Eben diese unumgänglichen geopolitischen Realitäten waren den Organisatoren des Kolloquiums vom 22. Januar 2009 im Sinn, als im September 2008 plötzlich der Titel des Treffens selbst eine neue Bedeutung bekam.
Hinter der Formulierung „die neuen Herausforderungen der Welt“ steckt heute auch die größte Finanzkrise seit 1929, die seit dem Frühjahr 2007 über die USA und seit dem Herbst 2008 auch über den Rest der Welt hereingebrochen ist. Darauf folgten die Wirtschaftskrise, die für 2009 prophezeite Rezession und soziale Unruhen wie zum Beispiel Ende 2008 in Griechenland.
Es ist vielleicht nützlich dank der Sichtweise der Zivilgesellschaft an dieses Thema heranzuschreiten, noch bevor wir den Experten und Politikern das Wort geben. Dies wollten wir tun, als wir zwei Monate vor diesem Kolloquium den Blog „ Tandem für Europa“ online gehen ließen, in dem eine in Berlin lebende Französin, die Kultur-Journalistin Elise Graton, und ein in Paris lebender Deutscher, der Verantwortliche des deutsch-französischen Instituts Wolfram Vogel, ihre Sichtweisen über Frankreich, Deutschland, Europa und die Welt mit uns teilten. Und ihre Posts haben uns so einiges beigebracht...
- Es herrscht manchmal so viel Gleichgültigkeit und Unverständnis auf beiden Seiten des Rheins gegenüber dem Anderen, dass unsere beiden Blogger das Bedürfnis verspürt haben, am Beginn anzufangen: sich kennenlernen, über ihre Heimatstadt sprechen...
- Dabei haben wir als Leser entdeckt, dass die Kultur der Krise anscheinend Einhalt gebieten kann, vor allem in Berlin. Auch die Traditionen haben das Jahr 2008 überdauert.
- Unsere Autoren haben am 15. Dezember ebenfalls das besorgniserregende Signal bemängelt, welches durch die Auflösung der deutschsprachigen Redaktion von RFI in Paris gegeben wurde, ebenso wie die Budgeteinschnitte im Haushalt des Centre d'information et de recherches sur l'Allemagne contemporaine (CIRAC) und des Marc Bloch Zentrums in Berlin.
- Zuletzt hat Wolfram Vogel festgestellt, dass die Probleme in den deutsch-französischen Beziehungen wohl schon auf die deutsche Wiedervereinigung 1990 und spätestens auf die EU-Erweiterung 2004 zurückzuführen sind. Für ihn braucht die EU heute pragmatische Problemlösungen dringender als große Visionen (siehe seine Beiträge vom 9. und 14. Januar).
Zur gleichen Zeit bemängelte der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing in einem Interview in Le Monde vom 13. Januar die Probleme in den derzeitigen deutsch-französischen Beziehungen und erinnerte uns daran, dass es ohne dieses Paar „keine europäische Integration“ geben würde.
Während seiner Eröffnungsrede des Kolloquiums hat der Präsident von ARTE GEIE, Gottfried Langenstein, zwei Zahlen genannt, die repräsentativ sind für die erormen Machtverschiebungen der Gegenwart: "Zu Beginn des 19. Jahrhunderts betrug die Bevölkerung des Westens noch 1/3 der Weltbevölkerung, und entsprechend dominant war Europa ökonomisch und militär. Heute macht die Bevölkerung Europas gerade noch 7% der Weltbevölkerung aus, mit absteigender Tendenz. [...] Und 1990 nach der Maueröffnung und dem Ende des Kalten Krieges lagen die Weltwährungsreserven zu zwei Dritteln in den Händen des Westens, heute 18 Jahre später liegen sie in den Händen Indiens, Chinas und Japans. Selbst Russland, das noch im Pariser Club 1995 seine Zahlungsunfähigkeit anzeigte, verFügt heute über ein Staatsvermögen von 500 Milliarden. In Krisen wird häufig der Rückzug aufs Nationale gerne gesucht. Doch das Gegenteil wird gebraucht. Die Einmütigkeit Europas, ein kraftvolles Europa, ein Europa, das sein Werte mit einer Stimme vertritt."
Claire A. Poinsignon






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