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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 11. September 2005 - 11/09/05

die Art und Weise: Mademoiselle

Mademoiselle


Mademoiselle Bettina Wohlfahrt ist vor über fünfzehn Jahren zum Studium nach Frankreich gekommen. Inzwischen ist die junge Frau etwas reifer geworden, aber sehen Sie selbst…



Die junge Frau da? Ach ja, das bin ich! Ehrlich gesagt: Das war ich, als ich vor vielen Jahren nach Frankreich zog. Bis dahin und seit meiner Jugend war ich es gewohnt, dass man mich in Deutschland mit "Frau Wohlfarth – Madame Wohlfarth" ansprach. Schon zu Oberstufenzeiten war ich eine "Frau" und jeder offizielle Brief wandte sich an eine "Sehr geehrte Frau ...". Dann bin ich nach Frankreich gekommen. Und was hörte ich da jedes Mal, wenn man mich ansprach? Dieses altertümliche Wort Mademoiselle! – "Fräulein" "Ein Espresso für Mademoiselle?" "Vielen Dank, Mademoiselle!" Auf dem Markt rief mir der Händler zu: "Wie wär’s mit ein paar von diesen köstlichen Tomaten, Mademoiselle?" Es kam sogar vor, dass man sich erkundigte: "Madame oder Mademoiselle?" – das geht Sie doch nichts an! Mir standen die Haare zu Berge. Ohne jegliche Ironie wurde jene Anrede verwendet, die dem deutschen "Fräulein" entsprach!

Das verlangt nach einer Erklärung. Zwar ist die Anrede "Fräulein" genau wie "Mademoiselle" historisch und linguistisch richtig, wenn man sich an eine junge oder unverheiratete Frau wendet. Nur dass heutzutage eine Deutsche unter "Fräulein" nicht dasselbe versteht wie eine Französin unter "Mademoiselle". Und daran ist die Grammatik schuld: Von den drei Artikeln, die der deutsche Sprache zu Verfügung stehen, mit dem Substantiv "Fräulein" natürlich nicht der männliche, allerdings auch nicht der weibliche Artikel zugewiesen. DAS Fräulein ist einfach ein Neutrum. Und weiter: Die Anrede setzt sich aus "Frau" und dem Diminutiv "lein" zusammen. Sinngemäß ist also ein deutsches Fräulein eine verniedlichte Frau mit neutralem Geschlecht. Die 60er Jahre und die Emanzipationsbewegung hat der Begriff daher nicht überlebt. "Fräulein" bekam eine herabsetzende, ärgerliche, hoffnungslos veraltete Konnotation – und verschwand schließlich gänzlich aus dem Sprachgebrauch.

In Frankreich hat sich dieses soziolinguistische Problem nicht mit der gleichen Dringlichkeit gestellt. "Mademoiselle" ist ein Wort weiblichen Geschlechts und KEIN Diminutiv. Die Anrede bezeichnet natürlich den Familienstand, hat aber vor allem eine schmeichelhafte Konnotation, die jede Französin, selbst die Feministin, zu schätzen weiß. Wenn Sie mit "Mademoiselle" angesprochen werden, ist eins sicher: Sie sehen noch vergleichsweise jung aus, der Teint erscheint frisch, die Frisur hat Schwung, kurz, man hält Sie noch nicht für eine "Madame", eine Frau in den reiferen Jahren!

Die Jahre sind vorbeigerauscht, ich hatte mich bestens an "Mademoiselle" gewöhnt! Aber in der letzten Zeit höre ich die schmeichelhafte Floskel nicht mehr. "Ein Espresso für Madame; Vielen Dank Madame". Keiner kommt mehr auf die Idee zu fragen: "Madame oder Mademoiselle?" Wenn allerdings ein Gemüsehändler seine Tomaten loswerden möchte, dann ruft er: "Wie wär’s mit ein paar von den köstlichen Tomaten, Mademoiselle?" Endlich! Natürlich kaufe ich 3 Kilo, die Tüte ist zwar schwer, aber ich bin leichten Herzens!

Erstellt: 20-10-05
Letzte Änderung: 18-03-11


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