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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 19. August 2012 > die Art und Weise: der Kontrabass

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Wiederholung - 19/08/12

die Art und Weise: der Kontrabass

Vor einiger Zeit bekamen wir eine E-mail von einer Zuschauerin, Véronique Gautheron. Sie spielt Kontrabass. Sie schrieb uns: "Wussten Sie, dass man Kontrabass mit einem französischen Bogen oder mit einem deutschen Bogen spielen kann?" Aha! Kleine Musikstunde.

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Zwei große Musiker geben Karambolage heute also die Ehre. Links Véronique Gautheron. Sie ist Französin, sie unterrichtet Kontrabass und spielt in einem Kammerorchester in der Nähe von Paris, dem Ensemble Naïri. Und das ist Eckhard Rudolph. Er ist Deutscher, er unterrichtet Kontrabass am Pariser Konservatorium und ist Solist im Ensemble Orchestral de Paris. Schön. Schauen wir uns das mal genauer an.

Beginnen wir mit Véronique. Sehen Sie, wie Véronique ihren Bogen hält? Ihre Hand greift über den Bogen, die Franzosen sagen "sur la baguette". Die Deutschen sagen "Oberbogengriff". Und nun Eckhard. Sehen Sie den Unterschied? Seine Hand hält den Bogen von unten, also "sous la baguette". Auf deutsch "Unterbogengriff". Dies wirkt sich auf die Form des Bogens aus. Schauen Sie: Oben der französische Bogen, "l’archet", unten der deutsche Bogen. Sehen Sie, der obere Teil des Bogens, auf französisch "la hausse", zu deutsch der Frosch, ist beim französischen Bogen schmaler als beim deutschen Bogen. Die Spitze wiederum - "la pointe" - ist beim französischen Bogen größer und schwerer.

Warum das so ist? Das hat historische Gründe. Um es kurz zu machen: der deutsche Kontrabass – übrigens, wussten Sie, dass es "la" - also die "contrebasse" in Frankreich heisst und der Kontrabass in Deutschland? Der deutsche Kontrabass also hat sich Ende des 17. Jahrhunderts entwickelt. Man nannte ihn zunächst "Violone". Er stammt aus der Familie der Gamben. Diese werden mit Unterbogengriff gespielt. Der französische Kontrabass hingegen hat sich später entwickelt. Man setzt ihn Anfang des 18. Jahrhunderts in den französischen Orchestern ein, um tiefe, dunkle Klänge zu verstärken, und um Effekte wie Schlachten, Erdbeben oder Stürme zu erzielen. Der französische Kontrabass kommt aus der Familie der Geigen und Cellos, die mit Oberbogengriff gespielt werden.

Daraus sind zwei Schulen entstanden mit zwei unterschiedlichen Techniken. Wichtigster Vertreter der Unterbogengrifftechnik ist der italienische Kontrabass-Virtuose Domenico Dragonetti, der Anfang des 19. Jahrhunderts lebte, ein Freund Beethovens, der als Erster umfangreiche und anspruchsvolle Partituren für den Kontrabass komponierte. Die andere Schule beruft sich auf einen italienischen Komponisten. Mitte des 19. Jahrhunderts, einen Kontrabass-Virtuosen, der seinerseits mit Verdi befreundet war: Giovanni Bottesini. Er machte den Oberbogengriff zur allgemeinen Norm. Obwohl diese Techniken in Italien entstanden sind, sei angemerkt, dass man auf der ganzen Welt einen Bogen, der von unten gehalten wird, einen deutschen Bogen nennt, und einen Bogen, der von oben gegriffen wird, einen französischen Bogen. Und alle deutschen Kontrabass-Schüler lernen den Unterbogengriff, alle französischen Kontrabass-Schüler den Oberbogengriff.

Und was denken unsere Musiker? Nein, sie werden sich deswegen jetzt nicht streiten. Sehr diplomatisch erklären sie uns, dass man zwar mit beiden Techniken alles spielen könne, jede Technik allerdings Vor- und Nachteile habe. Ein Beispiel? Nun, beide sind sich einig, dass die deutsche Art, den Bogen zu halten, bei schnellen Stellen präziser ist und auf jeden Fall kraftvoller. Ein anderes Beispiel? Man kann Kontrabass mit dem Bogen spielen, so. Oder direkt mit den Fingern, und zwar so. Diese Technik heißt "pizzicato". In einem Stück muss man manchmal von einer Technik zur anderen wechseln. Der Übergang vom Bogen zum "Pizzicato" ist mit dem französischen Bogen einfacher als mit dem deutschen. Bei der deutschen Bogenhaltung muss der Arm größere Bewegungen machen als bei der französischen Technik, bei der die Armbewegung weniger ausholend ist. Noch ein Beispiel? Beim Spiel kann man die Noten verbinden, das heißt "legato", oder sie getrennt spielen, das nennt man "détaché" oder "staccato". Gut, Véronique spielt mit ihrem französischen Bogen etwas müheloser "legato", während Eckhards "détaché" mit seiner deutschen Bogenhaltung voller klingt.

So, jetzt wissen Sie beinahe alles. Nur eines nicht. Passen Sie gut auf: Als wäre es nicht schon kompliziert genug, spielt Véronique auf einem deutschen, recht breiten und runden Kontrabass, mit abgerundeten Zargen, hier, und einem flachem Boden. Während Eckhard natürlich, Sie denken es sich vielleicht schon, auf einem französischen Kontrabass spielt, der spitze Zargen hat, wie die Geige, und einen gewölbten Boden.

Ich rekapituliere: Véronique spielt mit einem französischen Bogen auf einem deutschen Kontrabass, Eckhard spielt mit einem deutschen Bogen auf einem französischen Kontrabass. Kommen Sie noch mit?

So, und wenn wir schon einmal zwei große Meister im Studio haben, dann wollen wir auch etwas davon haben, oder? Ein paar Takte zum Abschluss…

Erstellt: 17-07-12
Letzte Änderung: 17-07-12


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