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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 18. November 2012 > der Gegenstand: der Zeitungskasten

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Karambolage 281 - 18/11/12

der Gegenstand: der Zeitungskasten

Markus Seitz beobachtet wie seine Landsleute mit einem Gegenstand umgehen, der seinen Benutzer in Gewissenskonflikte stürzen kann.

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Dies ist ein Zeitungskasten. Besonders in süddeutschen Kleinstädten findet man diese Kästen, in denen sich meistens Boulevardzeitungen befinden, um die Leser schnell und unkompliziert mit den aktuellsten Nachrichten zu versorgen. Demjenigen, dem diese Kuriosität nicht vertraut ist, sei sie hier erkärt:

An der Vorderseite des Gerätes befindet sich ein kleines Schaufenster, in dem der Interessierte die aktuelle Schlagzeile lesen kann. Entschließt er sich zum Kauf, stellt er fest, dass sich unter dem Deckel ein Münzeinwurf befindet, an dem der Kaufpreis entrichtet werden kann. Na sowas, die Klappe, die die Zeitungen unter Verschluß zu halten scheint, ist jederzeit zu öffnen. Man könnte sich also einfach eine Zeitung vom Stapel nehmen, das Bezahlen scheint folglich unnötig. Deshalb weisen Schilder an den Geräten darauf hin, daß eine Entnahme ohne Bezahlung Diebstahl ist.

Nun kann man an den Zeitungskästen drei verschiedene Typen von Kunden beobachten: Der erste ist der Ehrliche: brav prüft er den Preis, zählt das Geld ab, bezahlt und zieht mit seiner Zeitung von dannen. Der zweite ist der überzeugte Dieb: Geradezu provokant schlendert er an das Gerät, klappt den Deckel hoch, nimmt eine Zeitung und verschwindet mit seiner Beute, erfüllt vom Stolz auf seine kriminelle Energie. Der dritte Typ des Kunden ist der Betrüger: Auch er prüft den Preis, zählt ein paar Münzen ab, bezahlt und entnimmt die gewünschte Ware. Nur waren es lediglich ein paar Kupfermünzen, die ihren Weg in den Apparat fanden und in keinem Fall der volle Kaufpreis. Vielleicht beruhigt er so sein Gewissen. Vielleicht ist es nur die Angst vor Passanten, die sonst auf den Diebstahl aufmerksam würden.

In Frankreich gibt es solche Geräte nicht. Es gab wohl einige Versuche bereits um 1900 doch kein Gerät setzte sich durch. Die Automaten, die man Ende der 90er Jahre in der Pariser Metro aufstellte, mit Geldeinwurf und einer Klappe, die die Zeitung erst nach Bezahlung freigab, wurden regelmässig ausgeraubt, so dass sich der Verkauf nicht lohnte. Der Versuch wurde 2003 abgebrochen. Sind die Franzosen also unehrlicher als die Deutschen? Nun,es scheint, als sei auch in den meisten Teilen Deutschlands das Kundenprofil Nummer 3, also der Betrüger, am weitesten verbreitet. Deshalb hat sich in vielen deutschen Großstädten das System geändert und die Zeitungen liegen bis zur Bezahlung unter Verschluß.

Nur im Süden des Landes halten sich die frei zugänglichen Zeitungskästen standhaft. Ist der süddeutsche Kunde also ehrlicher als der aus Hamburg oder Berlin und als der Franzose sowieso? Oder hat er einfach nur mehr Angst, auf frischer Tat ertappt zu werden?


Text: Markus Seitz
Bild: JEP Animation / Carlo Palazzari

Erstellt: 27-06-07
Letzte Änderung: 06-05-13


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