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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 20. Mai 2012 > der Gegenstand: die Gitarre

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Karambolage 268 - 20/05/12

der Gegenstand: die Gitarre

Gilles Roqueplo ist ein französischer Grafiker, der schon lange für Karambolage arbeitet. Außerdem spielt er Gitarre. Heute erzählt er uns, woher seine Lieblingsgitarren stammen.

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Ach, die 60er Jahre: Amerikanische Schlitten, Rock’n’ Roll, Elvis Presley, Eddie Cochran… Die Franzosen denken wohl zuerst an die "Chaussettes noires", die "schwarzen Socken", oder die "Chats sauvages", die "wilden Katzen", mit Eddy Mitchell oder Dick Rivers, amerikanisch klingende Namen, die einen heute zum Schmunzeln bringen. Man ahmte damals übrigens nicht nur die Namen der US-Rocker nach: Pomadenfrisuren, enge Anzüge, spitze Schuhe, alles erinnert an die amerikanischen Rocker. Leider war es für die französischen Rocker gar nicht so einfach, sich die gleichen Instrumente zu beschaffen wie ihre Idole. Amerikanische Gitarren wurden nur spärlich importiert und wenn man mal eine fand, war sie sehr teuer. Die europäischen Gitarrenbauer beschlossen deshalb, für diesen neuen Markt Gitarren zu bauen, die denen nachempfunden waren, die die französischen Nachwuchsrocker zum Schwärmen brachten.

In Frankreich begannen die Brüder Jacobacci, die im Pariser Viertel Ménilmontant Banjos und Akustikgitarren bauten, mit der Herstellung elektrischer Gitarren, die farbenfroh waren und natürlich Ohio oder Texas hießen. Gleichzeitig gründete im ungarischen Schönbach, einer Stadt mit einer langen Tradition im Saiteninstrument- und besonders Geigenbau, ein gewisser Fred Wilfer die Firma Framus. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte er sein Unternehmen mit dem Einverständnis der Alliierten ins bayrische Erlangen. Ende der vierziger Jahre entwickelt er vor allem Jazzgitarren und als in den fünfziger Jahren Rock’n’ Roll in Mode kommt, baut er Instrumente mit exotisch klingenden Namen wie Hollywood oder Golden Television. Die Firma Höfner widerum nutzt ihre lange Erfahrung im traditionellen böhmischen Geigenbau, um Gitarren und Elektrobässe zu bauen, deren Form von Cellos inspiriert ist. Ein gewisser Paul McCartney, der in Hamburg mit den Beatles auf Tournée ist, erklärt die Höfner-Bassgitarre sogar zu seinem Lieblingsinstrument, da sich ihre Symmetrie perfekt für Linkshänder wie ihn eignet.

Wenn aber die Europäer, deren know-how von der Herstellung traditionneller Instrumente kommt, amerikanische Gitarren kopierten, woher haben dann die Amerikaner ihr Know-how? Schauen wir uns ihre Gitarren genauer an. Zuerst die Marken: Martin, Gretsch, Rickenbacker…. Das hört sich nun nicht unbedingt amerikanisch an. Und diese Gretsch-Gitarre, mit Schalllöchern, die wie F’s aussehen, als habe eine Geige Modell gestanden… Sie merken es, die amerikanischen Gitarrenbauer kommen ursprünglich aus … Europa. Die Akustikgitarren Martin, die durch Elvis Presley und Johnny Cash berühmt wurden, sind nach Christian Frederick Martin benannt, der 1796 in Markneukirchen in Sachsen geboren wurde. Er lernt den Geigenbau in Österreich und wandert mit diesem europäischen Know-how nach Amerika aus. Friedrich Gretsch widerum immigriert 1883. Er kommt ursprünglich aus Mannheim und gründet eine Banjowerkstatt, aus der später die Firma Gretsch entsteht, die die Gitarren baut, auf denen Eddie Cochran spielen wird. Und der junge Schweizer Ingenieur Adolph Rickenbacker, der in den 20er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in die USA immigriert, gehört zu den Erfindern der elektrischen Tonverstärkung und ist Vater der gleichnamigen Gitarren: Rickenbacker.

Es liegt auf der Hand: Die Amerikaner, die von den französischen und deutschen Gitarrenbauern nachgeahmt wurden, verdanken den Großteil ihrer Handwerkskunst… eben diesen Europäern.

Text und Bild: Gilles Roqueplo

Erstellt: 16-05-12
Letzte Änderung: 29-05-12


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