Ein Kunstthriller
Doch bevor der interaktive Charakter näher erläutert wird, zunächst einige Worte zu der Serie selbst. The Artists, das nun The Spiral heißt, handelt vom Leben eines Kopenhagener Künstlerkollektivs. An seiner Spitze steht der weltbekannte Street Artist Arturo, eine Art zweiter Banksy. Mit seinen Performances will er provozieren; beispielsweise verstreut er bei einer protzigen Vernissage falsche Geldscheine. Seine Zielscheibe ist dabei der Kunstmarkt, der unter anderem auch ein gigantischer Umschlagplatz zum Zweck der Geldwäsche ist. Niemand weiß, wer sich wirklich hinter Arturo verbirgt, doch jeder in der Szene kennt sein Markenzeichen, eine Spirale, die er bei seinen Happenings wie eine Unterschrift zurücklässt.Arturo lebt in einer "The Warehouse" genannten Lagerhalle, umgeben von sechs jungen Künstlerrebellen: Ella, Oskar, Sigrid, Max, Francis und Jakob. Mit ihnen startet Arturo ein neues Projekt, nämlich den Diebstahl von sechs berühmten Kunstwerken aus sechs europäischen Museen, am selben Tag und zur selben Zeit. Die Kunstwerke sollen anschließend per Post an unbekannte Orte irgendwo in Europa verschickt werden. Damit soll jedoch kein Geld erpresst werden; das Kollektiv fordert vielmehr die Internetuser in der realen Welt auf, beim Aufspüren der Gemälde zu helfen.
Eine Serie im Stil skandinavischer Krimis
Unabhängig von dem künstlerischen Begleitprojekt bleibt die Fernsehserie eine echte Serie, mit mehreren Handlungssträngen, mit Gegenspielern, die die Absichten der Künstler durchkreuzen wollen, und mit überraschenden Wendungen. In visueller Hinsicht entspricht The Spiral ganz eindeutig dem Stil skandinavischer Krimis, mit einem Touch Cyberpunk in der Art von Millenium. Das rührt daher, dass die Handlung in einem undergroundähnlichen Milieu spielt, in dem das Tragen von löchrigen Jeans und Schlabberkleidung keine Modeerscheinung ist, sondern die Geisteshaltung der Figuren und ihren Mangel an finanziellen Mitteln zum Ausdruck bringt.Zu den erbittertsten Widersachern der Künstler zählt ein witziges Duo, das fast an die dänisch-schwedische Serie The Bridge erinnert: Rose Dubois leitet die Art Division bei Europol. Sie wird unterstützt von Juha Virtanen, einem Schnüffler von der Kripo und bekannt für seine wenig orthodoxen Methoden. Die beiden sollen die gestohlenen Gemälde wiederfinden, aber auch die Diebe dingfest machen. Doch sie ahnen nicht, dass sich hinter diesem Katz-und-Maus-Spiel in Wirklichkeit eine viel gefährlichere Affäre verbirgt, bei der es um mächtige Investmentfirmen geht.
Beteiligung der Fernsehzuschauer über das Internet
Den Schnittpunkt zwischen der realen Welt und der Fernsehserie bildet die Website thespiral.eu, eine interaktive Plattform, deren User die Spur der Bilder verfolgen und so – nach Auffassung der Macher – am größten jemals geschaffenen Kunstwerk mitwirken können.Auf der Website können die User auf vielfältige Weise aktiv werden. So können sie z.B. in Flashgames wie Canabalt oder Penguin Toss ihre Geschicklichkeit testen oder in der realen Welt irgendwo in Dänemark, Schweden oder Belgien versteckte Gegenstände suchen. Daneben gibt es zahlreiche künstlerische Aufgaben, bei denen die Kreativität der User gefragt ist und zum Beispiel Fotos hochgeladen oder Zeichnungen angefertigt werden müssen.
Das Online-Spiel endet am 28. September. An diesem Tag gibt das Künstlerkollektiv die Bilder zurück und enthüllt vor dem Europäischen Parlament in Brüssel (und in anderen europäischen Städten) das kollektive Kunstwerk. Nicht nur in der Fernsehserie, sondern auch in der Realität. Bei dieser Gelegenheit werden übrigens Filmaufnahmen von anwesenden Teilnehmern gemacht und nur wenige Tage später in der letzten Folge der Serie ausgestrahlt.
Zusammenarbeit auf kreativem und finanziellem Gebiet
The Spiral ist das Ergebnis einer sechsmonatigen Arbeits- und Experimentierphase in Peter de Maegds Produktionsfirma Potemkino. 2009 hatte de Maegd bereits das Projekt Where is Gary? nach einer Idee von Jean-Baptiste Dumont produziert, einen interaktiven Kriminalfall, bei dem die Internetuser sich an der Fahndung nach einem Betrüger namens Gary beteiligten, der auf europäischen Bahnhöfen sein Unwesen trieb. Jean-Baptiste Dumont ist ebenfalls an The Spiral beteiligt, und zwar als französischer Korrespondent für die Serie über seinen Blog auf arte.tv.Die Zusammenarbeit erstreckt sich auch auf den finanziellen Aspekt, denn für eine derart umfangreiche Serie sind beträchtliche Mittel erforderlich. Der belgische Sender VRT und der schwedische Sender SVT sind von Anfang an am Projekt beteiligt. SVT ist kein Neuling im Umgang mit Projekten an der Schnittstelle von Fiktion und Realität: 2007 erregte der Sender in der schwedischen Öffentlichkeit Aufsehen mit der Serie The Truth about Marika über das Verschwinden einer jungen Frau.
Eigentlich keine besonders außergewöhnliche Geschichte – bis eine junge Bloggerin im Internet die Produzenten beschuldigte, ihre Geschichte gestohlen zu haben. Es folgte eine derart hitzige Kontroverse, dass die junge Frau nach Ausstrahlung der ersten Folge von SVT zu einer Fernsehdebatte eingeladen wurde. Natürlich war das alles vom Sender und den Produzenten eingefädelt worden (SVT hatte sogar in einer seiner Nachrichtensendungen eine Pseudo-Reportage darüber gebracht). Das Projekt (dessen volle Tragweite hier ersichtlich wird) wurde mit einem "Emmy Award" ausgezeichnet.
Die Produzenten von The Spiral haben sich nicht nur die Unterstützung der Belgier und der Schweden gesichert, sondern auch die der Sender NRK in Norwegen und Vara in den Niederlanden. So begann die Ausweitung des Projekts auf ganz Nordeuropa. Dann kamen noch TV3 in Dänemark, YLE in Finnland und – als letzter – ARTE für Frankreich, Deutschland, Belgien und die Schweiz hinzu. Insgesamt sind neun Länder vertreten. Eine bisher einmalige Erfahrung in Europa, denn die Serie wird in allen Ländern gleichzeitig ausgestrahlt (fast auf den Tag genau, denn einige Sender beginnen am 2. September mit der Ausstrahlung und andere, wie ARTE, am 3. September).
Die zeitgleiche Ausstrahlung ist natürlich wegen des künstlerischen Projekts erforderlich, doch sie bleibt auch der beste Schutz vor Piraterie, die oft die Folge zeitversetzter Ausstrahlungen ist.





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