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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 22. Februar 2009 - 22/02/09

der Brauch: die Kohl- und Pinkelfahrt

die Kohl- und Pinkelfahrt


Felicitas Schwarz möchte uns heute einen winterlichen Brauch aus Norddeutschland nahebringen: Die Kohl- und Pinkelfahrt.

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Wir sind in Norddeutschland, irgendwo zwischen Hamburg und der holländischen Grenze. Es ist Winter. Doch, was ist das? Eine Gruppe torkelnder Spaziergänger zieht einen geschmückten Bollerwagen durch Nebel und Morast. Jeder in der Gruppe trägt an einem Band ein Schnapsglas um den Hals. Jetzt bleibt der Pulk stehen, trinkt laut johlend eine Runde Korn und gibt sich ungewöhnlichen Wettkämpfen hin. Auf dem Programm: Teebeutelweitwurf, Sackhüpfen und Wettstricken. Gruppentherapie durch Regression? Nun, es gibt ja weltweit viele Arten zu feiern. Dieser Brauch kommt aus meiner norddeutschen Heimat und nennt sich: "Kohl – und Pinkelfahrt". Tradition ist Tradition und so ist die alkoholisierte Wanderung der Höhepunkt eines jeden Vereinsjahres und irgendwie sehr deutsch.

Mit Kohl ist der Grünkohl gemeint, der nach der Wanderung traditionsgemäß in einem Wirtshaus gegessen wird. Unsere französischen Zuschauer kennen dieses Wintergemüse vermutlich nicht, denn es wird hauptsächlich in Nordeuropa angebaut. Grünkohl ist sehr dunkel und sein Blätter sind gekräuselt. Gut. Und was ist Pinkel? Ich weiß, was Sie jetzt denken. Es stimmt, die Wanderer trinken ja auch viel. Aber darum geht es hier nicht. Nein, mit Pinkel ist eine andere regionale Spezialität gemeint, und zwar eine geräucherte, schrecklich fettige Wurst, die ausschließlich zum Grünkohl gegessen wird. Die Herkunft ihres seltsamen Namens ist unklar: Die einen sagen "Pinkel" sei der plattdeutsche Name für Rinderdarm. Die anderen behaupten, dass die Pinkelwürste früher hängend gelagert wurden, wobei das Fett auf den Boden tropfte, so als würden die Würste pinkeln.

Trotz ihres unappetitlichen Namens und ihres hohen Kaloriengehalts verzehrt man Unmengen von Würsten auf einer Kohl- und Pinkelfahrt. Aus gutem Grund. Es steht nämlich noch ein weiteres Ritual an. Denn was wäre eine Kohl– und Pinkelfahrt ohne die obligatorische Wahl des Kohlkönigs?! Hierzu werden alle Teilnehmer vor und nach dem Essen auf die Waage gestellt! Kohlkönig wird natürlich der, der am meisten Kohl und Pinkel gegessen hat. Ein weiteres anspruchsvolles Auswahlverfahren ist zum Beispiel das "Da-ist-etwas-im-Pudding-Spiel": Hier wird König, wer ein Figürchen in seinem Nachtisch findet. So haben auch weniger starke Esser eine Chance, den sogenannten Fressorden zu gewinnen: einen beschrifteten Schweinekieferknochen.

Im 19ten Jahrhundert veranstalteten nur gutbürgerliche Herrenrunden Kohl- und Pinkelessen. Den Arbeitern fehlte es logischerweise an Zeit und Geld für solche Extravaganzen. Außerdem hatte ihnen Bismarck untersagt, sich in Vereinen zusammenzuschließen. Als Arbeitervereine 1890 schließlich legalisiert wurden, konnte endlich auch das einfache Volk die raffinierten Sitten der Oberschicht übernehmen und sich auf der Kohlfahrt betrinken. Wenn Sie nun denken, Sie seien im Rest der Republik vor diesem norddeutschen Ritual sicher, dann haben Sie sich geschnitten. Seitdem Deutschland einen Bundeskanzler namens Kohl hatte, der es selbstverständlich zum Kohlkönig schaffte, haben Kohl und Pinkel bundesweite Anerkennung erlangt.
Text: Felicitas Schwarz
Bild: Stefan Matlik

Erstellt: 20-02-09
Letzte Änderung: 11-09-09


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