er hat sich genauso interessiert für den Walkman, er hat immer einen bei sich gehabt und hörte seine eigenen Aufnahmen. Eine seiner Maximen war: Es muss nicht nur auf einem sehr teuren High-end-Equipment gut klingen, es muss sich auch für den Otto-Normal-Verbraucher gut anhören, ob im Auto oder mit einem tragbaren Kassettengerät

ARTE: Da drängt sich die Frage auf, was er wohl heute i-pod-Generation sagen würde, mit komprimierten Musikinformationen und einer oft echt dürftigen mp3-Qualität. Könnten Sie sich vorstellen, dass er mit der digitalisierten und komprimierten Musik, wie sie auf mp3-Playern eingesetzt wird, das er damit vielleicht ein Problem gehabt hätte, weil es eben kein guter Klang ist?
Ewald Markl: Ich glaube, er hätte bestimmt ein Problem damit, wenn nicht das ganze, optimale Spektrum in Dynamik, Frequenzbereichen usw. nicht gewährleistet, oder nur mit Einschränkungen gewährleistet wäre, dann hätte er das sicher als einen Rückschritt angesehen. Es gibt von ihm ja den berühmten Satz in Bezug auf technische Neuerungen und Weiterentwicklungen: Was vorher war, das war nur Gaslicht.

ARTE: Also er würde er heute auch die neuesten Digitaltechniken nutzen.
Ewald Markl: Er würde sie nutzen. Wenn es aber bei der dabei notwendigen Komprimierung und Speicherung zu klanglichen Einbußen käme, dann, glaube ich, hätte er sein Veto eingelegt und gesagt, mein Repertoire steht dafür nicht zur Verfügung.

Das Interview führte Thomas Neuhauser (ARTE / März 2008).

Erstellt: 03-04-08
Letzte Änderung: 03-04-08