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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 20. April 2008 - 20/04/08

der Gegenstand: die Kartoffel

Essen Sie gern Kartoffeln? Umso besser, Nikola Obermann erzählt uns nun die Geschichte dieser Knolle, die sich in Deutschland sehr viel früher als in Frankreich verbreitet hat.

Wussten Sie, dass die Franzosen den deutschen Soldaten während des zweiten Weltkriegs den Spitznamen "doryphore" gaben, also "Kartoffelkäfer", diese Schädlinge, die die Kartoffelfelder verwüsten? Logisch: Die Deutschen verwüsteten nicht nur das Land, sie galten auch als große Kartoffelliebhaber. Die Franzosen wiederum essen gerne "Hachis-Parmentier": eine Schicht Püree, eine Schicht Hackfleisch, eine Schicht Püree. Und wissen Sie auch, warum  das Gericht Hachis-Parmentier heißt? Weil es Antoine Augustin Parmentier war, der die Kartoffel in Frankreich einführte.

Das weiß in Frankreich jedes Kind. Wenn man die Deutschen fragt, wer die Kartoffel in Deutschland eingeführt hat, kommt die Antwort nicht so fix. Nur wenige wissen, dass wir sie dem Preußenkönig Friedrich dem Großen verdanken. Die Kartoffel stammt ursprünglich aus den Anden und kommt 1555 mit den spanischen Eroberern nach Europa. Die ersten Pflanzungen entstehen um 1570 bei Sevilla. Im restlichen Europa glaubt man allerdings, dass die Kartoffel nicht schmeckt, dass sie giftig ist und sogar, dass sie Lepra verursacht! Im besten Fall hält man sie für ein dekoratives exotisches Pflänzchen.

Dann kommt der Dreißigjährige Krieg, von 1618 bis 1648. Die Österreicher und die Spanier haben sich gegen die Deutschen verbündet. Die Deutschen sehen, wie die Spanier Kartoffeln essen, und beginnen zaghaft, selbst davon zu essen, ohne jedoch Kartoffeln im großen Stil anzubauen. Die Franzosen essen weiterhin Brot und verachten die Kartoffel: Für sie ist die gerade mal gut genug, um Tiere oder vielleicht arme Leute zu ernähren. 

1756 herrscht in Deutschland ein ganz besonders harter Winter. Friedrich der Große befiehlt seinen Untertanen deshalb, überall Kartoffeln anzubauen. Der Erlass ging als der berühmte Kartoffelbefehl in die Geschichte ein. Der aufgeklärte Herrscher hat begriffen, welche vorrangige Rolle die Knolle spielen wird, sei es im Krieg oder während der Hungersnöte, die damals mit schrecklicher Regelmäßigkeit über Europa hereinbrechen. Die Kartoffel ersetzt nach und nach den Weizen und der alte Fritz behält Recht: Kartoffeln ernähren seine Soldaten während des Siebenjährigen Krieges, der im selben Jahr ausbricht.

Und jetzt kommt Antoine Augustin Parmentier ins Spiel. Während des Krieges gerät Parmentier in Kriegsgefangenschaft in der Nähe von Hannover. In dieser Zeit ernährt er sich ausschließlich von Kartoffeln, eine enorme Entdeckung für ihn. Zitat: "Sie waren zwei Wochen lang meine einzige Ernährung und ich fühlte mich weder schlapp noch krank". Nach dem Krieg wird er zum großen Befürworter der Kartoffel und verbringt einige Jahre seines Lebens mit Versuchen, daraus Mehl zu machen, um Brot zu backen. Tun Sie das lieber nicht zu Hause, es funktioniert nicht.

Nach jahrelangen Anstrengungen gelingt es Parmentier endlich, Ludwig den XVI. von der Knolle zu überzeugen, nur das französische Volk ist immer noch voller Misstrauen. Eine List muss her: Parmentier lässt Kartoffeln auf einem Feld anpflanzen, das er von Soldaten bewachen lässt. Er will der Bevölkerung weismachen, dass die Kartoffel nicht nur köstlich, sondern auch sehr wertvoll ist. In der Nacht ziehen sich die Bewacher dann zurück. Und siehe, es funktioniert: Das Volk stiehlt die Kartoffelpflanzen! Parmentier hat es geschafft, die Franzosen haben die Kartoffel entdeckt und bauen sie an. Endlich.

Erstellt: 04-04-08
Letzte Änderung: 16-05-12


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