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22/05/04

Diarios de Motocicleta

Argentine/Peru/Brasilien/Chile/USA, 2004, 126 Min.)
von Walter Salles
mit Gael Garcia Bernal, Rodrigo de la Serna, Mia Maestro
 
Offizieller Wettbewerb
 
Synopsis: 1952 beschließen die beiden jungen Argentinier Alberto Granado und Ernesto Guevara, eine Entdeckungsreise durch ihren Kontinent Lateinamerika zu unternehmen. Sie brechen mit einem alten Motorrad auf, einer Norton 500 aus dem Jahr 1939, das sie „die Starke“ getauft haben. Ihre Expedition beginnt wie ein Abenteuer, entwickelt sich aber schnell in eine andere Richtung. Denn die Konfrontation mit der sozialen und politischen Wirklichkeit der bereisten Länder verändert die Weltsicht der beiden Freunde. Diese in einem entscheidenden Moment ihres Lebens gemachte Erfahrung weckt in ihnen neue Wertvorstellungen und den Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit.
 
Kritik: „Carnets de voyage“ ist die Verfilmung der einige Jahre nach der Reise niedergeschriebenen Erinnerungen des „Che“. Ein Film, der zeigt, dass große Ideen und Gefühle nicht unbedingt große Filme ergeben. Die Kamera folgt den beiden Kameraden Alberto Granado und Ernesto Guevara während ihrer Initiationsreise vom Ausgangspunkt Argentinien bis zur Ankunft Monate später im Norden Lateinamerikas. Über den Mythos Che Guevara hinaus, waren Walter Salles und sein Stab darauf bedacht zu zeigen, dass Ernesto Guevara und sein Freund bei Antritt der Reise noch naive junge Männer aus dem argentinischen Bürgertum mit vagen Idealen sind. Sie unternehmen die Reise um des Abenteuers willen, am Ende haben sie ein gefestigtes soziales, fast schon politisches Bewusstsein.
 
Regisseur und Drehbuchautor bemühen sich sehr, ohne jedoch wirklich zu überzeugen, den beiden Helden gleichermaßen Dichte zu verleihen, um den Road-Movie von einer Episode zur nächsten zu tragen und die Bewohner Lateinamerikas von Peru bis an den Amazonas wirklich greifbar zu machen. Alle Zutaten sind in idealer Mischung vorhanden: eine schöne Reise, der junge Schauspieler Gael Garcia Bernal, ein aufsteigende Stern mit Sex-Appeal, ein Vorwand für lehrreiche soziale und politische Diskurse, „wirkliche“ Menschen in Peru, Brasilien und Chile und eine Legende: Che Guevara, seine Aura, sein unwiderstehliches Charisma, das den Film lang mitschwingt. Bei einem solchen Konzept mag es nicht verwundern, dass der ausführende Produzent des Projektes der Regisseur von „Milagro“ und „A river runs through it“, Robert Redford, ist.
 
Je weiter die beiden Freunde auf ihrem Weg vorankommen, desto ernster wird der Film, konfrontiert mit den traurigen Gesichtern und den bleischweren Blicken der Armen Südamerikas, die Unrecht und Demütigung erdulden, konfrontiert auch mit den Zeugen der von Machtkriegen zerstörten Zivilisationen. Dennoch will der Film nicht funktionieren, und am Ende begeht Walter Salles seinen liebsten Fehler und trägt dick symbolträchtiges Pathos auf. Nach Dutzenden im Stil von Richard Avedons Porträts gehaltenen Schwarzweiß-Aufnahmen ausgemergelter, vom Leben ausgepresster Menschen, denen der Filmemacher heute ebenso begegnet wie die beiden jungen Männer gestern, hebt ein Flugzeug ab und mit ihm entfernt sich Guevara von seinem Freund Granado. Abblende, kleiner historischer Rückblick in Sachen Legende. Dann in Großaufnahme das beeindruckend gegerbte Gesicht des wahren Granado, der heute auf Kuba lebt. Er schaut dem gleichen Flugzeug nach: Und wieder schwindet die Emotion wie ein Phantom dahin.
 
Delphine Valloire

Erstellt: 21-05-04
Letzte Änderung: 22-05-04