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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 20. April 2008 > der Held: Winnetou

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 20. April 2008 - 20/04/08

der Held: Winnetou

Corinne Delvaux proträtiert nun zwei Helden, um die man in Deutschland nicht herumkommt: Winnetou und Pierre Brice. Genau genommen sind es zwei Helden in einem…

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Ich bin zwölf Jahre alt. Ich fahre zum ersten Mal zu meiner Brieffreundin nach Deutschland. Kaum angekommen, stürzen sich ihre großen Geschwister auf mich: Kennst Du den?

Er, das ist der prächtige Indianer dessen Poster die Wände ihrer Zimmer bedecken.
Äh…
Na, Pierre Brice, der große französische Schauspieler !
Äh…
Instinktiv spüre ich, dass es hier um etwas Außerordentliches geht, das ich eigentlich kennen muss. Weil ich nicht dumm dastehen will, murmele ich mit meinen drei Brocken Deutsch etwas Unverständliches. Und stehe dumm da.

Pierre Brice also. Ein Star in Deutschland. Wussten Sie jedoch, dass dieser Franzose in Frankreich völlig unbekannt ist ? Pierre Louis le Bris wurde 1929 in Brest geboren. Nach ein paar Statistenrollen spielt er im Jahre 1962 zum ersten mal Winnetou, den Apachenhäuptling, in dem deutschen Western Der Schatz im Silbersee. Ein enormer Erfolg. Es folgen elf weitere Filme, elf weitere Winnetouabenteuer, elf weitere Riesenerfolge. Pierre Brice-Winnetou ist in den 60. Jahren der Held der deutschen Jugend. Wer aber ist der Indianer Winnetou?

Winnetou ist ein deutscher Held. Sein Vater ist Karl May, ein deutscher Schriftsteller, den die deutschen Kinder vermutlich besser kennen als die französischen Kinder Jules Verne. Eine seltsame Person, dieser Karl May. Er wird 1842 in Sachsen in einer armen Familie geboren, will Grundschullehrer werden, kann aber das Stehlen nicht lassen, was dazu führt, dass ihm die Lehrerlaubnis entzogen wird und er für ein paar Jahre ins Gefängnis kommt. Das bessert ihn leider nicht, im Gegenteil. Er gibt sich bisweilen für einen Polizisten, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt aus, um weitere Schandtaten zu begehen. Und landet wieder im Kittchen. Dann findet er seine Berufung. Er schreibt.

Nach ein paar Romanen erscheinen die ersten Winnetoubände 1893. Es gibt in diesen Abenteuern zwei Helden: den Apachenchef Winnetou, ein edelmütiger, großherziger Indianer in einem Kostüm mit weißen Lederfransen, der auf einem tollen schwarzen Hengst reitet, und der Abenteurer Old Shatterhand, ein Deutscher, der ihm in Sachen Edelmut und Großherzigkeit um nichts nachsteht. Ja, zuverlässig, pünktlich, ehrlich, der grosse blonde gutaussehende Old Shatterhand ist das Idealbild des deutschen Mannes schlechthin.

Nun behauptet Karl May aber, dass es sich bei Old Shatterhand um ihn selber handelt und dass seine verschiedenen Bücher lediglich sein Leben als Trapper im Wilden Westen, seine Begegnung mit Winnetou, und ihre gemeinsamen Kämpfe gegen andere Indianerstämme, Gauner und Straßenräuber erzählen. Die Bücher sind packend, spannend von der ersten bis zur letzten Seite, und ihr Erfolg ist überwältigend. Welcher Deutsche hat nie als Kind Blutsbrüderschaft geschworen, so wie Winnetou und Old Shatterhand? Und alle deutschen Squaws heißen natürlich N’gorgie, wie Winnetous Schwester.

Karl May wird zum Idol der Jugend, bekommt hunderte von Briefen und will seine Leser nicht enttäuschen. Also verrät er immer mehr Einzelheiten aus seinem angeblichen Abenteurerdasein in Amerika und von seinen Asienreisen, denn er hat auch Reiseberichte verfasst. Schon zu seinen Lebzeiten wird seine Villa, die Villa Old Shatterhand im sächsischen Radebeul, zum Mythos. Das Problem ist, dass Karl May nur ein einziges Mal in Amerika war, und das lange nachdem er die Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand geschrieben hat. Der Schwindel fliegt auf und die anschließende Polemik und die verschiedenen Prozesse verdüstern Karl Mays Lebensabend. Doch diese Skandale erhöhen nur noch seinen Bekanntheitsgrad und die deutschen Kinder verschlingen auch weiterhin seine spannenden Abenteuer, die in 33 Sprachen übersetzt sind.

1962 beschließt der Produzent Horst Wendlandt, Winnetous Abenteuer ins Kino zu bringen, indem er Amerika in Jugoslawien nachbildet und die Titelrolle Pierre Brice anbietet. Einem Schauspieler, der immer nur diese eine Rolle spielen wird, denn es wird ihm nie gelingen, dieses vermaledeite Indianerimage loszuwerden. Also fügt er sich seinem Schicksal und begnügt sich von nun an damit, Jahr für Jahr den Apachenhäuptling Winnetou auf den Karl May Festspielen in Bad Segeberg zu geben.

Erstellt: 04-04-08
Letzte Änderung: 16-05-12


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