Kino spielt sich nicht wie das Fernsehen „in Echtzeit“ ab, wie der Philosoph Paul Virilio feststellt. Eine Echtzeit, die den Zuschauer in eine virtuelle Welt taucht, die ihn zum bloßen Beobachter von Unglück und Unverantwortlichkeit degradiert und ihn in seiner vermeintlichen Machtlosigkeit bestätigt, irgendetwas am Wahnsinn des Kapitalismus, der als schicksalsgegeben hingenommen wird, ändern zu können. Das Kino hingegen ist seit seiner Erfindung die Kunst der Zeit, oder genauer der von den Menschen erlebten Zeit, wie sie Bergson mit dem Begriff der „Dauer“ umschreibt. In der Bewegung von Bildern, von lebenden Körpern kann das Kino die Welt der Menschen mit ihren Kämpfen, ihren Tragödien und dem Fortgang der Geschichte wiedergeben und nacherzählen. Doch die spezifischen Produktionsumstände dieser Bilder, die großen Investitionen, die sie erfordern, die Schwerfälligkeit der Technik und nicht zuletzt die Unvorhersehbarkeit des Castings verlangsamen den Prozess des Filmemachens.
Das Kino, die Kunstform, die es vermag, die Intensität des Augenblicks einzufangen...
So stehen wir vor dem folgenden Paradox: Das Kino, die Kunstform, die es vermag, die Intensität des Augenblicks einzufangen – sei es die Begegnung zweier Liebender oder den Wendepunkt, der zur Schlacht, zum Streik, zum Aufstand führt – und dem Zuschauer das körperliche Empfinden der Gleichzeitigkeit mit vergänglichen und historischen Ereignissen durch lebendige Charaktere ermöglicht, ist zugleich diejenige Ausdrucksform, die zur Darstellung des Aktuellen die meiste Zeit und den größten Aufwand erfordert. Ein Paradox, dem sich die größten Filmemacher, Eisenstein, Chaplin, Rossellini, die Regisseure in der Zeit des New Deal und des Kampfes gegen den Nationalsozialismus, Godard und viele andere gestellt und das sie überwunden haben.
Heutzutage ist das Kino mehr denn je dazu berufen und in der Pflicht, sich mit der Aktualität auseinander zu setzen. Die Fortschritte in der Aufnahmetechnik haben diese Aufgabe leichter gemacht. Malraux bezeichnete die Kunst als „Antischicksal“. Das Kino kann und muss zu diesem Antischicksal werden, das sich uns heute in Gestalt der Märkte präsentiert. Das ist eine Frage der Ethik und des Willens.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Tony Gatlif und Jean-Paul Dollé, Philosoph





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