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"Zukunft pflanzen – Bio für 9 Milliarden"

In ihrer Dokumentation "Die Zukunft pflanzen" beweist Marie-Monique Robin, dass die gesamte Weltbevölkerung ohne Pestizide ernährt werden kann.

> Die Zukunft pflanzen > Interview mit Marie-Monique Robin

"Zukunft pflanzen – Bio für 9 Milliarden"

In ihrer Dokumentation "Die Zukunft pflanzen" beweist Marie-Monique Robin, dass die gesamte Weltbevölkerung ohne Pestizide ernährt werden kann.

"Zukunft pflanzen – Bio für 9 Milliarden"

13/11/12

"Die Erde macht alle satt" - Interview mit Marie-Monique Robin

Um zu beweisen, dass die gesamte Weltbevölkerung nachhaltig und ohne Pestizide ernährt werden kann, ist Marie-Monique Robin in sechs Länder gereist. Die Regisseurin von „Die Zukunft pflanzen“ im Interview.


Wenn man Marie-Monique Robin gegenübersitzt, spürt man: Hier geht es ums Ganze. Die Dokumentarfilmerin beleuchtet in ihren investigativen Filmprojekten immer wieder die drängenden Probleme der Welt: „Die Zukunft pflanzen“ ist nach „Monsanto, mit Gift und Genen“ und „Unser täglich Gift“ der letzte Teil einer ARTE-Trilogie und vertritt die optimistische These: Die Welt kann satt werden – und das ohne Einsatz von Pestiziden!


  • Der Präsident der französischen Lebensmittelindustrie sagt, ohne Pflanzenschutzmittel würden 40 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge verloren gehen. Die NGOs geben Pestiziden die Schuld für den Hunger in der Welt. Wer hat Recht?

    Marie-Monique Robin: Pestizide und industrielle Landwirtschaft machen den Menschen krank, das geht aus einer Reihe meiner Filme klar hervor. Mir wird allerdings immer das Ertragsargument entgegengehalten. Um diese besiegelten Wahrheiten zu hinterfragen, habe ich eine Bestandsaufnahme des agro-industriellen Systems gemacht und es mit dem biologischen – oder vielmehr dem sogenannten agro-ökologischen – Modell verglichen. Das überraschende Ergebnis dieser Untersuchung lautet: Die Erträge des ökologischen Landbaus können genauso hoch oder sogar höher sein als die der industriellen Landwirtschaft!

  • Was genau bedeutet agro-ökologische Landwirtschaft im Vergleich zur biologischen?

Wenn Sie 300 Hektar biologische Tomaten anbauen, ist das noch keine echte Alternative zur Monokultur. Das agro-ökologische Modell ist umfassender...
Wenn Sie 300 Hektar biologische Tomaten anbauen, ist das noch keine echte Alternative zur Monokultur. Das agro-ökologische Modell ist umfassender, gleichzeitig funktioniert es nur auf kleinen Höfen: Familienbetriebe, die versuchen, von Zusatzstoffen und Energiezufuhr unabhängig zu werden und ressourcenschonend zu arbeiten. Die also auf chemische Dünger und Pes-tizide verzichten und stattdessen sich ergänzende Eigenschaften von Pflanzen und Tieren nutzen, um einen geschlossenen Kreislauf zu erhalten.


  • Also zurück zu einfachsten Methoden?

    Ja, aber gleichzeitig ist agro-ökologischer Landbau heute eine hochwissenschaftliche Angelegenheit, er verbindet das Erfahrungswissen der Bauern mit technischen Neuerungen. So wurde etwa entdeckt, dass einheimischer afrikanischer Mais, von Schädlingen angegriffen, andere Pflanzen „informiert“, sodass diese die natürlichen Feinde der Schädlinge anlocken. Hybridmais, der einzig auf höheren Ertrag hin gezüchtet wurde, hat diese Eigenschaft verloren.

  • Lohnt sich der Anbau von Monokulturen auf lange Sicht nicht?

    Nein. Am besten zeigt das im Film ein verzweifelter amerikanischer Getreidefarmer. Er ist von den Saatgutherstellern abhängig. Seine Böden sind ausgelaugt, und auch mit der Artenvielfalt ist es vorbei. Er sorgt sich um die Gesundheit seiner Kinder. Aber er weiß nicht, wie er seine Lage ändern könnte. Die ökologisch wirtschaftenden Bauern überall auf der Welt kommen dagegen gut ohne Pestizide aus und haben keine Probleme mit Insekten.

  • Welche Rolle spielen dabei die Böden?

