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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 22. Februar 2004 - 22/02/04

der Gegenstand: das "Opinel"

das "Opinel"


Clara Wasser ist Journalistin. Sie lebt in Hamburg. Genauer gesagt, sie pendelt zwischen Frankreich und Deutschland. Und vor allem verbringt sie ihre Ferien oft mit Franzosen.

Waren Sie schon einmal mit Franzosen Wandern? Nein? Aber Sie wissen sicher, dass ein Wanderer nie ohne sein Taschenmesser loszieht. Bei uns in Deutschland bekommt jeder Junge irgendwann einmal ein echtes Schweizer Taschenmesser geschenkt, rot mit dem weißen Kreuz drauf. Mit mindestens 18 Funktionen, vom Messer bis zum Korkenzieher, mit Schere, Schraubenzieher, Zahnstocher und Pinzette, um nur ein paar zu nennen... ein praktisches Werkzeug also, das mit allen Situationen auf einer Wanderung fertig wird. Kurzum, ein Universal-Werkzeug.

Ganz anders bei einem richtigen Franzosen. Der hat nämlich immer ein ganz besonderes Messer bei sich, das den Namen seines Erfinders trägt, ein OPINEL. Auf den ersten Blick wirkt das Messer sehr überzeugend: ein Holzgriff, der sich gut anfühlt, die ergonomische Form… Schauen Sie nur, wie das Messer in die Hand liegt. Und das abgeschrägte Ende. Toll. Man hält das Opinel so, ein kurzer Schlag und klack, die Klinge springt etwas heraus, so dass man sie jetzt ganz einfach ausklappen kann. In dieser Hinsicht schlägt das Opinel das Schweizer-Messer um Längen. An diesem nämlich brechen Sie sich zwangsläufig ihre Fingernägel ab, es sei denn, Sie haben stets eine Zange dabei, was zugegebenermaßen etwas lästig ist. Auf dem Ring ist eine Zahl eingraviert, sehen Sie, dieses hier hat die Nummer 6, angeblich die von Damen bevorzugte Größe, Herren nehmen lieber die 8. Insgesamt gibt es 13 verschiedene Größen. Klappen wir es mal auf. Ab Größe 6 lässt sich dieser Ring drehen, um die Klinge zu blockieren. So, damit Sie sich nicht aus Versehen in den Finger schneiden. Patent, mag man denken.

Und jetzt untersuchen wir mal das Schweizer Messer nach ein oder zwei Jahren durchschnittlicher Benutzung: makellos, wie neu. Wie langweilig, würden die Franzosen sagen. Sehen Sie mal, wie ein Opinel altert. Das Holz wird stumpf, die oxidierende Klinge setzt wunderschönen Rost an. Zugegeben, dass das beim Anschneiden eines herrlich cremigen Camemberts besonders appetitlich ist. Eigentlich dürfte sie nicht rosten, denn wie reinigt man ein Eisenmesser mit Holzgriff? Natürlich ohne Wasser! Treuherzig erklärt der Franzose Ihnen, dass es reicht, die Klinge in die Erde zu rammen, um es zu reinigen. Fazit? Schauen Sie sich den Ring an. Ich kann mich noch so sehr abmühen, er sitzt total fest, vor lauter Rost, Sand, Erde und sonstigem Dreck. Das ist extrem gefährlich, denn ohne den Ring hat die Klinge keinen Halt mehr. Wie auch immer. Dieser Gegenstand lebt, er altert mit seinem Besitzer. Und jeder Franzose, der etwas auf sich hält, entwickelt zu seinem Opinel eine fast fetischistische Zuneigung.

Erstellt: 05-05-04
Letzte Änderung: 18-03-11


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