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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 18. März 2012 > die Geschichte: die Abreise aus Algier

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Karambolage 262 - 18/03/12

die Geschichte: die Abreise aus Algier

Heute abend zunächst die Erzählung eines dieser sognennanten Heimkehrer aus Algerien. Er heißt Paul Ouazan, arbeitet bei ARTE, lebt in Paris und war damals 8 Jahre alt.

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Mein Vater, meine Mutter, mein großer Bruder und ich verließen Algerien im Juni 1962. Ich war 8. Mein Vater 38, meine Mutter 36. In den Wochen vor unserer Abfahrt war die Stadt zum Schauplatz regelmäßiger Bombenanschläge geworden, sogar unser Wohnhaus wurde angezündet. Ich sehe noch vor mir, wie meine Mutter mit meinem Bruder am Arm aus dem brennenden Haus rannte, als ich gerade nach Hause kam. Ich erinnere mich an den Lärm der Bomben, erst ein kurzer, schrecklich lauter Knall, gefolgt von einem zweiten; der ersten Bombe folgte nach dreißig Sekunden immer eine zweite. Meine Mutter hat den Bombenlärm nie vergessen, die Schüsse, auf meinen Bruder, den Mord, den die OAS, die Geheimarmee aus Franzosen, die gegen die Unabhängigkeit kämpfte, vor unseren Augen an zwei Arabern beging. Man nannte sie damals noch nicht Algerier. Die Spitznamen, die die "Pieds-Noirs" ihnen gaben, behalte ich lieber für mich.

Ich erinnere mich auch an das Schiff, das uns und unser Auto nach Marseille brachte. Es hieß Ville d’Alger - Stadt Algier - und war weiß mit schwarzem Rumpf, rotem Kiel und rotem Schornstein. Die Ville d’Alger und  ihr Schwesterschiff die Kairouan sind für mich untrennbar mit der Geschichte Französisch-Algeriens verbunden. Ich erinnere mich, wie ich am Bug des Schiffes stand und mich nach diesen Monaten kollektiver und blutrünstiger Hysterie ein Gefühl von Ruhe, ja von Frieden überkam.

Und dann betraten wir den Boden Frankreichs. Kaum hatten wir angelegt, wurde unser Auto, das im Bauch der Ville d’Alger mitgereist war, an Land gehoben. Es war mit unseren einzigen Habseligkeiten beladen, der nötigsten Kleidung und dem, woran meine Mutter am meisten hing: ihre persönlichen Sachen, ihre Kleider, ihre Andenken. Wir haben das vollgepackte Auto in einer Seitenstrasse geparkt, neben der Canebière, glaube ich. Dann gingen wir Mittagessen. Ich sehe uns kurz darauf zum Auto zurückkehren, ich sehe meinen Bruder, der ruft, dass die Fahrertür etwas aufsteht. Unser Auto war aufgebrochen worden, unsere Koffer gestohlen, wir hatten nur noch "nos yeux pour pleurer", wie man sagt, unsere Augen zum Weinen. Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie die Hände vors Gesicht schlägt, tränenüberströmt, verzweifelt. Wir kamen nach Bordeaux, in die Vorstadt Caudéran, in der es die ersten Sozialwohnungen der Gegend gab. Ich erinnere mich an den Linoleumboden unserer Wohnung, auf dem unsere Schuhe zum großen Leidwesen meiner Mutter schwarze Spuren hinterließen. Die schönen Fliesen unseres Hauses in der Rue Michelet in Algier fehlten ihr.

Was mich betraf, so gab es zwei Dinge, die mich lehrten, was es bedeutete, im Exil zu leben, wie die Erwachsenen sagten. Ich war noch nicht lange in der neuen Schule, als ich meinen Schul-kameraden ein Spiel mit Aprikosenkernen vorschlug, von denen ich einen ganzen Beutel voll hatte. Ich erinnere mich noch, wie sie mich da anschauten, verständnislos und voller Spott. Kleinlaut und traurig musste ich dann bei ihrem Spiel mit kleinen Knochen mitmachen, das damals sehr beliebt war. In Algerien spielten alle Kinder mit Kernen. Im Sommer sammelten wir sie von den Tellern und sogar aus den Mülleimern. Mit den Jahren wurden es mehr und mehr, manche erbten die Kerne ihrer Geschwister oder ihrer Eltern. Man konnte auf unendlich viele Weisen damit spielen: sie bemalen oder eine Trillerpfeife daraus machen, indem man sie so lange an einer rauhen Mauer rieb, bis ein Loch darin war. Dann musste nur noch die Mandel entfernt werden und man konnte darauf pfeifen.

Meistens spielten wir aber mit den Haufen. Jeder Haufen bestand aus vier Kernen, drei unten, der vierte obenauf. Alle Spieler bauten gleichviele Haufen. Dann trat man zwanzig Schritte zurück, und versuchte reihum, die Haufen mit Kernen aus seinem eigenen Vorrat kaputtzuschießen. Gewonnen hatte der, der den letzten Haufen der Partie kaputtmachte. Er bekam dann alle Kerne, die am Boden lagen. Es kam manchmal vor, dass der Gewinner ein paar Handvoll Kerne ohne Vorwarnung in die Luft warf und laut "à la Chine !" schrie - "für China!" - und schon regnete es Aprikosenkerne auf die Verlierer, die schnell versuchten, ein paar Kerne einzusammeln, um ihren Verlust wieder gutzumachen.

Das zweite Erlebnis, das mir klarmachte, dass ich Algerien endgültig verlassen hatte, war, als ich in einer Bäckerei in Caudéran ganz selbstverständlich eine "coca" verlangte und die Verkäuferin fragte "eine Coca-Cola?". Für mich war eine coca ein leckeres Salzgebäck aus Italien oder Spanien, eine Art Teigtasche, deren Füllung aus einem Salat aus gegrillten Paprika, Tomaten und Knoblauch bestand. Coca war sozusagen das Nationalgericht der algerischen Franzosen. Kein Picknick im Wald oder am Strand ohne coca! Dass man meinecoca mit Coca-Cola verwechseln konnte, war für mich das Letzte: mir war klar, die "patos", wie wir die Franzosen aus Frankreich nannten, hatten wirklich keine Ahnung von nichts.

Erstellt: 16-03-12
Letzte Änderung: 09-10-12


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