    Seit in der Landwirtschaft Chemikalien eingesetzt werden, hat man die Böden völlig vergessen. Die Herausforderung besteht heute darin, dem Humus seine zentrale Rolle zurückzugeben. Von ihm hängt die Fruchtbarkeit der Böden ab, er bindet Kohlenstoff und produziert keine Treibhausgase. Nur so erhält man gesunde Nahrungsmittel. Im Film machen alle Bauern die gleiche Geste: Sie nehmen ihre Erde, voller Mikroorganismen und Würmer, in die Hand und riechen daran. Gute Erde riecht nach Wald.

  • Der Film zeigt noch etwas anderes: dass auch Abwanderung, Armut in den Städten und Klimawandel mit der Landwirtschaft zu tun haben.

In Kenia hatten die Bauern (...) nach vier Jahren wieder bessere Böden und Ernten. Sie konnten sich ein Haus bauen und schicken heute ihre Kinder in die Schule. All das sind beileibe keine Mikroinitiativen.
Ja, man sieht es überall: Im Senegal gibt ein sechsmonatiges Einfuhrverbot für europäische Zwiebeln während der Erntesaison den Bauern die Möglichkeit, vor Ort von ihren Erzeugnissen zu leben. Sie müssen nicht mehr in den Norden abwandern. In Malawi wurden dank der ökologischen Forstwirtschaft Hungersnöte überwunden und die Bodenerosion gestoppt. In Kenia hatten die Bauern, die auf ökologischen Landbau umgestellt haben, nach vier Jahren wieder bessere Böden und Ernten. Sie konnten sich ein Haus bauen und schicken heute ihre Kinder in die Schule. All das sind beileibe keine Mikroinitiativen.


  • Wäre Protektionismus also ein guter Weg?

    Der lokale Landbau muss gegen die Invasion billiger Produkte aus dem Ausland geschützt werden. Ein Sachverständiger der Welthandels- und Entwicklungskonferenz, Ulrich Hoffman, sagte sogar: „Freihandel für Landwirtschaft ist ein Farce.“ Seit der partiellen Handelssperre für EU-Zwiebeln leben die senegalesischen Bauern wieder auf, sie können sich vor Ort versorgen, ohne sich deshalb ganz abzuschotten.

  • Was sagen die politischen Organisationen?

Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter der Chemie, das 21. wird das Jahrhundert der Biologie sein.
Die UNO sagt, die Handelsketten für landwirtschaftliche Produkte müssen neu überdacht werden. Der UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter, sieht in der agro-ökologischen Landwirtschaft den einzigen Weg, die Weltbevölkerung zu ernähren. Auch andere internationale Organisationen sind sich aufgrund der vielen Krisen der Notwendigkeit einer Systemveränderung wirklich bewusst. Der Direktor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sagte kürzlich, man habe ein Jahrhundert gebraucht, um die Chemieindustrie auf den Feldern durchzusetzen. Weit weniger Zeit sei nötig, um sie wieder loszuwerden. Oder wie einer der Landwirte im Film prophezeit: „Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter der Chemie, das 21. wird das Jahrhundert der Biologie sein.“

  • Wo stehen Frankreich und Deutschland?

    Vor Kurzem hat die EU vorgeschlagen, ökologisches Wirtschaften mit der Hälfte des EU-Agrarbudgets zu fördern. Frankreich hat abgelehnt. Deutschland ist etwas fortschrittlicher. Zum Beispiel haben im Schwarzwald Manfred und Friedrich Wenz von konventioneller Landwirtschaft auf einen Demeter-Betrieb umgestellt und sind zu einer öko-landwirtschaftlichen Referenz geworden. Viele Landwirte und Forscher kommen zu ihnen, um sich zu informieren.

  • Ihr Dokumentarfilm zeigt lokale Beispiele – glauben Sie wirklich, dass man ganz aus der industriellen Landwirtschaft aussteigen kann?

    Der große Hemmschuh sind Konzerne wie Monsanto oder Cargill, die Pes-tizide verkaufen, den Kornhandel kontrollieren und die Gewinne einstecken. Deshalb müssen die kleinen Handelskreisläufe gefördert werden. Und die Leute müssen bereit sein, etwas mehr für Lebensmittel auszugeben. Einfach ist das sicher nicht.

  • Wie könnte man das konkret angehen?

Je länger wir warten, umso größer wird das Klimachaos in den kommenden 30 Jahren. Die Zeit drängt.
Wir haben es mit einem riesigen System zu tun. Wir sollten damit anfangen, den Bezug zu unseren Böden zurückzugewinnen. Ein anderes Modell ist möglich. Und die Initiativen, die in die richtige Richtung gehen, mehren sich. Es gibt sogar einen politischen Willen, die Entwicklung umzukehren. Aber je länger wir warten, umso größer wird das Klimachaos in den kommenden 30 Jahren. Die Zeit drängt.


Das Interview führte Pierre-Olivier François für das arte-Magazin

Erstellt: 16-07-12
Letzte Änderung: 13-11-12