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Kino auf ARTE - 21/08/12

Die kommenden Tage

Spielfilm, Deutschland, Österreich, 2010, WDR, 121 Min.
Regie: Lars Kraume, Drehbuch: Lars Kraume, Musik: Christoph M.Kaiser, Julian Maas, Schnitt: Barbara Gies, Produktion: Universal Pictures International, Badlands Film Production, Dream Team Filmproduction, WDR, ARD Degeto, ARTE, Produzent: Jürgen Vogel, Katrin Schlösser, Matthias Glasner, Frank Döhmann, Lars Kraume
Mit: Daniel Brühl (Hans Krämer), Johanna Wokalek (Cecilia Kuper), Bernadette Heerwagen (Laura Kuper), August Diehl (Konstantin Richter), Susanne Lothar (Martha Kuper), Ernst Stôtzner (Walter Kuper), Vincent Redetzki (Philip Kuper), Mehdi Nebbou (Vincent), Jürgen Vogel (Melzer), Teresa Harder (Eva)

Berlin im Jahr 2020: Die weltweite Rohstoffknappheit und der Kampf um brennbare Fossilien dominieren die Gesellschaft, endlose afrikanische Flüchtlingsströme kommen auf Europa zu, Stahlmauern an den südlichen Alpen sollen Schutz vor dem Kollaps garantieren. In diesem near-future Szenario gehen die beiden Schwestern Laura und Cecilia Wege des Widerstands, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch weder die offensive Kampfansage Cecilias, die von ihrem Freund für den Sturz des "Systems" begeistert wird, noch die totale Rückzugstrategie Lauras scheinen die Katastrophe verhindern zu können.


Nach einer Ölkrise in Saudi-Arabien befindet sich die Welt im Krieg, die Grundversorgung ist kaum gewährleistet und Lauras Familie, die von Vaterschaftsanzweiflungen innerlich zerrüttet ist, driftet auseinander. Ihre aparte Schwester Cecilia gerät zunehmend in den dubiosen Freundeskreis ihres widerstandsbegeisterten Freundes Konstantin, ihr kleiner Bruder Philip leidet unter der Ehekrise der Eltern und wird von seinen Mitschülern übel gequält. Als nach einem DNA-Test unwiderruflich feststeht, dass Philip denselben Vater hat wie seine Schwestern, macht er sich vom reichen Elternhaus frei und meldet sich bei der Bundeswehr. Ihrem Lebensprinzip "Glück hat, wer daran glaubt" trotz allem treu bleibend, versucht Laura Normalität im Chaos zu wahren, indem sie in der von gewaltbereiten Aktivisten umstellten Staatsbibliothek zu Berlin ihre Dissertation verfasst. Und für einen Moment lang wird ihre Zuversicht tatsächlich belohnt: Sie verliebt sich in Hans, einen schüchternen Juristen und Hobby-Ornitologen, kann sich endlich von Cecilia und Konstantin lösen und wird obendrein schwanger. Ungeachtet der globalen Krise und des zunehmend bedrohlichen Alltags wollen die beiden das Kind bekommen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Lauras Schwangerschaft ist in Gefahr, Konstantin wirbt um sie, Cecilia ist wie ausgewechselt und plötzlich steht der Verfassungsschutz vor der Tür.


"Die kommenden Tage" ist trotz gesellschaftspolitischem Gehalt ein Liebesdrama, in dem es um Krankheit, Betrug und Irrtum geht. Privates und Politisches sind nicht voneinander zu trennen, jede persönliche Entscheidung ist ein Wagnis auf einem verminten Feld aus Angst. Trotzdem bleibt den Protagonisten auch Hoffnung und Lebensdrang, wodurch die futuristisch beklemmende Atmosphäre bis zuletzt sehr spannend bleibt.
Die Figuren sind erstklassig besetzt: Die aufmüpfige Cecilia, gespielt von Johanna Wokalek, lässt sich von Konstantin (August Diehl) für Flashmobs und wilden Sex begeistern, die gutmütige Laura (Bernadette Heerwagen) verliebt sich in den erblindenden Hans (Daniel Brühl) und entdeckt mit ihm die Natur. Johanna Wokalek meistert die Veränderung von taffer Studentin hin zur einsam-kaltblütigen Terroragentin großartig - was vielleicht auch daran liegt, dass sie 2008 in Bernd Eichingers "Der Baader Meinhof Komplex" die Rolle der Gudrun Ensslin verkörperte. August Diehl hingegen gibt erneut, wie meist seit seinem Durchbruch als KGB-Hacker in Hans-Christian Schmids "23 - Nichts ist so wie es scheint", den überengagierten Individualist. Daniel Brühl überzeugt als gutherziger Naturliebhaber und Bernadette Heerwagen brachte die konsequente Darstellung der naiv-optimistischen Laura eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin ein.
Auch wenn die düstere Zukunftsvision zunächst übertrieben scheint, kreiert Lars Kraume in "Die kommenden Tage" eine packende Mischung aus Atomkatastrophenstimmung, RAF-Thriller und bürgerlichem Drama. So meint auch Christian Buß im Spiegel: "Diese Negativ-Utopie mag auf den ersten Blick weit hergeholt erscheinen, in der Verdichtung der lebensweltlichen Umstände seiner Protagonisten aber erzielt Kraume hohe Plausibilität." Vertraut man schließlich auf die Meinung des Experten für Zukunftsforschung, Professor Horst W. Opaschowski, kann man sich von diesem Film "gefangen nehmen lassen, auch wenn man nicht an Öko-Kollaps und Weltuntergang glaubt".

Die kommenden Tage
Donnerstag 27. September 2012 um 00.50 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, Österreich, 2010, 91mn)
WDR

Erstellt: 21-08-12
Letzte Änderung: 21-08-12