Schriftgröße: + -
Home > Europa > Karambolage

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 22. Februar 2009 > der Ausdruck: das Gotha

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 22. Februar 2009 - 22/02/09

der Ausdruck: das Gotha

das Gotha


Wenn man von jemandem sagt, er gehöre zum Gotha, meint man, dass es sich um einen Prominenten handelt. Aber wissen Sie auch, woher der Ausdruck "Gotha" kommt? Hajo Kruse klärt uns auf…

Previous imageNext image
Anlässlich einer Prinzen-Hochzeit kann man in der Presse lesen: "Welch würdiges Ereignis. Der ganze Gotha war anwesend." Der Gotha ist, das wissen Sie vielleicht, ist die Crème aus Politik, Kultur und Jet-Set. Aber wer gehört eigentlich dazu? Die Gothaer vielleicht, die rund 60 Tausend Bewohner dieser liebenswerten Stadt in Thüringen, Partnerstadt von Romilly–sur-Seine? Wohl kaum.

Dabei gibt es unbestreitbar einen Zusammenhang zwischen Gotha und dem "Gotha". Klar. Aber welchen? Wir sind im 18. Jahrhundert. Gotha ist Teil des Fürstentums Sachsen–Gotha. Dieses kleine Fürstentum ist äusserst einflusssreich an vielen europäischen Höfen dank einer aktiven Heiratspolitik, um die Verbindungen mit den Herrschenden zu festigen. Doch die Stammbäume dieses deutschen Adels mit all ihren Verzweigungen sind so kompliziert, dass man Mühe hat, sich darin zurechtzufinden und echte von falschen Adeligen nicht mehr unterscheiden kann. Deshalb beschloss Fürst Friedrich der Dritte 1763 in Gotha einen Almanach der adeligen Familien zu veröffentlichen. Seitdem erscheint das nützliche Standardwerk jedes Jahr, fast 200 Jahre lang. Er teilt die herrschenden Dynastien in drei Gruppen: die bedeutenden, die weniger bedeutenden und der ganze adelige Rest.

Mit Napoléon wird die politische Ordnung Europas auf den Kopf gestellt. Der Franzosenkaiser, der sich liebend gerne überall einmischt, bemängelt natürlich, dass der Gotha viel zuviele deutsche Fürsten würdigt und kaum Vertreter des neuen Napoleonischen Adels. Auf jeden Fall hat die kaiserliche Familie der Bonaparte vor den anderen Königshäusern zu rangieren. In Gotha findet man einen diplomatischen Ausweg und gibt eine Zeitlang zwei Gothas heraus: einen französischen und einen für das restliche Europa. Nach dem 1. Weltkrieg, in dem zahlreiche gekrönte Häupter zu Tode kommen, wird der Gotha besonders wichtig. Wer sonst kann mit Sicherheit sagen, wer Anspruch auf welchen Thron und welchen Titel hat? Doch 1945 besetzt die Rote Armee Gotha und verbrennt kurzerhand die wertvollen Adels-Archive. Der europäischen Aristokratie droht ein heilloses Chaos...

Zum Glück besitzen die Adelsfamilien alle ein Exemplar des kostbaren Almanachs, die Spuren der aristokratischen Stammbäume sind also nicht alle getilgt und seit dem Jahr 2000 erscheint der Gotha wieder. Jetzt in London. Man braucht ihn unbedingt, um festzulegen, wer Anrecht auf Titel und Ehren hat und man braucht ihn auch, um Ansprüche auf enteignetes Gut in früheren Ostblockländern anzumelden. Der "unbestechlliche" Gotha ist also immer noch unersetzlich. Gerade in der heutigen Zeit, in der es immer schwieriger wird, die Leute mit echtem blauen Blut von einer neuen Geldaristokratie zu unterscheiden. Manche dieser Neureichen bilden sich ein, sie gehörten zum Gotha, fataler Irrtum! Auch wenn die Boulevardpresse so manche reiche oder berühmte Persönlichkeit zum Gotha zählt, das ist alles nur Augenwischerei! Da könnte schließlich jeder kommen…
Text: Hajo Kruse
Bild: Sabine Allard

Erstellt: 20-02-09
Letzte Änderung: 11-09-09


+ aus Europa