Schriftgröße: + -
Home > Europa > Karambolage

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 03. Oktober 2004 > die Bildanalyse: der 3. Oktober 2002

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 3. Oktober 2004 - 03/10/04

die Bildanalyse: der 3. Oktober 2002

der 3. Oktober 2002


Heute ist der 3. Oktober, Nationalfeiertag der Deutschen. An diesem Tag vor genau 2 Jahren war Elsa Clairon, Leiterin eines europäischen Beratungsbüros, in Berlin . Sie nahm dort an einem höchst symbolischen Ereignis teil. Hören Sie: Es war vor genau 2 Jahren.


Am 3. Oktober 2002, dem deutschen Nationalfeiertag, feierte Berlin die Wiedereröffnung des Brandenburger Tors. Hier ist es, Wahrzeichen von Berlin, errichtet 1788. Während des Kalten Krieges war das Brandenburger Tor Symbol der deutschen Teilung. Auf Ost-Berliner Gebiet gelegen, von Minen und Stacheldraht umgeben, markiert es die Grenze zwischen Ost und West bis zum Fall der Mauer 1989. Das Tor ist in schlechtem Zustand. Die Kassen der Stadt sind leer. Der schwedische Stromerzeuger VATTENFALL wittert die  Gelegenheit und bietet sich als Sponsor für die Restaurierung des Bauwerks an. Hier sind wir also am 3. Oktober 2002 in Berlin. Unzählige Menschen sind da und die Veranstaltung wird vor 100 Millionen Fernsehzuschauern in fast alle Länder der Welt live übertragen ausser nach Frankreich, wo man sich bekanntlich nicht sehr für das interessiert, was jenseits des Rheins passiert. Ich BIN Französin und möchte Ihnen ein paar Ausschnitte aus dieser Übertragung zeigen. Sie werden verstehen warum.

Die französischen Zuschauer sollen sich jetzt mal vorstellen, man würde den Pariser Triumphbogen nach einer Restaurierung einweihen. Sie sollten sich weiterhin vorstellen, das nationale Monument wäre von einer Hülle mit dem Logo eines multinationalen Konzerns überzogen, auf der auf englisch steht: "Power for peace, power  for  unity" Und dann würde als Moderator für dieses Ereignis Götz Alsmann auserkoren, jemand, der sich selbst als Hofnarr bezeichnet. Per Riesenbildschirm übermitteln Bürgermeister europäischer Metropolen Grußworte an die Berliner. Schauen wir uns (das Ende) der Botschaft des Pariser Bürgermeisters Betrand Delanoë an:
" …und deshalb mein Wunsch für Berlin, für Deutschland, für meinen Freund, Ihren Bürgermeister Klaus Wowereit: die Freundschaft zwischen unseren Völkern und der Stolz des deutschen Volkes. " Delanoë spricht vom "Stolz des deutschen Volkes". In der Übersetzung des Moderators wird daraus: "es lebe die Freundschaft zwischen unseren Völkern." Die Freundschaft zwischen den Völkern. Ja! Der Stolz des deutschen Volkes? Nein! Das ist in Deutschland tabu, davor hat man Angst, Delanoës Worte werden zensiert. Die wichtigsten Landesvertreter sind anwesend:

- Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ,
- Der damalige Bundespräsident Johannes Rau mit Gattin
- Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Frau Doris
- Präsident Clinton als Ehrengast 
- Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit

Und vor dieser illustren Gesellschaft spricht der Moderator folgende Worte: "Meine Damen und Herren, rücken Sie Ihren Zahnersatz zurecht  und lockern sie ihren Adamsapfel ; wir müssen jetzt gemeinsam, demeinsam von 10 bis 0 zählen ."
countdown Das Fest möge beginnen! Und jetzt erscheint Willy Bogner, Ex-Sportler, Modedesigner und Herr über ein Finanzimperium. Zur Feier des Tages steigt Willy Bogner mit einem Ballon in die Lüfte, wieder unter dem Logo von VATTENFALL - begleitet von einer Art Fernsehkrimimusik - und landet auf dem Brandenburger Tor. EMPOR, EMPOR… ruft er, auf das sich die Verhüllung der berühmten Quadriga erhebe. Leider haben die Veranstalter nicht für angemessene Beleuchtung gesorgt und wir sehen die Quadriga nicht. Dafür sehen wir aber Willy Bogner, der mit seinem himmlischen Gefährt aufsteigt und einen Haken in Form eines "B’s" -  B  wie oder B wie Bogner? – herunterlässt. Ein Reissverschluss wird aufgezogen, um das Bauwerk in seinem neuen Glanz zu enthüllen. Da ertönt die gewaltige Stimme von Montserrat Caballé. Feiert man das Symbol der deutschen Einheit am Tag der Deutschen Einheit mit der Nationalhymne? Keineswegs! Die Diva singt auf englisch die Hymne der Leichtathletikweltmeisterschaften von  Athen. Jetzt verlassen die Ehrengäste die Tribüne, um sich unter dem Brandenburger Tor für das Gruppenfoto aufzustellen. Händewinken nach Osten und nach  Westen. Doch  was sieht man da ganz weit hinten ?  Da schwenkt jemand  -einsam -eine deutsche Fahne. Ein etwas naiver Zuschauer hat sie mitgebracht. Hat er denn nicht begriffen, dass hier niemand diese Fahne will? Wegen der panischen Angst, es könnten alte Dämonen geweckt werden, hat man in Deutschland Mühe, den richtigen Ton zu finden, um historische Ereignisse zu feiern. Kein Patriotismus. Keine Nationalhymne. Es lebe die Spassgesellschaft, die Unterhaltung, die Show. Wo ist denn – wie sagte doch der Pariser Bürgermeister – der Stolz des deutschen Volkes geblieben?

Erstellt: Wed Sep 29 17:46:34 CEST 2004
Letzte Änderung: Fri Mar 18 12:01:58 CET 2011


+ aus Europa